Bundesliga

Bundesligastart: Eine ganze Liga auf wackeligen Beinen

  • Jan Christian Müller
    vonJan Christian Müller
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Wie viele Fans dürfen in die Stadien? Welche Klubs überstehen die Krise? Ist der Fußball überhaupt noch sexy? Die Bundesliga startet.

  • Heute startet die Fußball-Bundesliga in die neue Saison.
  • In Zeiten von Corona ist alles anders als sonst.
  • Die Vereine haben Probleme, die Fans fremdeln.

Frankfurt - Jahrelang waren sie die Schattenmänner, die kaum wahrgenommen wurden: Thomas Treß von Borussia Dortmund, Oliver Frankenbach von Eintracht Frankfurt, Jan Lehmann von Mainz 05 oder Alexander Wehrle vom 1. FC Köln. Jetzt, in der Corona-Krise, die vor dem Saisonstart an diesem Freitag längst auch zur Finanzkrise der Fußball-Bundesliga geworden ist, haben die Schatzmeister neue Bedeutung bekommen.

Die Herren der Zahlen bestimmen mehr denn je, was geht. Und vor allem: was nicht geht. Die viel berühmteren Sportchefs, meist Ex-Profis, die gerade in gebotener Tiefe lernen, dass „Liquiditätsengpass“ nichts mit Raumnot im Mittelfeld zu tun hat, müssen sich fügen.

Wieviele Fans dürfen in die Stadien?

Die Mindereinnahmen aufgrund teilweise ausgefallener TV-Einnahmen, Sponsoren- und Eintrittserlöse variierten im Geisterspielmodus schon von der Unterbrechung der Saison im März bis zum verspäteten Ende der Spielzeit im Juli zwischen vier (Mainz 05), elf (1.FC Köln), 20 (Frankfurt) und 44 Millionen (Dortmund) Euro. Die Worst-Case-Szenarien für den laufenden Betrieb sind noch viel betrüblicher. Dass die Zuschauer zeitnah zurück in die Arenen kehren, und zwar nicht bloß ein paar Hundert oder Tausend, ist nicht nur ein „sozialgesellschaftlicher Auftrag“, wie St.-Pauli-Präsident Oke Göttlich bekundet, sondern pure wirtschaftliche Notwendigkeit.

Eintracht Frankfurt mit 60-80 Millionen Umsatzeinbußen in der Bundesliga

Beispiel Eintracht Frankfurt: Die Saison-Umsatzeinbußen ohne Stadionbesucher beziffert Finanzchef Frankenbach auf 60 bis 80 Millionen Euro und folgert, dauerhaft würde man das „sicher nicht überleben“. Die größte Gefahr ist erst mal abgewendet: Mit 6500 Fans in der Arena gelingt ein erster Schritt des Gegensteuerns, auch wenn eine solche Zahl wirtschaftlich einem Nullsummenspiel gleichkommt.

Der ehemalige Frankfurter Vorstand Heribert Bruchhagen beschreibt „völlig neue Herausforderungen“ für die Bundesliga-Manager. Für die käme wegen Corona „jetzt ein Kriterium hinzu: Krisenmanagement“. Bruchhagens Nachfolger Fredi Bobic hat längst erspürt, dass „das Geld für Ablösen nicht mehr so locker sitzt“. Und er fürchtet: „Klubs mit großen Namen könnten insolvent gehen.“ Der Transfermarkt, erklärte Bobic dieser Tage dem Portal T-Online, „erinnert mich aktuell ein bisschen an meine Schulzeit: Damals, als wir Panini-Bilder tauschten.“ Tauschhandel statt Abarbeitung von Einkaufslisten - das ist gerade die Realität.

Der Transfermarkt in der Bundesliga liegt fast brach

Viele Klubs bieten Spieler aus ihren oft mit weit mehr als 30 Profis aufgeblähten Kadern fast wie Sauerbier auf dem internationalen Markt an. Indes: Weil genau das nahezu alle tun, ist das Geschäft zähflüssiger denn je. Beispiel Mainz 05: Die solide geführten Rheinhessen überleben beharrlich Saison für Saison mit Überschüssen im Oberhaus, weil sie Spieler regelmäßig nach ein paar Jahren weit teurer verkaufen, als sie sie erstanden haben.

Das Prinzip funktioniert nur gerade nicht. Die Hoffnung etwa, den Mittelstürmer Jean-Philippe Mateta gewinnbringend zu veräußern, ist bisher nicht aufgegangen. Ohne Corona wäre der Franzose längst weg und die Kasse mit 20, 25 Millionen Euro aufgefüllt. Auch Eintracht Frankfurt hat die Information in den Markt gegeben, dass die Topleute Filip Kostic und Kevin Trapp gewiss nicht unverkäuflich sind, aber: Kein Klub biss bisher an.

Doch leere Ränge in München

Wegen der Corona-Entwicklung in München wird das Eröffnungsspiel der Fußball-Bundesliga zwischen dem FC Bayern und Schalke 04 nun doch ohne Zuschauer ausgetragen. Das entschied die bayerische Landeshauptstadt gut 30 Stunden vor Anpfiff der Partie am Freitagabend, nachdem sie neue Werte vom Robert Koch-Institut übermittelt bekommen hatte. Eigentlich hätten erstmals seit dem Lockdown 7500 Fans in das Stadion kommen sollen. dpa

Selbst der vergleichbar wohlhabende, vom österreichischen Milliardär Dietrich Mateschitz gepamperte RB Leipzig rechnet mit spitzem Bleistift. So zerstob die Hoffnung von Werder Bremen, den flinken Stürmer Milot Rashica komplikationslos für weit mehr als 20 Millionen Euro nach Sachsen zu transferieren. Von der festgeschriebenen Ablösesumme von 36 Millionen Euro war da längst schon keine Rede mehr, derart krass ist der Preisverfall.

