Kommentar

Breitensport ohne Lobby

  • Jörg Hanau
    vonJörg Hanau
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Vor allem die Kinder sind Verlierer der neuerlichen Corona-Beschränkungen für die Vereine. Ein Kommentar.

Angst ist von jeher ein schlechter Berater. Das wissen alle. Und doch, sie ist groß. Die Furcht vor dem exponentiellen Anstieg der Neuinfizierten in Zeiten der Corona-Pandemie begleitete die politischen Entscheider:innen auch am Mittwoch. Der neuerliche Lockdown light bis Ende November - und vermutlich darüber hinaus - erscheint vielen Menschen zwar nachvollziehbar und alternativlos. Ist er aber auch wirklich durchdacht und in sich logisch?

Daran gibt es Zweifel. Gastwirte, die mitunter viel Geld in die Hand genommen haben, um den Hygienestandards zu entsprechen, fühlen sich von der Politik im Stich gelassen. Denn Shoppingcenter dürfen weiter ihre Türen öffnen. Das passt irgendwie nicht zusammen. Nicht anders verhält es sich mit Schulen und Kindertagesstätten. Sie bleiben geöffnet. Aus gutem Grund, wie wir alle wissen. Aber warum dürfen dieselben Kinder, die am Vormittag in den Klassenräumen Goethes Faust pauken, am Nachmittag nicht auch gemeinsam Sport treiben? Eine Gretchenfrage. Beantworten kann sie aber niemand. Denn wer kann wirklich sagen, wo sich beispielsweise die gestern vom Robert-Koch-Institut (RKI) gemeldeten mehr als 16 700 Neuinfizierten wirklich angesteckt haben? Die Gesundheitsämter sind längst schon nicht mehr Herr der Lage. Wenigstens das wissen wir.

Der Breitensport, bedeutet Alfons Hörmann gestern, sei nachweislich kein Infektionstreiber. Eine kühne Behauptung? Ein plakativer Slogan? Wir kennen keine Zahlen, niemand weiß sie. Der Mann ist als Präsident des deutschen Olympischen Sportbunds (DOSB) der oberste Repräsentant der mehr als 27 Millionen Mitglieder aus 90 000 Vereinen. Hörmann, im vergangenen März bei der Wahl zum Landrat im Oberallgäu in der Stichwahl gescheitert, gibt sich staatstragend solidarisch. Er trägt den Lockdown zähneknirschend mit - wohl auch, weil er weiß, dass der DOSB seinen Vereinen mit seinem jüngst veröffentlichten Hygiene-Rahmenkonzept zwar wichtige Hilfestellung geben konnte, die Probleme des Sports aber nicht auf dem Fußballplatz oder in der Turnhalle liegen. Es sind die Umkleidekabinen und Vereinsheime, die als potentielle Hotspots von der Politik ausgeguckt wurden. Auf die freiwillige Selbstkontrolle der Sportler will und kann sich in Berlin offensichtlich nicht mehr verlassen werden.

Zu groß ist die Angst, die Krise nicht mehr beherrschen zu können. Dafür möchte niemand die politische und gesellschaftliche Verantwortung übernehmen. Ein differenzierter Blick auf den Vereinssport scheint deshalb gar nicht gewollt. Wirtschaftlich spielt er eine vernachlässigbar kleine Rolle. Das ist zu beklagen, aber Fakt. Dem Breitensport fehlt die Lobby. Und die Zeche dafür zahlen unsere Kinder.

Rubriklistenbild: © picture alliance/dpa

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