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Chefarzt über volle Stadien: „Dieser Wunsch ist nicht opportun“

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Von: Frank Hellmann

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Eindringlicher Appell: Chefarzt Felix Post.
Hat einen eindringlichen Appell: Chefarzt Felix Post. © Privat

Der Mediziner Felix Post erklärt im FR-Interview, warum das Hygienekonzept der Handball-WM auf den Prüfstand gehört und die Inzidenz im Profifußball so hoch ist.

Herr Post, wie haben Sie als Chefarzt eines angesehenen Klinikums die Lage vor zwei Jahren erlebt, als die ersten Meldungen vom Coronavirus nach Europa schwappten?

Ich bin zu diesem Zeitpunkt viel gereist, hatte etliche Vorträge und im Januar 2020 eine Reise nach China geplant, als die ersten Asiaten mit einer Maske geflogen sind und es hieß, von dort kommt eine neue Krankheit. Man hat gedacht: ,Ja gut, vieles kann kommen, wird schon nicht so schlimm sein, so wie eine Grippe.‘ Und dann waren wir alle überrascht von dem, was wirklich passierte. Hätte mir vor drei Jahren jemand erzählt, dass es in Deutschland einen Lockdown gäbe, hätte ich es nicht geglaubt. Plötzlich waren alle meine Kinder wieder zu Hause.

Sie waren lange Mannschaftsarzt beim FSV Mainz 05, sind noch eng mit dem Profisport verbunden: Es scheint, dass weder Impfungen noch Hygienekonzepte den Profisport vor Corona-Infektionen schützen, oder?

Die erste Idee bei dem Hygienekonzept war: ‚Wir wollen irgendwie spielen und erzeugen dafür die maximale Sicherheit‘. Das hat einigermaßen geklappt. Aber wenn wir im ‚richtigen Leben‘ die Covid-Infektionen nicht mehr verhindern, schaffen wir es im Profisport auch nicht vollständig. Von einer Null-Covid-Strategie müssen wir uns verabschieden. Ich habe vier Kinder, davon wohnen zwei noch zu Hause und gehen in die Schule. In der Klasse der einen Tochter sind vier Mitschüler positiv, bei der anderen Tochter zwei. Auch junge Fußballer sind oft Familienväter, die sich nicht zwei Jahre von der Familie fernhalten können. Wir müssen die positiven Fälle bei ihnen früh erkennen, um eine Ausbreitung zu verhindern.

Das gelingt gerade bei den deutschen Handballern bei der Europameisterschaft nicht.

Bei der aktuellen Handball-WM kann man leider sehen, dass die Kontrolle über das Ausbruchsgeschehen nicht immer gelingt. Zwar kann man eine Hallensportart nicht einfach mit einer Freiluftsportart vergleichen – und man sollte sich hüten, von außen ‚kluge Ratschläge‘ zu geben –, trotzdem sollte das Hygienekonzept der Handball-WM noch einmal auf den Prüfstand, um für die Zukunft daraus zu lernen.

Sind die gängigen Hygienekonzepte überhaupt noch gültig?

Die mir bekannten Hygienekonzepte müssen nicht neu definiert werden. Es wäre nur toll, wenn sich jeder daran halten würde. Die Blase war im Fußball auch schon mal strenger als sie heute ist. Wir sind alle ein bisschen unvorsichtiger geworden. Und ob jetzt eine Reise auf die Malediven in der Pandemie eine tolle Idee ist, weiß ich nicht.

Sie sprechen den Kapitän der Nationalelf und des FC Bayern an, Torwart Manuel Neuer, der seinen Winterurlaub dort verbrachte. Das war also nicht so schlau?

Wenn wir in der Blase leben, gilt die auch in den Ferien. Er ist in einer exponierten Position – so wie ich auch. Ich war seit zwei Jahren nicht mehr beim Skifahren. Das sähe als Chefarzt eines Krankenhauses einfach doof aus, wenn ich aus dem Skiurlaub mit einer Infektion zurückkäme. Ich habe mit meiner Position bestimmte Vorteile, aber auch ein paar Nachteile – dass ich nämlich bei mir selber noch strenger sein muss. Ich will gar nicht von moralischer Verantwortung sprechen, aber an einem Spiel des FC Bayern München hängt einiges dran. Daher war seine Reise zumindest unglücklich.

