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Sehr her, ich kann es doch: Philippe Coutinho bejubelt seinem Galaauftritt gegen Werder Bremen.

Bayern München

Coutinhos Erleuchtung

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  • Hanna Raif
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Die zuletzt viel geschmähte Millionen-Leihgabe nimmt Werder Bremen beim 6:1-Sieg fast im Alleingang auseinander, bereitet zwei Treffer vor und erzielt drei Tore selbst.

Töchterlein Maria auf dem linken Arm, den Spielball in der rechten Hand – kostbar bepackt verließ Philippe Coutinho (27) nach seinem Galaauftritt gegen Werder Bremen den Rasen. Zuvor hatte der Brasilianer drei Treffer und zwei Vorlagen zum 6:1-Sieg der Bayern gegen Werder Bremen beigesteuert. Besonders eindrucksvoll etwa, als Coutinho das 2:1 durch Robert Lewandowski mit einem feinen Heber über zwei Bremer hinweg vorbereitete, das 3:1 mit nicht weniger Gefühl selbst per Lupfer erzielte und mit einem Kunstschuss für den Endstand sorgte. Coutinho zeigte sich kurz vor dem Ende seiner ersten Hinrunde in München magisch.

Als der Brasilianer später durch die Katakomben des Stadions schritt, war von Coutinhos Tochter zwar keine Spur mehr zu sehen, besagter Spielball klemmte aber immer noch unter seinem Arm. „Es war ein starker Auftritt von uns allen. Jeder ist stolz auf das Spiel, das wir gezeigt haben“, sagte der Offensivspieler und versuchte, seine Person nicht zu sehr in den Fokus zu stellen. Die Frage des Nachmittags freilich blieb: Ist beim brasilianischen Superstar nun endlich der Knoten geplatzt?

Mit großem Rummel war die Verpflichtung von Coutinho Ende August verkündet worden. Die Ein-Jahres-Leihe des „kleinen Magiers“ für 8,5 Millionen Euro vom FC Barcelona war die prestigeträchtige Antwort der Bayern auf diverse Superstar-Forderungen aus Spieler- und Fankreisen, nachdem der Wechsel von Leroy Sané wegen dessen Kreuzbandverletzung geplatzt war. Dementsprechend hoch war die Erwartungshaltung. Bis Samstag war Coutinho dieser nicht gerecht geworden. Die Bayern-Verantwortlichen verwiesen stets auf die Eingewöhnungsphase, die der Spieler bräuchte und die man ihm auch zugestehen würde. Wohlwissend, dass die Zeit für die Eingewöhnung immer kürzer wird. Und dass andere Spieler auf dem fußballerischen Niveau in neuen Vereinen sofort funktionieren – wie Cristiano Ronaldo bei Juventus Turin oder Antoine Griezmann beim FC Barcelona.

„Das ist heute hervorragend gewesen, wie er gespielt hat, sich bewegt hat. Genau das erwarten wir“, sagt Sportdirektor Hasan Salihamidzic nun. Trainer Hansi Flick schwärmt: „Die Mannschaft hat sich für ihn von Herzen gefreut, dass er so eine Leistung abgeliefert hat. Das war einfach klasse!“ Ausgerechnet unter Flick kam es zur Leistungsexplosion, obwohl Coutinho nach dessen Übernahme plötzlich außen vor schien. Vorgänger Niko Kovac erhielt noch dezente Anweisungen aus der Führungsetage, Coutinho mit viel Spielpraxis an sein Niveau aus Liverpooler Zeiten heranzuführen. Flick hatte freie Handhabe.

Bis Ende Mai müssen die Bayern nun entscheiden, ob sie die Kaufoption für 120 Millionen ziehen. Bisher wollten die Bayern die Sommertransfers von Sané und Kai Havertz angehen. Sollte Coutinho aber regelmäßig magisch aufspielen, könnte den Münchnern die Entscheidung doch noch schwer fallen. Indes zur allgemeinen Einordnung: Es war Samstag nur Werder Bremen mit Defensivpersonal aus dem zweiten Glied.

Dazu gehörte in München auch Jerome Boateng schon, der einen ganz anderen Nachmittag erlebte als Kollege Coutinho. Wäre ein Preis für das beste Outfit verliehen worden, stünde der Sieger außer Frage. Boateng verließ die Arena von Kopf bis Zehenspitze bestens gestylt. Man muss allerdings zur Verteidigung all seiner Teamkollegen sagen, die nach ihm aus dem Kabinengang schlenderten: Boateng hatte 45 Minuten mehr Zeit als die meisten, um sich in Schale zu werfen.

Der Arbeitstag des 31-Jährigen hatte ein frühes Ende genommen. Gelb-Rot gefährdet musste Boateng den Platz ausgerechnet in seinem 300. Pflichtspiel für den FC Bayern zur Halbzeit verlassen. 2:1 hatte es da gestanden, und sieht man es positiv, kann man herausstellen, dass Boateng die beiden Treffer der Bayern als Vor-Vor-Vor-Passgeber eingeleitet hatte. Sieht man es allerdings negativ, bleibt eher die Szene im Gedächtnis, in der er Milot Rashica davoneilen ließ, umkurvt wurde und beim Gegentreffer hilf- wie orientierungslos wirkte, und vor allem: zu langsam.

Nach einem 6:1-Erfolg Kritik zu üben, fiel den Beteiligten trotzdem schwer. Salihamidzic wollte Boateng explizit „keinen Vorwurf“ machen, sondern verwies auf die Fähigkeiten des flinken Bremers Rashica. Tatsächlich hatten die Gäste immer wieder über ihren Stürmer Konter eingeleitet, die die hoch stehenden und offensiv pressenden Bayern schlecht verteidigten. „Sie hätten auch das 2:0 machen können“, sagte Salihamidzic über die Szenen, in denen vor allem Boateng an seine Grenzen gekommen war. Allein gelassen, aber auch einfach nicht mehr so schnell wie zu besten Weltmeister-Zeiten. Ohne Lucas Hernandez und Niklas Süle ist die Bayern-Innenverteidigung für solche Aktionen nicht gemacht,

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