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Klare Kante: Doping-Experte Fritz Sörgel.
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Klare Kante: Doping-Experte Fritz Sörgel.

Olympia 2021

Dopingjäger Fritz Sörgel: „Olympia gleicht einem Menschenversuch“

  • VonMathias Müller
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Dopingjäger Fritz Sörgel über die Gefahren, die in Tokio in Zeiten von Corona lauern, und die „rücksichtslose“ Forderung von IOC-Boss Thomas Bach auf die Zulassung von Fans.

Herr Sörgel, Olympische Sommerspiele 2021 ohne Zuschauer:innen – hat Sie die Entscheidung überrascht?

Das ist Schnee von gestern. IOC-Boss Thomas Bach drängte zuletzt ja sogar doch noch auf die Zulassung von Zuschauern, weil Tokio seiner Meinung nach keine Probleme mit dem Virus hat. Da bleibt einem wirklich die Spucke weg. Er ist rücksichtslos. Um ehrlich zu sein: mit Zuschauern bei einer solchen Veranstaltung und an so vielen Orten, das ist doch gar nicht denkbar. Mit Zuschauern wäre die Veranstaltung unverantwortlich.

Wie bewerten Sie Bachs Besuch in Hiroshima?

Er benimmt sich wirklich wie ein Staatsmann, aber sie wollten ihn dort gar nicht sehen. Seine Chancen den ersehnten Nobelpreis – das wurde ja nach den letzten Olympischen Spielen ernsthaft diskutiert – zu bekommen sinken, da hilft auch der Hiroshima-Besuch nicht. Selbst wenn die Spiele komplikationslos ablaufen sollten, dürfte es nichts werden, weil das Nobelkomittee den brutalen Druck auf Japan und den irrsinnigen Ressourcenverbrauch berücksichtigen muss.

Olympia 2021: „Die Gefahr sich zu infizieren, ist real“

Sie sagen, dass der Fan-Ausschluss eine alternativlose Lösung ist. Bei der EM, insbesondere im Halbfinale und Finale, sah es zuletzt anders aus.

Die Fan-Frage wurde in allen Sportarten nach Gutdünken und entsprechender Risikobereitschaft entschieden. Für mich gleicht das alles einem großen Menschenversuch, das gilt für beide Events. Die EM 2021 – die Ergebnisse über die Zunahme der Inzidenz liegen ja noch gar nicht vor – hatte den Vorteil, dass die Spielstätten weit auseinander lagen, bei Olympia konzentriert sich fast alles auf Tokio. Die Gefahr, sich zu infizieren, ist real. Da man die Spiele aber nicht absagen wollte, haben die Organisatoren nun einen gigantischen Zusatzaufwand mit einem riesigen Hygienekonzept gemacht. Überspitzt gesagt steht hinter jedem Sportler ein Japaner zur Überwachung der Auflagen. Nur auf die Toilette darf man wahrscheinlich noch unbeobachtet.

Kann die Blase funktionieren?

Für mich ist die Disziplin das Kernproblem. Es liegt in der Natur des Menschen, dass sie nach drei bis vier Tagen nachlässt. Das hat man auch bei den Geisterspielen in der Bundesliga gesehen, zum Beispiel am Verhalten in der Kabine von Hertha BSC und im Speziellen von Salomon Kalou. In Tokio sind davon vor allem die Mannschaftssportarten betroffen, die lange vor Ort sind. Individualsportler, die innerhalb von 48 Stunden nach ihrem Wettkampf wieder abreisen müssen, bei denen könnte es mit der Blase klappen. Die große Anzahl von Einzelwettbewerben ist aber auch nicht zu unterschätzen.

Die Homburger Virologin Barbara Gärtner, die auch den DOSB und das IOC beriet, schloss eine Infektion im Olympischen Dorf praktisch aus. Es werde, sagte sie, alles gemacht, was nur denkbar ist.

Ich bezweifle nicht, dass bei den finanziellen Ressourcen des IOC kein Athlet auch nur einen Schritt ohne Überwachung gehen kann, dennoch müssen gerade auch die Virologen zugeben, dass man eben eine Infektion trotz aller Maßnahmen nicht ausschließen kann und nun ist es ja auch schon passiert, wie ich es immer vorhergesagt habe. Hoffen wir, dass die positiven Athleten keine Superspreader waren, sonst wird’s eng.

Olympia 2021: „Neue Mutationen sind da nicht auszuschließen“

Besteht denn die Gefahr eines Superspreaders?