Wer die Inzidenz beim FC Bayern hochrechnet, kommt fast auf fünfstellige Werte. Kann man die Spieler von der Verantwortung freisprechen?

Wenn wir die Inzidenz im Fußball hochgerechnet haben, war die immer höher als in der Normalbevölkerung. Sie testen eben auch um ein Vielfaches mehr. In der Gesellschaft werden viele Schnelltests nicht gut durchgeführt, und bei Omikron kommen jetzt viele asymptomatische Verläufe dazu, die beim Normalbürger gar nicht erkannt werden. Gemessen daran, was Fußballer machen, wie oft sie testen, wie eng sie zusammen sind, gibt es relativ wenige Massenausbrüche. Ganz im Gegensatz zu England. Ich bin schon der Meinung, dass das Hygienekonzept weiterhin gut ist.

Covid-19 greift auch Leistungssportler völlig unvermittelt an, wie aktuell die Herzmuskelentzündungen von Alphonso Davies oder der beim Afrika-Cup abgereiste Pierre-Emerick Aubameyang zeigt. Müsste der Profisport nicht viel vorsichtiger mit dieser Erkrankung umgehen?

Die Frage kommt eigentlich fünf Jahre zu früh. Es ist schwer, über Langzeitschäden zu reden, wenn es noch keine Langzeitverläufe gibt. Corona macht im Durchschnitt sicherlich mehr Schäden als eine Influenza, wo sich die Infektion in der Regel auf die Lunge beschränkt. Jetzt haben wir es mit einer systemischen Erkrankung zu tun, sehen bei den schweren Verläufen Herz-, Lungen-, Nieren- und Darmprobleme oder neurologische Probleme. Über die Gefäße und Endothelien (die Zellschicht an der Innenfläche der Blut- und Lymphgefäße; Anm. d. Red.) kann alles im Körper betroffen sein. Ich bin seit mehr als 20 Jahren Arzt: Wenn ich mir die CT-Befunde von den schwerkranken Covid-Patienten anschaue, muss ich sagen: ,Ich habe so etwas noch nie in meinem Leben gesehen!‘ Da weiß ich nicht, wie diese wieder komplett gesund werden sollen.

Zur Person

Felix Post ist Chefarzt der Inneren Medizin/Kardiologie am Katholischen Klinikum Koblenz-Montabaur, wo er auch die Corona-Taskforce leitet. Der 53-Jährige war langjähriger Mannschaftsarzt des Fußball-Bundesligisten FSV Mainz 05 und betreut aktuell die Männer der EPG Baskets Koblenz in der Zweiten Basketball-Bundesliga und die Frauen des VC Neuwied 77 in der Volleyball- Bundesliga. Der Vater von vier Kindern absolvierte sein Studium der Humanmedizin an der Johannes-Gutenberg Universität in Mainz und gehört zum wissenschaftlichen Beirat der aus Mainz herausgegebenen Sportärztezeitung.

Wie stehen Sie dazu, dass die meisten Profisportler nach einer Corona-Erkrankung in atemberaubender Geschwindigkeit in den Betrieb zurückkehren.

Mal jenseits von Corona: Ich bin immer wieder überrascht, wie früh die Fußballer nach was für Erkrankungen oder Verletzungen wieder auf den Platz gehen. Das geht mir häufig zu schnell. Natürlich hat der FC Bayern viel mehr Geld, um beispielsweise Untersuchungen anzustellen, die etwa die Infiltrationen in der Lunge bei Joshua Kimmich zu erkennen. Das war offenbar eine Kontrolluntersuchung, die ihn möglicherweise vor einem Schaden bewahrt hat. Bei vielen anderen werden solche Untersuchungen gar nicht durchgeführt. Die meisten Menschen nutzen ihr Lungenvolumen gar nicht komplett aus. Wenn aber einem Profisportler nur zehn Prozent fehlen, kann es den Unterschied ausmachen, ob einer Weltklasse oder Kreisklasse ist.

Würden Sie aus medizinischer Sicht für ein standardisiertes Return-to-Play-Protokoll im Leistungssport plädieren?

So etwas fände ich super. Dann würden gewisse verpflichtende Mindeststandards definiert – zum Beispiel das „Graduated return to play guidance following Covid-19 infection“-Protokoll –, darüber hinaus könnte eine Sportart oder ein Verein natürlich immer mehr machen.

