1. Startseite
  2. Sport

Commonwealth Games: Eine Fassade für großes Unrecht

Erstellt:

Von: Ronny Blaschke

Kommentare

Da piepts wohl: Auch Prinz Charles wird bei Eintritt ins Athlet:innen-Dorf gescannt.
Da piepts wohl: Auch Prinz Charles wird bei Eintritt ins Athlet:innen-Dorf gescannt. © AFP

Wie sehr werden die Commonwealth Games mit 5000 Teilnehmenden aus mehr als 70 Staaten und Territorien genutzt, um die brutale Geschichte des britischen Kolonialismus reinzuwaschen?

Königin Elisabeth II konnte die Commonwealth Games in der vergangenen Woche nicht persönlich eröffnen, aber ihr Sohn Prinz Charles überbrachte eine Botschaft von ihr. Birmingham sei eine Gastgeberstadt, die „symbolisch für die reiche Vielfalt und Einheit des Commonwealth“ stehe. Es war dann der offen schwul lebende Wasserspringer Tom Daley, der den symbolischen Staffelstab ins Stadion trug. Als Zeichen gegenüber den 35 Mitgliedsstaaten des Commonwealth, in denen Homosexualität noch immer kriminalisiert wird.

Auch außerhalb der Sportstätten springen einem die gesellschaftlichen Botschaften in Birmingham ins Auge. Auf Plakaten, in Museen, in der Bibliothek: Die Organisatoren werben für offene, nachhaltige Commonwealth Games. Mit mehr Medaillen für Frauen als für Männer, auch mit paralympischen Wettbewerben. Die Spiele sollen inklusiv sein, klimaneutral enden und die britische Bevölkerung zu mehr Bewegung animieren. Mehr als 5000 Sportler aus 72 Ländern und Territorien nehmen teil. Die englischen Gastgeber betonen immer wieder, dass die Athleten „gemeinsame Werte“ teilen. Von der gemeinsamen, oft brutalen Geschichte ist weniger die Rede.

In den 1920er Jahren, in der Zeit der größten Ausdehnung, hatte sich das britische Imperium auf ein Viertel der weltweiten Landfläche erstreckt. Die indische Ökonomin Utsa Patnaik glaubt, dass London allein aus Indien zwischen 1765 und 1938 Rohstoffe und Güter ins „Mutterland“ transportieren ließ, die heute einem Wert von rund fünfzig Billionen Euro entsprächen. Zum Allgemeinwissen in Großbritannien gehören solche Zahlen eher nicht, wie eine Umfrage des Meinungsforschungsinstitutes YouGov von 2020 nahelegt: Dreißig Prozent der Befragten glauben, dass es den einstigen Kolonien unter britischer Kontrolle heute besser ginge.

Seit dem Mord an George Floyd durch einen Polizisten in Minneapolis im Mai 2020 wird auch im Vereinigten Königreich mehr über strukturellen Rassismus gesprochen. Doch meist bleibe die Debatte oberflächlich, sagt der Sportsoziologe Stefan Lawrence von der Newman-Universität in Birmingham: „Etliche Medien und Politiker wollen die Geschichte reinwaschen. Sie betonen nur die angeblichen Errungenschaften. Dazu gehören Straßen, die in den Kolonien gebaut wurden – und dazu gehört der Sport.“

Ab Mitte des 19. Jahrhunderts nutzten britische Missionare, Beamte und Lehrer ihre Sportarten Fußball, Kricket oder Rugby auch als Mittel der Erziehung in der Karibik, in Afrika oder Asien. Der anglikanische Geistliche John Astley Cooper forderte 1891 in der Zeitung „Greater Britian“ ein Festival für Sport und Kultur. Cooper wünschte sich die Förderung „männlicher Eigenschaften“ wie „Mut, Selbstlosigkeit und Kameradschaft“. In einem Interview sagte er: „Wenn man nicht wie ich unter Schwarzen gelebt hat, kann man sich keine Vorstellung davon machen, welch wunderbare moralische und disziplinarische Wirkung Kricket auf die uns anvertrauten Schwarzen hat.“