Der schwer gebeutelte FC Schalke 04 war in seiner Verzweiflung gar bereit, seinen besten Mann, den US-Nationalspieler Weston McKennie, für eine Gebühr von 4,5 Millionen Euro an Juventus Turin zu verleihen. Erst bei Gefallen könnte kommendes Jahr eine Kaufoption von 18,5 Millionen greifen. Ohne Corona hätte Juve sicherlich sofort überwiesen, indes: Der italienische Meister hat gerade einen Verlust von 71 Millionen Euro für die abgelaufene Saison vermelden müssen. Da sitzt das Geld also gerade auch nicht locker. Fredi Bobic erklärt: „Ich glaube, die Vereine werden vorsichtiger. Denn jetzt sehen sie, was passieren kann.“

So kommt es, dass viele Mannschaften mit nur wenig verändertem Kader in die neue Saison gehen, was gar nicht mal schlecht sein muss. Die Bereitschaft der Sportvorstände, sich von Spielerberatern noch einen wechselwilligen Profi nach dem Prinzip des „Versuchs und Irrtums“ aufschwatzen zu lassen, ist spürbar gesunken. Und auch die Spieler selbst wissen gerade sehr genau, wie angenehm in Zeiten schwindender Umsätze ein laufender Vertrag sein kann.

Der Kommentar zum Bundesliga-Auftakt: Wenn Fans fremdeln

Immerhin ein Profi mit Weltstar-Potenzial ist zurück in der Bundesliga: Der FC Bayern profitierte von der Corona-Krise, weshalb Leroy Sanés Ablösesumme an Manchester City um fast zwei Drittel auf 45 Millionen Euro schrumpfte. Vier einheimische Nationalspieler haben die deutsche Eliteklasse dagegen verlassen, weil woanders besser bezahlt wurde: Supertalent Kai Havertz und Torjäger Timo Werner zog es zum gut betuchten FC Chelsea nach London, die beiden vormaligen Freiburger Robin Koch und Luca Waldschmidt zu Leeds United und Benfica Lissabon.

Der FC Bayern profitierte von der Corona-Krise: Leroy Sanés Ablösesumme an Manchester City schrumpfte auf 45 Millionen Euro.

Eine vielfach diskutierte Reglementierung der Profigehälter, Stichwort Gehaltsobergrenze, die auch der Frankfurter Bobic sich wünscht, erscheint vor diesem Hintergrund national kaum durchsetzbar. Noch in diesem Spätsommer soll eine am Mittwoch gegründete Kommission „Zukunft Profifußball“ - in der auch Ex-Kanzlerkandidat Martin Schulz Aufnahme fand - Ideen entwickeln, wie die Bundesliga sich künftig aufstellen soll: robuster gegen Finanzkrisen, einfühlsamer gegenüber Fans, solidarischer mit der Gesellschaft.

Corona droht die Entfremdung noch zu beschleunigen

Die Vordenker kommen aus Hamburg, Bremen und Mainz. Werder-Aufsichtsratschef, Ex-Nationalspieler Marco Bode, empfiehlt ein „nationales und internationales Financial Fairplay, das den Namen verdient, eine gerechtere TV-Verteilung und Überlegungen über eine Reglementierung der Ausgaben“. Kollege Oke Göttlich vom FC St. Pauli will „das bisherige System im Profifußball hinterfragen“ und glaubt, dass es „einem neuen System des solidarischen Miteinanders wird weichen müssen“. Nur so könne sich der Fußball gesundschrumpfen, „was nebenbei auch ein wichtiges Zeichen gegenüber der Gesellschaft und vielen existenzbedrohten Menschen wäre“. Der Mainzer Aufsichtsratschef Detlev Höhne fügt hinzu: „Die Corona-Krise zeigt deutlich, dass es keine Wettbewerbsgleichheit in der Liga mehr gibt. Der Fußball gehört den Fans und nicht einer Handvoll Superreicher.“

Ligachef Christian Seifert weiß, dass der deutsche Profifußball dank der alljährlichen Milliardenerlöse durch die TV-Einnahmen noch immer vergleichsweise weich gepolstert ist: „Die Kollegen vom Handball, Eishockey und Volleyball kämpfen um ihre blanke Existenz.“ Mit einer sehr sozialen Marktwirtschaft und einer Gleichverteilung aller TV-Einnahmen, wie von Oke Göttlich und vom Mainzer Jan Lehmann gefordert, kann sich Seifert nicht anfreunden, denn: „Das würde die Meisterschaft nicht spannender machen.“ Er sieht darin die falsche Debatte und glaubt im „Kicker“-Interview auch nicht, dass Topteams wie die Bayern mitmachten, „wenn sie gewissermaßen enteignet würden“. Da dürfte er sehr recht haben.

Der Geschäftsführer der Deutschen Fußball-Liga sorgt sich vielmehr darum, dass der Fußball laut einer Studie in der Zielgruppe der 16- bis 24-Jährigen stark an Bedeutung verliert. Corona droht diese Entwicklung der Entfremdung noch zu beschleunigen. Die Pandemie, so der Top-Manager des deutschen Fußballs, habe sich „wie ein dämpfender Schleier über alles gelegt“.

Rubriklistenbild: © Bernd Kˆnig via www.imago-image

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