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Das Beispiel Niklas Moisander

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Warum es nicht überraschend war, dass der Kapitän von Werder Bremen nur mit viel Glück um einen Platzverweis gegen Borussia Dortmund herumkam.

Vor ein paar Jahren kam unser Sohn mit einem Brief der Klassenlehrerin aus der Schule nach Hause. Darin hieß es, der Bursche habe gemeinsam mit ein paar Freunden den Wischeimer der Putzfrau umgestoßen. Die Jungs sollten doch, bitte schön, bei der Reinigungskraft um Vergebung bitten. Es begann eine hektische Rundtelefoniererei unter den Eltern der Pubertierenden, und bald kam dabei heraus, dass im Grunde die Putzfrau Schuld gewesen sei an dem Scharmützel. Die habe die Jungs allzu deutlich in Ton und Gestik aufgefordert, den bereits sauber gewischten Boden nicht mit ihren dreckigen Schuhen zu betreten. Es hat uns einige Mühe gekostet, die anderen Erziehungsberechtigten davon zu überzeugen, doch die Verantwortung für die Entgleisung (hier: Umstoßen des Putzeimers) zunächst bei ihren eigenen Kindern zu suchen und diese anzuhalten, sich bei der Putzfrau dafür vorbehaltlos zu entschuldigen. So ist es dann gekommen. Die Kinder haben daraus gelernt. Und die Eltern auch.

Warum ich Ihnen das hier erzähle? Weil die Debatte um die deutschen Schiedsrichter derzeit ungefähr in eine vergleichbare Richtung geht. Diejenigen, die etwas angestellt haben, tun hinterher noch so, als wären diejenigen Schuld, die sie auf frischer Tat ertappt haben. Nehmen wir das Beispiel des Bremer Kapitäns Niklas Moisander: Der hat vor zwei Wochen in Düsseldorf eine Gelb-Rote Karte gesehen, nachdem er, bereits vorher verwarnt, mit weit aufgerissenen Augen dem Schiedsrichter zu nah gekommen war. Hinterher mokierte sich der Bremer Trainer Florian Kohfeldt über die (international erfahrene) Führungsriege der deutschen Schiedsrichter. „Warum machen Leute die Regeln, die überhaupt nicht verstehen, was auf dem Platz passiert?“ Der gesperrte Moisander sagte eine Woche später im Sky-Interview, er würde sich jederzeit wieder so verhalten. Es gab keine weithin erkennbare Sozialkontrolle aus der Familie des Vereins heraus für den Spieler. Offenbar hatte Moisander kein Schuldbewusstsein für sein Tun entwickelt.

So kam es nun im DFB-Pokal des SV Werder gegen Borussia Dortmund zu einer gar nicht mal überraschenden Szene kurz vor Schluss, als derselbe Moisander den 17-jährigen BVB-Spieler Giovanni Reyna wütend am Schlawittchen packte, als der Ball längst weg war. Die Wut des Bremers rührte daraus, dass der zuvor im Strafraum kaum berührte Reyna allzu theatralisch zu Boden gegangen war. Der Schiedsrichter war aber ohnehin nicht darauf hereingefallen, Moisanders Attacke war komplett überflüssig.

Tatsächlich wäre nach der neuen, strikten Regelauslegung ein Platzverweis für den Übergriff keine überzogene Entscheidung gewesen. Es wäre zudem eine gerechte Entscheidung im Sinne einer Erziehungsmaßnahme für einen offenkundig schwer Belehrbaren gewesen, die zudem noch in einen Strafstoß hätte münden können. Der Fall Moisander zeigt exemplarisch, dass ein tiefgreifendes Umdenken im Fußball ein langer, schwieriger Prozess bleibt, weil die Protagonisten über Jahrzehnte im Fußball in genau diesem gegenseitigen Alphatiergehabe miteinander sozialisiert wurden, Fortsetzung folgt.

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