KOMMENTAR

Bärendienst von einem Betonkopf

  • vonHendrik Buchheister
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Der vormalige Chef des englischen Fußballverbandes, Greg Clarke, muss aus guten Gründen zurücktreten.

Rassismus, Homophobie und Sexismus standen eigentlich gar nicht auf der Tagesordnung für die Befragung von Greg Clarke, dem Vorsitzenden des englischen Fußball-Verbands FA, durch den Sport-Sonderausschuss im britischen Parlament. Genau diese Themen haben allerdings dazu geführt, dass der 63 Jahre alte Funktionär nur wenige Stunden nach dem Termin mit den Abgeordneten von seinem Amt zurücktreten musste. Ein PR-Debakel für die traditionsreiche Football Association, vergleichbar mit dem Deutschen Fußball-Bund hierzulande.

Clarke, der auch einer von acht Fifa-Vizepräsidenten ist, sollte Auskunft geben über die Finanzkrise im englischen Fußball durch die Corona-Pandemie. Im Laufe der Debatte ging es dann auch um Diskriminierung und Hass in den Sozialen Medien. Dabei redete sich Clarke um Kopf und Kragen mit einer Wortwahl, die sich im besten Fall noch als unsensibel und ignorant charakterisieren lässt.

Schwarze Fußballer bezeichnete er als „farbig“, ein Ausdruck, der in England schon lange nicht mehr gebräuchlich ist. Noch in der Befragung musste er auf Druck eines Labour-Abgeordneten dafür um Entschuldigung bitten, einigermaßen widerwillig. Und weiter ging es mit den sprachlichen Fehlleistungen des FA-Chefs: Er verbreitete Klischees über unterschiedliche „Karriereinteressen“ von Asiaten und Afro-Amerikanern, redete abwertend über Frauenfußball und legte nahe, dass schwule Fußballer sich freiwillig für ihre Sexualität entschieden hätten. Clarke sprach von einer „Lebens-Entscheidung“.

Der Sturm der Entrüstung kam umgehend. Ex-Spieler, Abgeordnete und die Anti-Rassismus-Organisation „Kick it out“ attackierten Clarke für seine unpassende Ausdrucksweise, zumal dieser nicht zum ersten Mal auffällig geworden war. Im Zuge des Rassismusskandals um den einstigen Frauen-Nationaltrainer Mark Sampson vor drei Jahren hatte Clarke institutionellen Rassismus bei der FA als „fluff“ abgetan, was sich ungefähr mit „aufgeblasenes Gerede“ übersetzen lässt. Schon damals musste er für seine Wortwahl um Vergebung bitten. Diesmal reichte das nicht. Clarkes Rücktritt noch am gleichen Tag war unausweichlich. Warum, das schrieb unter anderem der „Independent“: „Diversität ist eine der größten Herausforderungen des Fußballs. Ein Mann, der Nachhilfe bei den Grundlagen des Problems braucht, nämlich der Sprache, kann dabei nicht glaubhaft eine Führungsrolle übernehmen.“

Immerhin: Clarke selbst gestand in seiner Rücktrittserklärung, dass er dem „Spiel“ einen „Bärendienst“ erwiesen habe, und damit hatte er recht. Denn der englische Fußball bemüht sich gerade demonstrativ, bei den Feldern Rassismus, Diskriminierung und Gleichberechtigung alles richtig zu machen.

Mit seiner Wortwahl hat Clarke infrage gestellt, wie ernst der englische Fußball den Kampf gegen Rassismus, Homophobie und Sexismus tatsächlich nimmt. Einmal mehr hat er einen Einblick geliefert in die veralteten und stereotypen Denkweisen, die offenkundig vorhanden sind in der Spitze von Sportorganisationen und konkret bei der FA.

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