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Sylvia Schenk.
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Sylvia Schenk.

Menschrechte im Sport

Causa Katar: Erhellende Zwischentöne

  • Jakob Böllhoff
    VonJakob Böllhoff
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Soll man die WM in Katar boykottieren? Natürlich nicht, betont Juristin und Menschrechtsexpertin Sylvia Schenk

Der erste Blick darf nicht der letzte sein, findet Sylvia Schenk, denn einfache Wahrheiten gibt es nicht auf dieser Welt. Auf Einladung des Vereins Frankfurter Sportpresse ist die Juristin und ehemalige Leichtathletin am Montagabend zu Gast bei einem virtuellen Pressegespräch. Thema: „Die UN-Leitlinien für Menschenrechte als Instrument für den Sport – was bedeutet das in der Praxis?“ Schenk, 68, hat eine Präsentation vorbereitet, gleich zu Beginn zeigt sie ein Foto, ihr Lieblingsbild von Olympia 2012 in London, wie sie sagt. Beachvolleyball der Frauen, Deutschland gegen Ägypten, Duell am Netz: Kira Walkenhorst im bekannten Beachvolleyball-Bikini-Dress für Frauen, während die Ägypterin Doaa Elghobashy Hijab trägt, lange Ärmel und eine schwarze Leggins.

Was sieht man, was will man sehen? Sieht man eine Frau aus einem arabischen Land, die auf Druck des Internationalen Olympischen Komitees bei Olympia teilnehmen darf, was in Sachen Menschenrechte durchaus ein Fortschritt ist? Oder sieht man eine verhüllte Frau und darin eine Menschenrechtsverletzung nach Standards des Westens?

Die Wirklichkeit hat viele Schattierungen, sie ist kein Dualismus aus Schwarz und Weiß und Gut und Böse. „Es gibt keine einfachen Lösungen“, sagt Sylvia Schenk, selbst Olympiateilnehmerin 1972 als 800-Meter-Läuferin und seit vielen Jahrzehnten in diversen Funktionen tätig im Bereich Sport und Menschenrechte. Sie plädiert dafür, sich „freizumachen von Einzelfällen“, bei Problemen müsse man immer nach den Gründen suchen, um echte Verbesserungen herbeiführen zu können. Differenzierung, heißt das Zauberwort.

Was ist mit den 6500?

Natürlich kommt Schenk in ihrem Vortrag irgendwann auch zum Thema Fußball-WM 2022 in Katar, auch die anschließende Diskussion mit den mehr als zwei Dutzend zugeschalteten Journalisten aus ganz Deutschland dreht sich darum. Mit Hinweis auf die Menschenrechtsverletzungen am Persischen Golf hatte es zuletzt ja immer lauter werdende Boykottforderungen für das Turnier gegeben. In Norwegen sprechen sich mehrere Profiklubs gegen eine Teilnahme ihres Landes aus, in Holland nimmt die Debatte Fahrt auf, wo eine Firma nicht mehr den offiziellen Rasen für die Stadien liefern will. In Deutschland tun sich Fans, Aktivist:innen und Wissenschaftler:innen im Netzwerk Boycott Qatar zusammen. Das Bündnis ProFans appelliert an den Deutschen Fußball-Bund an: „Ein rauschendes Fußballfest auf den Gräbern von Tausenden Arbeitsmigranten – daran teilzuhaben, wäre das Ende von Ethik und Würde.“

Sylvia Schenk weiß, wo die Wucht der Debatte auf einmal herkommt, sie kennt die Zahl, die neulich im „Guardian“ stand: 6500. So viele Arbeitsmigranten aus Indien, Pakistan, Nepal, Bangladesch und Sri Lanka sind in den vergangenen zehn Jahren in Katar gestorben. Eine normale Quote für entsprechende Bevölkerungsschichten? Oder doch eine gruselige Zahl, die auf unmenschliche Arbeitsbedingungen auf den WM-Baustellen zurückzuführen ist? Dieser Zusammenhang habe sich in einem medialen Stille-Post-Spiel entwickelt, erläutert Schenk, im „Guardian“-Bericht stand er nicht. Tatsächlich fehlten die Hintergründe zum Tod der 6500, um sie seriös einordnen zu können, Alter, Art der Beschäftigung.

Schenk ist immer auf der Suche nach den Zwischentönen. Katar mag nach europäischen Maßstäben immer noch ein rückständiges Land sein. „Aber wer leugnet, dass sich dort etwas bewegt hat, der verkennt, was die Gewerkschaften dort geleistet haben“, sagt die Juristin; der verkenne auch den Stolz der Arbeiter auf die fertigen Stadien. Man solle vielmehr die Strahlkraft des Sports nutzen, um auf Missstände aufmerksam zu machen und Prozesse anzuschieben. „Ein Boykott“, sagt Sylvia Schenk, „bringt nie etwas.“ Schon gar nicht Licht ins Dunkel der Menschenrechtsverletzungen.

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