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„Bach hat sich China gebeugt“

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Von: Mathias Müller

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Kritischer Geist: Felix Neureuther.
Kritischer Geist: Felix Neureuther. © dpa

Das ehemalige deutsche Slalom-Ass Felix Neureuther über Olympia als politischer Spielball, die Auftritte der Deutschen und seinen Blick voraus auf die nächsten Winterspiele.

Herr Neureuther, Sie sind „nur“ im Hotel eingesperrt. Aber können Sie sich vorstellen, wie sich Eric Frenzel gefühlt haben muss?

Im Vergleich zu Eric ist das harmlos, er hat mir echt leidgetan. Eric hatte ja keine Symptome, aber er musste alleine im Nirgendwo sitzen und zuschauen, wie andere die Medaillen gewinnen, die er sich selbst zum Ziel gesetzt hatte. Dass so etwas passieren würde, ist der Worst Case – war aber leider abzusehen.

Trotz aller Vorbereitung kann es einen ganz schön aus der Bahn werfen, oder?

Mental ist das heftig, absolut. Deswegen war es ein besonderer Augenblick, dass er noch eine Medaille gewonnen hat, er hat bis zum Umfallen gekämpft und alles toll weggesteckt.

Sein Teamkollege Terence Weber kam nicht rechtzeitig aus der Quarantäne. Sie waren 2014 einer der heißen Medaillenfavoriten, hatten dann auf der Anreise nach Sotschi einen Autounfall und waren in den Rennen verletzungsbedingt ein Schatten Ihrer selbst. Was macht das mit einem, wenn der große Traum so brutal zerplatzt?

Man will die Zeit zurückdrehen und denkt: Das darf doch nicht wahr sein. Aber irgendwann musst du die Realität akzeptieren, dich nicht unterkriegen lassen und dir neue Ziele stecken. Dieser Prozess braucht Zeit, aber er kann dich stärker machen.

Lena Dürr, Linus Straßer und Kira Weidle schrammten hauchdünn an der Medaille vorbei. Auch sie hatten etwas zu verdauen, oder?

Lenas erster Durchgang war grandios. Aber ausgerechnet bei Olympia zu führen, das musst du im zweiten Lauf erst mal wegstecken. Meines Erachtens hat sie das, auch wenn es am Ende nicht ganz gereicht hat. Kira haben ein paar Kleinigkeiten gefehlt, den einen Schwung im unteren Streckenteil würde sie sicher gerne noch mal fahren. Sehr schade. Linus ist ein gutes Rennen gefahren, aber für eine Medaille hätte es, wie bei Kira, im unteren Teil die letzte Frechheit gebraucht. Trotzdem war dieses Ergebnis für ihn ein weiterer wichtiger Schritt. Ich glaube an ihn. Er wird lernen, die Ergebnisse in Zukunft konstant abzurufen, dann klappt es hundertprozentig auch bei kommenden Großereignissen.

Haben Sie von den alten Kollegen Rückmeldung zur Situation Vorort bekommen?

Ja, viele haben sich positiv geäußert. Ganz ehrlich: Dass du als Sportler versuchst, dich auf den Sport zu konzentrieren und alles andere ausblendest, ist richtig und legitim. Aber, und jetzt kommt das große Aber: Ich glaube schon, dass auch Sportler nach solchen Ereignissen bereit sein sollten, über den Tellerrand hinauszuschauen und zu realisieren, dass es in ihrem Umfeld um mehr geht als olympische Medaillen. Vielleicht habe ich dadurch in letzter Konsequenz einige Rennen nicht gewonnen, vielleicht hätte es mehr Egoismus gebraucht. Aber wenn man die Schicksale der Menschen in China sieht oder wenn man wahrnimmt, mit welchen Maßnahmen und Kosten einige Sportstätten gebaut worden sind, dann ist es mir wichtig, dies zu artikulieren und mich der Kritik zu stellen.

Die Athleten reagieren dennoch äußerst emotional…

Das ist ja klar, es sind immer noch Olympische Spiele, das ist das Größte für sie. Wenn du im Olympischen Wettkampf steckst und die Ringe siehst, das macht was mit einem. Aber diese Magie soll in allen Bereichen strahlen können, auch in den Bereichen außerhalb der Wettkampfstrecken.

Skicrosserin Daniela Maier: War das einer dieser magischen Momente für Sie?

Ja, das ist es, was Olympia ausmacht. Wie fair sie mit der Situation umgegangen ist, war bewundernswert. Es gab viele emotionale Momente, natürlich auch unser Gold-Langlauf-Duo. Das macht Olympische Spiele so herausragend.

Mikaela Shiffrin hatte wenig schöne Momente. Fünf Starts, drei Ausfälle und keine Medaille. Im Kombi-Slalom hat sie sich laut eigener Aussage sogar gut gefühlt. Haben Sie eine Erklärung?

