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Bewusst in Lebensgefahr

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Von: Frank Hellmann

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Der italienische Radprofi Sonny Colbrelli.
Der italienische Radprofi Sonny Colbrelli. © AFP

Der Zusammenbruch des Radprofis Sonny Colbrelli macht stutzig und wirft Fragen auf. Es kann nicht sein, dass der Italiener kurz nach einer Bronchitis wieder Leistungssport macht. Ein Kommentar.

Erst am vergangenen Samstag sind in Mainz ganz in Sichtweite der Fußball-Arena viele renommierte Sportmediziner zusammengekommen. Viele aus dem Fußball, aber auch aus Eishockey, Handball oder Basketball. Eingeladen hatten zu dieser Fortbildungsveranstaltung unter anderem Stefan Mattyasovszky und Philipp Appelmann, die Mannschaftsärzte des Fußball-Bundesligisten FSV Mainz 05. Ganz am Ende der mehrstündigen Vorträge sprach mit Jochen Veit jener Teamarzt aus der Deutschen Eishockey-Liga (DEL), der bei einem Corona-Massenausbruch mal genauer hingeschaut hat – und alle Kollegen davor warnte, erkrankte Sportler nach Covid-Infektionen zu früh wieder in den Trainings- und Spielbetrieb zurückzuschicken.

Veit hat von den brav mit Maske auf den Stühlen sitzenden Medizinern viel Applaus bekommen, weil er aus Verantwortung für den Menschen argumentierte – und sich nicht von Vereinen und Verbänden treiben lassen will, die oft der Gesundheit der Akteure nicht die oberste Priorität einräumen. Sondern der Fortsetzung des Profisports in Pandemiezeiten.

Es ist eine tückische Gratwanderung für das medizinische Personal in allen Sportarten, wie es sich im Corona-Spannungsfeld verhalten soll. Nun ist am Montag der nächste Vorfall passiert, der zwar nichts mit dem tückischen Virus, aber viel mit dem kalkulierten Risiko im Krankheitsfall zu tun hat. Und bei dem unvorsichtig gehandelt wurde.

Anders ist es ja kaum zu erklären, dass der italienische Topsprinter Sonny Colbrelli kurz nach der Zielankunft auf der ersten Etappe der traditionsreichen Katalonien-Rundfahrt im Ziel zusammenbrach. Erst nach einer Herzmassage kam der 31-Jährige wieder zu Bewusstsein. Entwarnung kam erst am Dienstag von seinem Team Bahrain Victorious: Demnach stehe der Europameister in Kontakt mit Familie und Freunden, während er sich im Krankenhaus erholt und dort nach der Ursache des Zwischenfalls gesucht wird. „Alle gestern Abend durchgeführten Herztests ergaben keine Anzeichen von Besorgnis oder beeinträchtigten Funktionen“, teilte das Team mit. Zum Glück.

Fakt ist, dass der Radsportler bei Paris-Nizza wegen einer Bronchitis ausgestiegen war und deswegen auch auf einen Start bei Mailand-Sanremo vergangenen Samstag verzichtet hatte. Bei einer Bronchitis aber, nur logisch, ist von erhöhter Belastung fürs Herz dringend abzuraten. Und bitte nicht nur für ein paar Tage.

So lange sich Teamchefs, Teamärzte und letztlich auch Profis bewusst darüber hinwegsetzen, sind sie selbst schuld, wenn sie irgendwann bleibende Schäden davontragen – oder in diesem Fall im Ziel vom Rad kippen. An diesem Punkt waren sich übrigens die Experten in Mainz hinter vorgehaltener Hand sehr einig: In einigen Jahren werden Scharen von Profisportlern über Long-Covid-Folgen klagen, von denen sie heute nichts ahnen. Nur soll bitte diesen Ärzten niemand vorwerfen, sie hätten nicht zur Vorsicht geraten.

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