Das kann niemand seriös vorhersagen, ich weiß es auch nicht. Fakt ist: Nach Tokio reisen Athleten aus über 200 Ländern, und viele Länder haben bei Weitem nicht den medizinischen Standard wie wir in Europa. Neue Mutationen sind da nicht auszuschließen. Die Austragung dieser Spiele ist an Komplexität nicht zu übertreffen. Wer sagt, die Spiele seien sehr sicher und es könne nichts passieren, lügt die Menschen an.

Das gilt auch für mögliche Positivfälle von Teilnehmern und deren Kontaktpersonen, oder?

Richtig. In Dresden wurde im Juni Quarantäne für ein gesamtes Studentenwohnheim verhängt. Wie soll das in Tokio aussehen? Das Olympische Dorf wurde nicht für eine Pandemie konzipiert. Die Appartements und Zimmer sind klein und eng, aber das OK kann ja nicht ein ganzes Hochhaus von den Spielen ausschließen. Für den einzelnen Athleten könnten es aber dramatische Folgen haben.

Dazu ein hypothetisches Beispiel: Wenn ein Infizierter mit anderen Athleten im Bus sitzt, dann…

…gehe ich davon, dass es für alle anderen keine Konsequenzen haben wird, wenn alle die Maske tragen und strikt die Abstände einhalten. Ein Superspreader, der die Maske nur kurz abnimmt, löst aber schon ein Problem aus.

Doping bei Olympia 2021: „Betrüger wird es immer geben“

Bei den Corona-Tests handelt es sich um Spucktests. Sind die sicher?

Also bei der Menge Tests spielt die statistische Unsicherheit dieses Testverfahrens eine große Rolle. Ein falsch positiver ist ja kein Problem, den wiederholt man schnell und dann weiß man, was los ist. Wenn es einen Athleten kurz vor seinem Wettbewerb betrifft, ist das schon folgenschwerer, er wird in seiner Vorbereitung erheblich gestört und ist benachteiligt.

Welche Konsequenzen erwarten Sie durch die Pandemie auf Dopingebene?

Gelegenheit macht Diebe. Besonders zu Beginn der Pandemie gab es zwischenzeitlich weniger bis gar keine Kontrollen. Betrüger wird es immer geben, ob es vor und in Tokio überproportional viele sind, werden auch die Ergebnisse zeigen. Die teilweise phänomenalen Leistungen in den letzten Monaten lassen einem freilich nachdenklich zurück.

Testergebnisse sind oft unauffällig oder sauber und später werden die Athleten doch überführt. Das jüngste Beispiel ist der russischen Hochspringer Danil Lyssenko, der unter anderem wegen „Manipulation des Ergebnismanagement-Prozesses“ gesperrt wurde.

Es wird immer neue Substanzen geben oder welche, die man erst Jahre später nachweisen kann. Und die vergangenen Jahre haben gezeigt, dass dem Einfallsreichtum diesbezüglich keine Grenzen gesetzt sind. Aber dennoch, solche Aktionen, wie die des Erfurter Arztes Marc Schmidt bei Nordischen Ski-WM 2019 in Seefeld, bei der Athleten mit der Nadel im Arm in flagranti erwischt wurden, kann ich mir in Tokio nicht vorstellen. Die Anti-Corona-Maßnahmen sind gleichzeitig sehr gute Anti-Doping-Maßnahmen während des Wettbewerbs.

Olympia 2021 ohne Zuschauer: „Begeisterung wird trotzdem da sein“

Corona und Olympia, verleidet Ihnen das privat eigentlich die Spiele?

Nein. Wie für die meisten Menschen auf der Welt ist Olympia auch für mich ohnehin ein TV-Ereignis. Die Details des 100-Meter-Finals zum Beispiel sehe ich am Bildschirm viel besser als im Stadion. Die TV-Bilder sollen und müssen die Ästhetik des Sport transportieren. Und das werden sie auch, ich bin mir sicher, dass die Begeisterung trotz allem da sein wird. Zusätzlich will man jetzt ja auch noch eine Anfeuerungskulisse im Stadion intonieren. Vielleicht macht man das auch noch im TV, da ist es noch viel besser, weil man es gut steuern kann.

Und was wird uns 2022 in Peking erwarten?

Da wage ich keine Prognose (lacht). Der Vorteil des autoritären China ist, dass sie nicht nur die Stadien sondern noch größere Areale abriegeln werden als das demokratische Land Japan, das ja eigentlich auch schon über seine Grenzen gegangen ist.

Interview: Mathias Müller

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