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Erst Kreuzband gerissen, dann Schlüsselbein gebrochen: Andreas Wellinger.

Skispringen

Comeback eines Olympiasiegers

  • vonPatrick Reichelt
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Skispringer Andreas Wellinger blickt nach einem verlorenen Jahr und der Corona-Krise skeptisch in die Zukunft.

Als Andreas Wellinger endlich zurück auf der Schanze war, auf dem Terrain, das seine Welt bedeutet, da hat der Münchner ganz plötzlich wieder einen Hauch von diesem Gefühl gespürt. Von dieser Leichtigkeit, die einen Skispringer manchmal erfassen kann. Klar, das sagt noch nicht viel aus, vier Monate bevor der Winter ihn und seine Kollegen wieder hat. Aber zumindest hat es ihm ein Lächeln beschert: „Ich hätte nicht gedacht, dass es schon wieder so gut läuft.“

Wie hätte er es auch erwarten können? Fast ein Jahr hatte er den Bakken fernbleiben müssen, nachdem bei einem Trainingssturz in Hinzenbach das Kreuzband in seinem rechten Knie zerfetzt worden war. Doch nun wächst die Hoffnung, dass es etwas werden könnte mit der Rückkehr auf die großen Bühnen des Skispringens.

Wobei die Momente selten waren, in denen der 24-Jährige ernsthaft daran gezweifelt hatte. Das war nicht einmal in diesen seltsamen Tagen im Frühjahr anders. Zum ersten Mal überhaupt war Wellinger zu seiner Schwester geflogen, die die Liebe nach Australien gezogen hatte. Nach wenigen Tagen in Down Under fiel er im Flachwasser vom Surfbrett und ahnte schnell: Der Schmerz in seiner Schulter verhieß nichts Gutes. Sein Schlüsselbein war gebrochen.

Was folgte, klingt nach Chaos. In der gerade aufflammenden Corona-Pandemie durften ihn die Ärzte zunächst nicht behandeln, weil er noch keine zwei Wochen im Land verbracht hatte. Als er dann endlich die fällige Operation hinter sich gebracht hatte, war Australien gerade dabei, sich abzuschotten. Mit einem der letzten Flüge schaffte er die Abreise in Richtung Heimat. Mit der Erkenntnis, dass die Verletzung wenigstens zur rechten Zeit gekommen war. „Klar war das blöd“, sagte er, „aber wegen Corona hätte ich eh nicht viel machen können.“

So spricht ein positiver Mensch, aber so spricht auch ein Athlet, der die Gewissheit hat, mit seinen Blessuren wenigstens in besten Händen gewesen zu sein. Weite Teile seiner Rehabilitation verbrachte Wellinger im Zentrum seines Sponsors in Thalgau. Nicht zuletzt dort hat der Olympiasieger von Pyeongchang auch ein neues Gefühl für seinen Körper gelernt, das ihm nun beim Weg zurück helfen soll. In einer Szene, in der gerade Knieverletzungen mittlerweile fast schon Alltag geworden sind. „Ich habe Dinge gelernt, die mir helfen werden, dass mir dieser Mist nicht noch einmal passiert“, betonte er. Und die ihm auch helfen sollen, den Weg zur alten Stärke zu finden. Wobei Wellinger ahnt, dass schon der Weg im eigenen Team steinig werden könnte. Nicht weniger als sechs Athleten im deutschen A-Kader haben in ihren Karrieren schon Weltcupspringen gewonnen.

Es wartet ein Winter mit vielen Highlights. Doch was wird möglich sein, in Zeiten der Pandemie? Vor allem eine Heim-WM in Oberstdorf ohne Zuschauer wäre „sehr, sehr schade “. Und der Optimismus hält sich auch bei Wellinger in Grenzen: „Theoretisch wartet eine richtig geile Saison. Aber ich befürchte sehr, dass es eine beschissene wird.“

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