Kommentar

Bundesliga-Auftakt: Wenn Fans fremdeln

  • Thomas Kilchenstein
    vonThomas Kilchenstein
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Der Profifußball hat innerhalb kürzester Zeit an Reiz eingebüßt. Vorfreude will vor dem Bundesliga-Start nicht recht aufkommen. Ein Kommentar.

Man liegt sicher nicht falsch mit der Behauptung, wonach die am heutigen Abend beginnende 58. Bundesligasaison eine außergewöhnliche, eine einzigartige zu werden droht. Solch eine Saison mit derart vielen - nichtsportlichen - Ungewissheiten, Unsicherheiten, Variablen hat es noch nie gegeben, es wird eine Runde geben, von der keiner sagen kann, ob, wann und unter welchen Bedingungen sie endet - ein neues Aufflackern der Corona-Pandemie, womöglich im Herbst mit der zweiten Welle, erscheint als Menetekel an der Wand.

Klare Botschaft: Fußball ohne Fans ist Nichts!

Selbst wenn der schlimmste Fall gar nicht eintritt, wenn nach und nach so etwas wie Normalität hergestellt werden soll, so fehlt vor allem eines: die Vorfreude auf die neuen Spiele. Seien es nun 8.000 oder 12.000 Menschen in Stadien, die 40.000, 50.000 oder mehr Besucher fassen könnten, es ist nur ein schaler Abklatsch aus jenen guten Zeiten vor Corona. Natürlich war auch da nicht alles gut, auch da gab es absurd hohe Gehälter, wurde mit astronomischen Zahlen jongliert, wurden goldene Steaks verzehrt und Reichtum schamlos dargestellt. Doch das hat der Fan irgendwie hingenommen, das gehörte halt zur Show dazu.

Bundesligatsart: Die Anhänger rücken ab

Krise, Lockdown und persönliche Betroffenheit haben jetzt den Scheinwerfer verstellt. Die Menschen bekommen nicht mehr unter einen Hut, wenn einerseits Kurzarbeit und Arbeitslosigkeit drohen, Fußballklubs andererseits trotz Geldspritzen in Zig-Millionen-Höhe wegen fehlender Rücklagen und Einnahmen vor der Insolvenz stehen und Landesbürgschaften in Anspruch nehmen müssen. Der Profifußball hat innerhalb kürzester Zeit an Reiz, an Ansehen eingebüßt, die Anhänger fremdeln mit diesem irrsinnigen Konstrukt, rücken ab von diesem hochgejazzten Zirkus. Und steigen aus. Viele Fans haben schlicht keine Lust mehr auf die blutleeren Spiele, gerade jetzt, wenn alles fehlt, was einen Stadionbesuch ausmacht: Nähe, Emotionen, Gemeinschaftsgefühl, Stimmung.

Viele haben in Zeiten von Geisterspiele gemerkt: Es gibt ein Leben ohne Stadionfußball. Und das ist auch nicht so schlecht. Eintracht Frankfurt-Vorstand Fredi Bobic hat recht, wenn er befürchtet, eine ganze Generation an Fans zu verlieren. In der fußballlosen Zeit ist viel von Demut gesprochen worden, vom Umsteuern, von mehr Vernunft und Bodenständigkeit, zu der der Profifußball zurückkehren müsse. So viel ist da bislang nicht geschehen. Der Fußball spielt auf Bewährung, das Publikum ist sensibilisiert. Die Bundesliga wäre gut beraten, in Vorleistung zu treten.

Rubriklistenbild: © Federico Gambarini/dpa-Pool/dpa

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