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Fußball-Geisterspiele in Deutschland: Dreimal in der 2. Liga

Bundesliga

Die bösen Geister

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Das Virus hat den Fußball genau dort schon ganz gut im Griff, wo er vom gemeinen Volkssport zum großen Geschäft geworden ist.

Bei Borussia Mönchengladbach fallen dieser Tage die geplanten Expertenführungen zur Sonderausstellung „Günter Netzer – Aus der Tiefe des Raumes“ komplett aus. Aus der Tiefe des Raumes hat auch das Coronavirus den Niederrhein erreicht. Die Stadt Mönchengladbach informierte am Dienstag über eine weitere erkrankte Person, womit es dort bereits acht Fälle von Infektionen mit dem neuartigen Virus gibt, 171 Personen befänden sich in häuslicher Quarantäne. So kam es wenig überraschend, dass die Kommune entschied, die Austragung des wegen des Sturms „Sabine“ neulich abgesagten Rheinderbys gegen den 1. FC Köln am heutigen Mittwochabend (18.30 Uhr) nur unter Ausschluss der Öffentlichkeit zu erlauben. Wenig später zog Dortmund nach und veranlasste ebenso ein sogenanntes Geisterspiel: Ausgerechnet das Revierderby des BVB gegen Schalke 04 am Samstag um 15.30 Uhr findet vor leeren Tribünen statt. Da am Nachmittag auch das gesamte Bundesland Nordrhein-Westfalen nachzog, trifft das Geisterspieldekret auch die Partien Düsseldorf gegen Paderborn am Freitag und Köln gegen Mainz am Samstag. In Baden-Württemberg wird die Partie zwischen der TSG Hoffenheim und Hertha BSC am Samstag ebenfalls ohne Fans ausgetragen. Auch Hessen sprach am Dienstagnachmittag eine Empfehlung dazu aus. 

In Bayern waren da bereits durch eine Entscheidung der Staatsregierung alle Veranstaltungen mit mehr als tausend Besuchern bis zum Ostersonntag, 19. April untersagt worden, das sind immerhin fünfeinhalb Wochen. Es trifft am Wochenende die Begegnungen Augsburg gegen Wolfsburg (erste Liga), Fürth gegen Hamburger SV, Regensburg gegen Kiel (zweite Liga), München 1860 gegen Duisburg und Ingolstadt gegen Bayern II (Dritte Liga) sowie weitere Regionalligaspiele, die somit ohne breites Publikum stattfinden müssen. Bayern München ist mit den Begegnungen gegen den FC Chelsea am 18. März in der Champions League, gegen Eintracht Frankfurt am 22. März und Fortuna Düsseldorf (11. April) in der Bundesliga sowie bei einem mögliche Königsklassen-Viertelfinale im April betroffen. Zudem teilte die Stadt Nürnberg dem DFB mit, dass auch das Länderspiel am 31. März gegen Italien ohne Zuschauer stattfinden muss. Der Verband hatte es nicht anders erwartet: „Die Behörden haben nun klare Vorgaben gemacht, für die wir dankbar sind“, sagte Generalsekretär Friedrich Curtius, „auch wenn es natürlich bitter ist, dass dieser Klassiker vor leeren Rängen stattfinden muss.“ Auch das Land Bremen hat am Dienstagmittag entschieden, dass Veranstaltungen mit mehr als tausend Besuchern bis zum 26. Mai nicht stattfinden dürfen. Die Partie des SV Werder am Montag gegen Bayer Leverkusen wird laut Innensenator Ulrich Mäurer entweder als Geisterspiel ausgetragen „oder gar nicht“. Mäurer fordert die Deutsche Fußball-Liga (DFL) heraus, mit der er wegen der Polizeikostenbeteiligung sowieso überkreuz liegt: „Geisterspiele sind keine wirkliche Alternative. Ich erwarte eine bundesweit einheitliche Entscheidung der DFL.“ Genau das hatte diese im Vorfeld aber abgelehnt. 

Aktionsspieltag abgesagt 

Indes werden auch unter den Klubs die ersten Beschwerden laut, dass die Wettbewerbsintegrität sowohl sportlich als auch finanziell schwerwiegend gestört ist, wenn in einer Art Salamitaktik Spiele derselben Liga mal mit und mal ohne Zuschauer stattfinden. Mainz 05 schrieb dazu am Dienstag auf FR-Anfrage, es wäre „wünschenswert, dass einheitliche Regelungen für alle Spiele gefunden werden“. Am Montag treffen sich die 36 deutschen Lizenzklubs zur Außerordentlichen Mitgliederversammlung in Frankfurt. Es gibt vier Lager: Diejenigen, die je nach Entscheidung der örtlichen Behörden mit oder ohne Fans spielen wollen; diejenigen, die die Saison komplett ohne Zuschauer zu Ende spielen wollen; diejenigen, die erst einmal aussetzen wollen, um die Spielzeit später fortzuführen und diejenigen, die ein vorzeitiges Saisonende befürworten und die Liga somit nächstes Jahr ohne Absteiger mit zwei oder drei Aufsteigern aufstocken möchten. 

