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Die Vibrations der Fanmeile der Weltmeisterschaft 2006 wummern bis heute nach.

Fußball-WM

Bilder, auf die Schatten fielen

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Wie der Fußball als gesellschaftlicher Klebstoff funktionieren kann – oder Risse noch tiefer werden lässt.

Die Bilder gingen um die Welt und werden aus dem kollektiven Gedächtnis noch lange nicht gelöscht werden: Bilder aus Berlin, die fröhliche junge Mädchen mit schwarz-rot-goldene Blumenkränzen um den Hals auf den Schultern ihrer Freunde zeigten. Die Vibrations der Fanmeile der Weltmeisterschaft 2006 wummern bis heute nach. Deutschland lag sich in den Armen, und die Welt sah begeistert zu. Plötzlich hingen Deutschland-Fähnchen aus den Autos und selbst Alt-68er sangen schon beim zweiten Gruppenspiel in der Dortmunder Arena im Stadion inbrünstig die Nationalhymne mit.

Der Fußball funktionierte als Klebstoff für ein neues, unbeschwertes Deutschland. „Es kam zu einer besonderen Interaktion zwischen Fans, dem ganzen Land und uns, die einmalig war und einen Strahleffekt weit über das Turnier hinaus hatte“, erinnerte sich Christoph Metzelder in einem Interview mit der „Main-Post“. Der Nationalverteidiger hatte das Motto „Wir gehören zu Euch, ihr gehört zu uns“ vor dem Gruppenspiel gegen Polen ausdrücklich eingefordert. Die Fans, schlug Metzelder damals öffentlich vor, „sollten es uns gleichzutun und sich auch auf der Tribüne während der Hymne ebenfalls umarmen“. Patriotismus löste Nationalismus ab. Das hätte Deutschland sich selbst nicht zugetraut. „Auf gesellschaftlicher Ebene“, so Metzelder, „ist in diesen vier Wochen Deutschland 16 Jahre nach der Wiedervereinigung emotional zusammengewachsen und hat dabei gleichzeitig die Welt mit offenen Armen empfangen“.

Mehr als ein Jahrzehnt lang später spürt der inzwischen 38-Jährige die Zerrissenheit der Gesellschaft: „Eine konsequente Willkommenskultur trifft auf eine konsequente Ablehnung der Flüchtlingspolitik. Mit großer Sorge beobachte ich die aufkommenden rechten Tendenzen, die immer dann stark werden, wenn in unsicheren Zeiten Ängste geschürt werden.“

Diese Zerrissenheit lässt sich – gewiss kein Zufall – an der Entwicklung innerhalb der Fußball-Nationalmannschaft und anhand deren Außenwirkung ermitteln. Bei der Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika stand eine „Multikultitruppe“ (Bundestrainer Joachim Löw) für die integrative Kraft des Fußballs und des ganzen Landes. Insgesamt elf Spieler aus dem 23-köpfigen Aufgebot waren nicht in Deutschland geboren oder hatten ausländische Wurzeln: Cacau, Miroslav Klose, Lukas Podolski, Piotr Trochowski, Marko Marin, Mesut Özil, Serdar Tasci, Mario Gomez, Sami Khedira, Dennis Aogo und Jerome Boateng. „Sie alle identifizieren sich stark mit dem Adler auf der Brust und mit der Nation“, sagte Löw, damals, „sie sind mit Haut und Haaren für Deutschland.“

Aus der Vielfalt der Abstammungen saugte dieses Team urwüchsige Kraft, Deutschland spielte nicht typisch deutsch, die jungen Spieler interpretierten Fußball nicht als Kraftsport, sondern mit einer lässigen Leichtigkeit, für die exemplarisch allen voran der Spielmacher Mesut Özil stand, jener schüchterne und schlichte junge Mann aus Gelsenkirchen, der bald vom Verband und der Bundeskanzlerin als vermeintliches Musterbeispiel gelungener Integration vereinnahmt werden und acht Jahre später als Symbolfigur eines tiefen gesellschaftlichen Risses eine große Rolle spielen sollte.

Ausländische Reporter kamen im südafrikanischen Winter 2010 staunend ins WM-Teamquartier ins Hotel Velmore auf einer öden Hochebene zwischen Pretoria und Johannesburg, um den Geheimnissen dieses blendenden internationalen Deutschlands auf die Spur zu kommen. Der damalige Bundespräsident muss gespürt haben, dass mehr als deutscher Fußball aus dem einst von der Apartheid heimgesuchten Land exportiert wurde, nicht nur in die Welt hinaus, sondern vor allem auch in die Heimat: „Ich darf sagen, dass die deutsche Mannschaft Deutschland verzaubert hat und dass die deutsche Mannschaft in den Herzen der Deutschen verankert ist“, tröstete Christian Wulff bei seinem Besuch im Velmore Hotel das im Halbfinale von Spanien geschlagene DFB-Team. Es stand symbolhaft für die Selbstverständlichkeit, mit der der Integrationsprozess durch den Fußball beschleunigt zu werden schien.

