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Kluger Kopf: Florian Jungwirth (vorne) macht sich Gedanken zu Corona und den Folgen.  

Ex-Darmstädter Florian Jungwirth

„Du bist Tourist, oder?“

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Der frühere Darmstädter Fußballprofi Florian Jungwirth über sein Leben in den USA, das zu Corona-Zeiten ziemlich merkwürdig ist.

Florian Jungwirth hat die Bundesliga verlassen, um seinen USA-Traum zu leben. 2017 wechselte der 31-Jährige vom SV Darmstadt 98 zu den San José Earthquakes in die MLS. Jungwirth lebt im Silicon Valley. Dort erlebt er erstmals das Gefühl, nicht frei zu sein. Doch für ihn wiegen die Schicksale vor Ort viel schwerer. 

Herr Jungwirth, Sie haben inzwischen eine ordentliche Matte auf dem Kopf. Hat sich Ihre Ehefrau noch immer nicht dazu bereit erklärt, mit der Schere loszulegen?

Auf gar keinen Fall (lacht). Sie hat schon immer gesagt, ich soll mir die Haare lang wachsen lassen. Ich habe immer bis zum Übergang durchgehalten. Meine Haare locken sich ab einer gewissen Länge. Jetzt habe ich Zeit, diese Phase endlich mal zu überstehen. Um die Locken zu bändigen, müsste ich zum Glätteeisen greifen. Das wäre eine Premiere. Aber hey, warum nicht? Verrückte Zeiten, verrückte Maßnahmen.

Wie gehen Sie als Fußballprofi mit dieser Zeit um?

Jeder würde gerne das machen, was er liebt. Mir fehlt der Fußball. Aber in dieser Zeit merke ich auch, wie unwichtig der Sport ist. Ich verfolge die Nachrichten auf der ganzen Welt und erlebe, was das Virus für Menschen vor Ort bedeutet. Da verbietet es sich zu sagen: Ich will wieder Fußball spielen.

Sie haben die Bundesliga verlassen, weil Sie den Traum hatten, in den USA zu leben. In einem Interview haben Sie gesagt: „Ich möchte die Freiheit dort erleben.“ Jetzt erlebt unsere Generation zum ersten Mal das Gefühl, nicht frei zu sein.

Meine Frau und ich reisen gerne. Aber das ist im Moment nicht relevant. Das ist Jammern auf hohem Niveau und verbietet sich zu einer Zeit, in der so viele Menschen leiden. Ich sage mir oft: Unsere Großeltern haben einen Weltkrieg erlebt. Wir müssen nur zu Hause bleiben. Auch ich erlebe Phasen, in denen mich alles nur noch ankotzt. Aber meine Frau und ich fangen uns dann gegenseitig auf. Wir haben uns eine Liste erstellt, was wir aus dieser Zeit machen können.

Sie sind in Deutschland aufgewachsen. Wie erleben Sie die Corona-Krise in den USA in Bezug auf das Gesundheitssystem?

Die wenigsten sind krankenversichert. Kurz nachdem ich in die USA gezogen bin, ist eine Frau vor meinen Augen mit dem Rad schwer gestürzt. Sie war bewusstlos. Es stand außer Frage, dass ich den Krankenwagen rufen muss. Als sie wieder zu sich kam, ist sie hochgefahren, hat mich beschimpft und beleidigt, was mir einfällt, einen Krankenwagen zu rufen. Ich soll mich um meinen eigenen Scheiß kümmern. Die Frau ist schwer verletzt davon gehumpelt. Der Chef des Restaurants meinte nur zu mir: Du bist Tourist, oder? Keiner ruft hier einen Krankenwagen. Den muss man selbst bezahlen.

Was bedeutet die mangelnde Gesundheitsversorgung für die Menschen in der Corona-Krise?

Viele Menschen benötigen im Moment medizinische Behandlung. Deshalb ist es eine Extremsituation. Die Mutter unserer ehemaligen Hundesitterin ist zum Beispiel schwer krank geworden. Sie musste ihr Haus verkaufen, um die Behandlung bezahlen zu können. Jetzt wohnt sie bei ihren Kindern.

Kann man unser Gesundheitssystem erst richtig wertschätzen, wenn man solch eine Situation in den USA erlebt?

Ich habe die medizinische Versorgung in Deutschland immer für selbstverständlich gehalten. Ich habe das Glück, dass ich über die Liga krankenversichert bin. Das ist Luxus. Wir können froh sein, welches Gesundheitssystem wir in Deutschland haben. Jeder, der in der jetzigen Situation in diesem Land leben darf, sollte dankbar sein, dass Deutschland einer der größten Sozialstaaten der Welt ist.

Sie kommen aus Karlsfeld. Wie schwer ist es, in der jetzigen Zeit nicht bei der Familie zu sein?

Meine Freunde haben sich bei mir gemeldet und meinten: Wenn deine Mama irgendwas braucht, sag einfach Bescheid. Dieser Zusammenhalt ist großartig. Ich schätze jetzt noch mehr, was für eine tolle Familie und tolle Freunde ich habe.

Finden Sie es richtig, dass schon bald wieder der Ball rollen soll?

Darauf kann ich keine richtige Antwort geben. Mir tun die Menschen unendlich leid, die Restaurants oder kleine Boutiquen besitzen. Sie kämpfen um ihre Existenz. Innerhalb von zwei Wochen sind in den USA zehn Millionen Arbeitslosenmeldungen reingeflattert. Es gibt hier kein Arbeitslosengeld oder einen Kündigungsschutz. Für mich würde es sich falsch anfühlen, wenn ich trainieren kann, gleichzeitig aber die Menschen vor die Hunde gehen. Ich würde mir wünschen, dass erst mal alle Menschen mit Existenzängsten ihren Alltag zurückbekommen, bevor ich als Fußballprofi an der Reihe bin.

Und in Deutschland? Braucht die Gesellschaft die Bundesliga, um sich ablenken zu können?

Jeder braucht etwas Positives. Der Fußball hat in Deutschland einen hohen Stellenwert. Ein Spiel am Wochenende würde zumindest ein bisschen ablenken. In Zeiten wie diesen ist ein bisschen Unterhaltung nicht verkehrt.

Interview: Christoph Seidl

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