Das redet man sich dann meist nur selber ein. Die Krux speziell im Slalom: Wenn du in dieser Disziplin einmal verunsichert bist, dann bringst du das schwer aus dem Kopf und aus den Beinen raus. Das Risiko, im Slalom auszuscheiden, ist so hoch, da braucht man ein extrem starkes Nervenkostüm, um Ausfälle wegzustecken.

Der Eiskunstläuferin Kamila Walijewa muss auch einige durch den Kopf gegangen sein

Ja, was für eine Tragödie.

Sie meinen, weil Sie so jung ist?

Ja, das ist ein 15 Jahre altes Mädchen. Ein Kind. Was hat das Umfeld, was hat das russische Sportsystem mit ihr angestellt! Wenn ich daran zurückdenke, wie ich mit 15 war... Und dann sehe ich, wie die Trainerin ohne jedes menschliche Gefühl mit ihr umgeht, da fällst du vom Glauben ab. Wie auch immer die positive Probe zustande kam, sie tut mir einfach nur leid.

Selbst IOC-Präsident Thomas Bach hat Trainerin Eteri Tutberidze kritisiert. Wie haben Sie ihn sonst erlebt?

So wie ich es leider erwartet habe. Thomas Bach hat sich dem chinesischen System gebeugt, er war ein Teil davon. Diese Spiele waren ein politischer Spielball.

Einer der „Höhepunkte“ war das gemeinsame Bild mit Deutschlands Doppelsitzer, oder?

Ja. In dem Augenblick ging es nur um die mediale Aufmerksamkeit und nicht um die Athleten. Für mich war die Aktion ein Sinnbild, wo sich das IOC hinbewegt hat. Es geht nicht um die Sportler, sondern um den Effekt.

Was sagen Sie generell zu den deutschen Erfolgen in der Eisrinne?

Was die Jungs und Mädels abgeliefert haben, war wirklich einmalig. Ich möchte ja nicht immer mahnen, wir sollten aber bei diesen Erfolgen in der Eisrinne nicht übersehen, dass wir in vielen anderen Sportarten sowohl im Breiten- als auch im Leistungssport Nachholbedarf haben. Ohne den Eiskanal sähe der Medaillenspiegel nicht so gut aus. Es gilt also, weiter zu investieren und den Athleten neben der öffentlichen Anerkennung auch die finanzielle Unterstützung zukommen zu lassen.

Wie stehen Sie zu den moderneren Ski-Disziplinen Slopestyle, Big Air und Halfpipe?

Ich habe mir das mit totaler Begeisterung angeschaut: Was für geile Sportarten. Da muss man das IOC auch mal loben, dass sich diese jungen Sportarten so perfekt darstellen können. Wie die sich raushauen, Halleluja. Aerials fand ich auch imponierend.

Aber das hat doch mit Skifahren nichts zu tun.

Natürlich nicht, aber das ist ja auch nicht das Kriterium. Was die für einen Luftstand haben. Irre.

In vier Jahren finden die Spiele in Cortina d’Ampezzo und Mailand statt. Wird dann alles besser?

Nicht alles, aber doch vieles. Diese Bewerbung war gerade auch aus der Sicht unserer abgelehnten Münchner Bewerbung ein Glücksfall. Viele Sportstätten existieren bereits. Italien ist eine Wintersportnation und die Begeisterung der Italiener ist ja sprichwörtlich. Ich hoffe, dass auch die nächsten Olympiaorte nach Mailand diese Kriterien erfüllen können. Der Winterausrichter 2030 ist noch offen.

Könnte man die deutsche Bevölkerung derzeit überhaupt für eine Bewerbung gewinnen?

In naher Zukunft kann ich mir das nicht vorstellen. Dazu müssten sich die Bewerbungskriterien gewaltig ändern. Deutschland wäre mit seiner Sportbegeisterung ein idealer Ausrichter, aber unsere Bevölkerung würde bei den derzeitigen Kostenvorgaben und den Nachhaltigkeitsproblemen schwer zustimmen. Ich würde mir mehr Mitspracherecht der Veranstalter wünschen. Ich würde mir ein stärkeres Mitspracherecht der Sportler wünschen. Ich würde mir wünschen, dass Olympische Spiele ein Erbe hinterlassen, das, wie es zum Beispiel München gezeigt hat, noch Jahrzehnte nachwirkt und das die Menschen gerne zurückblicken.

Sie stoßen oft und gerne Ideen an. Stellt sich die Frage, ob Sie in das System müssen, um es zu ändern?

Das ist unmöglich, wie soll das funktionieren (lacht)? Als kritischer Sportler wird man in Verbänden nicht so gerne gesehen. Ich werde aber immer ehrlich meine Meinung sagen. Am liebsten, wenn ich mich freuen kann, etwa über unsere Deutsche Mannschaft in Peking. Für diesen Auftritt bekommen sie Gold.

Interview: Mathias Müller

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