Das Virus hat den Fußball also genau dort schon ganz gut im Griff, wo er vom gemeinen Volkssport zum großen Geschäft geworden ist. Das ist schon in der Dritten Liga der Fall, wo der 1. FC Magdeburg für das Spiel am Samstag gegen den 1. FC Kaiserslautern bereits 19 000 Karten im Vorverkauf abgesetzt hat, ehe die Landeshauptstadt von Sachsen-Anhalt verkündete, die Austragung von Veranstaltungen mit mindestens tausend Zuschauern zu untersagen. Eigentlich wollte die DFL am Dienstagmittag berühmte Menschen wie Bayern-Sportvorstand Hasan Salihamidzic und dessen Frankfurter Kollegen Fredi Bobic nebst DFL-Boss Christian Seifert zur gemeinsamen Pressekonferenz unter der Überschrift „Fußball verbindet“ präsentieren. Aber weil in diesen Zeiten sogar der gute, alte Fußball es nicht mehr zuverlässig schafft, die Menschen zu verbinden, und weil die Menschen wegen des Virus ja gerade gar nicht verbunden werden sollen, wurde sowohl die Pressekonferenz als auch der geplante Aktionsspieltag vom 20. bis 23. März kurzerhand abgesagt. Und zwar „aufgrund aktueller Ungewissheiten in Zusammenhang mit dem Coronavirus und möglicher organisatorischer Belastungen für die Profiklubs“. Will heißen: Die Manager haben gerade keinen Kopf für derartige Zusatzbelastungen, ergo soll der Aktionsspieltag „voraussichtlich“ in der kommenden Saison nachgeholt werden. Die Drittligabegegnung zwischen Hansa Rostock und Eintracht Braunschweig (3:0) fand am Montagabend unter besonderen Bedingungen statt, die auch die Absurdität der derzeitigen Situation verdeutlicht: Vor der Partie mussten sämtliche der 14 000 Zuschauer sich an den Eingängen die Hände desinfizieren. 

Keine Ausfallversicherungen 

Am Montag tagte zudem der DFB-Ausschuss der Dritten Liga. Im Gegensatz zu den beiden Bundesligen hat sich der Ausschuss „grundsätzlich dafür ausgesprochen, die betroffenen Partien zunächst eher zu verlegen statt Geisterspiele auszutragen“. Hintergrund sei „die besondere wirtschaftliche Sensibilität in der dritten Liga, in der die Erträge aus dem Spielbetrieb signifikant für die finanzielle Stabilität der Klubs sind und mehr als 21 Prozent der jährlichen Gesamteinnahmen ausmachen.“ Zum Vergleich: Die erste Liga ist lediglich zu zwölf Prozent von Eintrittsgeldern abhängig, die zweite Liga zu 16 Prozent. Aber die Einnahmeverluste treffen auch den Lizenzfußball an einer empfindlichen Stelle, zumal es für derlei Anlässe keine Ausfallversicherungen gibt. Einnahmeausfälle zwischen 1,5 und drei Millionen Euro pro Heimspiel sorgen bei einigen auf Naht gestrickten Klubs für akute Liquiditätsengpässe Will heißen: Es wäre nicht mehr genügend Geld auf den Konten, um Rechnungen zu bezahlen. Die DFL hat deshalb bereits Unterstützung angekündigt und könnte Überweisungen aus den millionenschweren Medieneinnahmen vorziehen. 

Ein Geisterspiel hat die Erste Fußball-Bundesliga zwar noch nicht erlebt, wohl aber schon dreimal als Kollektivstrafe die zweite Liga. Im Januar 2004 etwa musste Alemannia Aachen nach Zuschauerausschreitungen gegen den 1. FC Nürnberg ohne Zuschauer antreten und gewann 3:2. Der damalige Alemannia-Profi Alexander Klitzpera erinnerte sich im „Tagesspiegel“, der Spaßfaktor habe „eher im Minusbereich“ gelegen. Während bei den Geisterspielen der Champions League in Paris und Valencia nur TV-Anstalten als zahlende Rechteinhaber zugelassen sind, dürfen Mittwoch in Mönchengladbach alle akkreditierten Medienvertreter ins Stadion. Die Mixed Zone für Interviews bleibt allerdings geschlossen. Laut Sportinformationsdienst überlässt es die Uefa im Europapokal den lokalen Organisatoren, ob auch den Journalisten der Zutritt zum Stadion gewährt wird. Einige Klubs stoppten bereits den Vorverkauf für weitere Spiele. Bereits erworbene Eintrittskarten für sämtliche Geisterspiele werden den Käufern erstattet. Der DFB verweist für Rückerstattungen des Länderspiels in Nürnberg auf das Online-Ticketportal.

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