Sie haben mal gesagt: Das ideale Funktionsteam bei einem Bundesligisten müsste aus Experten aus Orthopäde/Unfallchirurgie, Innere Medizin/Kardiologie, Physiotherapie, dazu käme noch Ernährungsspezialist, Athletiktrainer, Rehatrainer, Osteopath und Psychologe. Müsste man jetzt noch einen Corona-Spezialisten dazunehmen?

Nein. Wer sollte das sein? Wir kennen diese Krankheit erst seit zwei Jahren, insofern gibt es keine Spezialisten für Covid im Sport. Ich nehme mal an, Herr Drosten ist ein Corona-Spezialist, aber er ist Virologe, und ich glaube, der könnte für den Profifußball gar nicht so viel kluge Dinge beitragen.

Viel diskutiert wird das Thema Publikum: In Deutschland sind die Stadien der Fußball-Bundesliga weitgehend leer, in Ungarn hingegen ist bei der Handball-EM die Halle voll mit 20 000 Fans. Was ist der richtige Weg?

Wenn in einem Fußballstadion wie beim FSV Mainz 05 sich 10 000 Leute auf den Plätzen verteilen, ist das von der Ansteckungsgefahr wahrscheinlich kein Problem. Aber: Sie müssen da irgendwie hinkommen, fahren vielleicht in Bussen, müssen mal auf Toilette gehen. Und wie realistisch ist das, dass sich die Fans wirklich gut getrennt voneinander stellen? Es sieht außerdem einfach blöd aus, wenn andere Lebensbereiche sich stark einschränken. Es passt nicht zusammen, wenn 10 000 Zuschauer bei einem Bundesligaspiel wären, aber man seine kranke Mutter trotz Corona-Test nicht im Krankenhaus besuchen darf. Und dass es nicht funktioniert, eine Halle mit 20 000 Menschen ohne Maske zu füllen, ohne Ansteckungen zu riskieren, ist vollkommen klar. Dasselbe haben wir bei der Darts-WM in England gesehen. So etwas ist nicht nötig, denn damit machen sich die Sportarten auch angreifbar. Da werden für eine Nebensachen Dinge erlaubt, die wir in der Hauptsache nicht gestatten.

Müssen die Fans bis Frühjahr warten, bis sie wieder zu einem Fußball-Bundesligaspiel dürfen?

Ich entscheide es nicht, aber ich glaube schon. Aber worüber reden wir: Messebauer gehen pleite, Bars und Discos sind geschlossen, Restaurants haben reduzierte Kapazitäten. Wenn Fußballvereine wirklich Geld einnehmen wollen, brauchen sie ein volles Stadion, aber dieser Wunsch ist nicht opportun.

Was kann jeder Mensch prophylaktisch machen, um sich besser gegen eine Infektion unabhängig vom Impfstatus zu wappnen?

Es gibt genügend Möglichkeiten, das Immunsystem zu stärken. Weil im Herbst das Risiko für Atemwegserkrankungen zunimmt, haben wir darauf geachtet, dass die Spieler Citrusfrüchte und Zink zu sich nehmen. Außerdem senkt ein hoher Vitamin-D-Spiegel die Gefahr eines schweren Verlaufes. Zur Stärkung des Immunsystems spielt vieles mit hinein: wenig Stress, ausreichend Schlaf und Bewegung, gesunde Ernährung und ein Punkt ist auch die Anpassung an die Kälte.

Wenn Sie sich mal zurücklehnen: Was hat Ihnen als Mediziner dieses Virus in den vergangenen zwei Jahren gelehrt?

(überlegt). Erstens: Ich bin zwar vom Fach, aber das war alles für mich komplett neu. Zweitens: Wie schnell wir reagieren können, wenn wir müssen. Und darüber hinaus: Ich bin echt erschrocken, wie sehr das Virus die Gesellschaft spaltet; wie schlecht man manche Dinge den Menschen erklären kann. Und da muss man sich auch hinterfragen, warum man bestimmte Gruppen komplett verloren hat. Wir müssen irgendwie versuchen, besser zu kommunizieren. Wir müssen wieder ein Grundvertrauen in die Medizin und Wissenschaft aufbauen. Den Rest bekommen wir hin. (Interview: Frank Hellmann)

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