„Die Auftritte der Jungs geben unserer Arbeit einen unheimlichen Schub“, jubelte seinerzeit Gül Keskinler, die inzwischen vom damaligen WM-Teilnehmer Cacau abgelöste DFB-Integrationsbeauftragte. Fußball machte sich gut als Kitt, der die Identitätsentwicklung von 15 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland fördern und jungen Ausländern Anerkennung verschaffen könnte.

Vier Jahre später war die deutsche Mannschaft dann so tief auch in ihren Wurzeln zusammengewachsen, dass sie im Finale von Rio Argentinien schlug und nicht nur als verdienter Sieger anerkannt wurde, sondern auch besonders respektvoller Weltmeister. Im Gegenzug zu ihren fairen Gesten des Mitgefühls nach dem 7:1 im Halbfinale gegen den Gastgeber Brasilien wurden die deutschen Spieler bei der Busfahrt vom Stadion in Belo Horizonte zum Flughafen von den tief enttäuschten einheimischen Fans sogar gefeiert. Wie 2006 und 2010 hatte auch die WM 2014 ein buntes, schönes Deutschland-Bild in die Welt hinausgetragen.

Es dauerte vier weitere Jahre, ehe dieses Bild mit gedeckten Farben übertüncht wurde. Die Erdogan-Affäre um die beiden deutschen Nationalspieler mit türkischen Wurzeln, Mesut Özil und Ilkay Gündogan, offenbarte einen Riss durch die Mannschaft und die gesamte Gesellschaft. Gündogan wurde im letzten Testspiel in Leverkusen vor dem Abflug nach Moskau derart ungnädig ausgepfiffen, dass er hinterher weinend in der Kabine saß.

Özil, der eine Erklärung stoisch verweigerte, wurde nach dem WM-Aus gegen Südkorea von Fans beschimpft und fühlte sich als Symbolfigur des Scheiterns vom Verband gegen die Anfeindungen nicht ausreichend geschützt. Denn Manager Oliver Bierhoff hatte nach dem Turnier rückblickend geäußert, man hätte wegen Özils mangelnder Bereitschaft, sich zur Sache öffentlich zu äußern, schon vor der WM „überlegen müssen, ob man sportlich auf ihn verzichtet“. Bald darauf forderte der damalige DFB-Präsident Reinhard Grindel eine Erklärung von Özil ein. Dieser solle sich „auch in seinem eigenen Interesse öffentlich äußern“.

Grindel hatte geglaubt, Özil damit nach vermeintlicher Ansprache mit dessen Beratern einen Steilpass genau in den Lauf zu spielen. Eine folgenreiche Fehleinschätzung. Özil reagierte mit einer Abrechnung gegen den vorgeblichen Rassisten Grindel und mit einer Abkehr vom Geburtsland und dessen Fußballverband DFB. Der Spieler und seine Berater inszenierten den Abschied in drei Teilen mit mehreren Stunden Abstand in englischer Sprache in den Sozialen Netzwerken. „Mit schwerem Herzen und nach langer Überlegung werde ich wegen der jüngsten Ereignisse nicht mehr für Deutschland auf internationaler Ebene spielen, so lange ich dieses Gefühl von Rassismus und Respektlosigkeit verspüre“, schrieb die Özil-Seite. Das letzte Kapitel des vormaligen Vorzeige-Deutschtürken war damit endgültig zugeschlagen. Mit einer Geschichte, die am Ende alle Beteiligten als Verlierer zurückließ. Und mit ihnen das ganze Land.

„Du gehörst zu mir“ - die FR-Serie

Das Thema „Du gehörst zu mir“ wird in den Sommermonaten von allen FR-Ressorts mit je eigenen Schwerpunkten bearbeitet. Das Ressort Sport widmet sich in den kommenden zwei Wochen dem Oberthema Symbiose.

Über die Wirkung des Fußballs auf die Gesellschaft - angefangen bei fahnenschwingenden Massen bei der WM 2006 bis zur Abrechnung Mesut Özils mit dem DFB 2018 - schreibt heute FR-Sportredakteur Jan Christian Müller.

In der nächsten Folge am Donnerstag, 1. August, widmet sich Thomas Kilchenstein dem Bogensport und der innigen Beziehung des Schützen zu seinem Bogen.

Wer gehört zu wem? Was hält in Deutschland, in Europa die Gesellschaft zusammen? Was lässt sich tun, um Spaltungen zu überwinden? Fragen, die sich in diesem Jahr mit besonderer Dringlichkeit stellen: Das Grundgesetz wurde am 8. Mai 70 Jahre alt, am 23. Mai 1949 wurde es verkündet und trat zwei Tage später in Kraft.

Am 26. Mai haben Europas Bürgerinnen und Bürger ein neues Parlament gewählt – und im November feiert Deutschland den 30. Jahrestag des Mauerfalls. Mit all dem befasst sich unsere Serie „Du gehörst zu mir“ seit dem 4. Mai.

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