Die ersten „British Empire Games“ fanden 1930 im kanadischen Hamilton statt. Der König hielt in London eine pathetische Rede und forderte Loyalität der Athleten zur Krone. Nach dem Zweiten Weltkrieg wuchsen die Spiele rasant, seit 1978 unter dem Namen Commonwealth Games. In den Sechziger Jahren erklärten in Afrika zahlreiche Länder ihre Unabhängigkeit. Der feierliche Bezug zur britischen Monarchie ging zurück. Zurzeit besteht der lose Bund für das Commonwealth aus 56 Ländern, darunter so unterschiedliche Staaten wie Australien, Ruanda, Zypern oder Samoa. An den Commonwealth Games nehmen auch kleine Inseln mit wenigen tausend Einwohnern teil, die Isle of Man, Jersey oder Guernsey.

Posen mit dem Königshaus: Prinz Charles trifft in Birmingham das Team aus Ruanda.
Posen mit dem Königshaus: Prinz Charles trifft in Birmingham das Team aus Ruanda. © AFP

Welche Glaubwürdigkeit können die Commonwealth Games heutzutage noch bieten, in einer Zeit, in der sich einige Staaten vom Verbund abwenden? Barbados ist seit kurzem eine Republik und Jamaika drängt auf Reparationszahlungen für den britischen Sklavenhandel. „Wir können den Sport nutzen, um über Geschichte und Gegenwart kritisch zu diskutieren“, sagt Geoff Thompson, der stellvertretende Verwaltungsratschef der Commonwealth Games in Birmingham. „Für mich beginnt die eigentliche Arbeit nach den Wettbewerben. Die neue Infrastruktur und die Community-Programme sollen der Gesellschaft langfristig zu Gute kommen.“

Geoff Thompson gehört zu den Funktionären, denen man solche Plädoyers abnimmt. Seine Eltern waren unter den Hunderttausenden, die nach dem Zweiten Weltkrieg aus der Karibik nach Großbritannien kamen und beim Wiederaufbau des Landes halfen. Thompson wuchs mit Rassismus auf, doch als erfolgreicher Karateka legte er sich „einen Schutzschild“ zu. Als junger Mann engagierte er sich gegen die Apartheid. Er konnte gut verstehen, dass 32 Nationen die Commonwealth Games 1986 in Edinburgh boykottierten, weil ihnen die Haltung der britischen Premierministerin Margaret Thatcher gegenüber dem Regime in Südafrika nicht streng genug war.

In diesem Jahr sollten die Spiele erstmals auf dem afrikanischen Kontinent stattfinden, doch das südafrikanische Durban gab den Zuschlag aus Kostengründen zurück. Nun also Birmingham, die zweitgrößte Stadt Großbritanniens, in der jeder Vierte außerhalb des Landes geboren wurde. Geoff Thompson ist sich bewusst, dass diese Vielfalt auch eine Folge des Imperialismus ist. Er verweist auf das Nachhaltigkeitskonzept der Spiele für Jugendsport, Gesundheitsvorsorge, Klimaschutz. Und er erinnert an die Commonwealth Games Manchester 2002 und in Glasgow 2014. Beide Städte hatten in der Industrialisierung eine wichtige Rolle gespielt, beide Städte verloren während der Globalisierung ganze Industriezweige, beide Städte etablierten den Sport als Element der urbanen Entwicklung.

Auch in Birmingham hat es Streit um Fördermillionen gegeben, einige Vertreter mit Einwanderungsgeschichte fühlten sich nicht eingebunden. In den britischen Medien ist davon aktuell wenig zu erfahren. Und auch im Stadtbild von Birmingham muss man länger nach Orten suchen, die einen kritischen Blick auf Sport und Geschichte werfen. Das „Pride House“ etwa zeigt in einer Ausstellung, in welchen Staaten des Commonwealth queeren Menschen das Recht auf Heirat, Adoption und Militärdienst verweigert wird. „Diese Gesetze wurden oft von der britischen Kolonialmacht eingeführt“, sagt Jon Holmes, Mitarbeiter im Pride House. Doch als der schwule Wasserspringer Tom Daley bei der Eröffnungsfeier auftrat, war von dieser Information keine Rede.

Auch interessant

Kommentare