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Ausgerechnet eine Uigurin entzündet das olympische Feuer

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Von: Günter Klein

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Auf eher kleiner Flamme werden die Winterspiele Peking 2022 eröffnet.
Auf eher kleiner Flamme werden die Winterspiele Peking 2022 eröffnet. © AFP

Die Eröffnungsfeier der Winterspiele in Peking läuft vergleichsweise bescheiden und leise ab – mit der Wahl derjenigen, die das Feuer entzünden, überraschen die Organisatoren.

Unspektakulär: Die Skilangläuferin Dinigeer Yilamujiang und der Nordische Kombinierer Zhao Jiawen stellten die Fackel in einer künstlichen Schneeflocke ab – und das war’s schon: Das Olympische Feuer brannte. Ohne den üblichen technischen Schnickschnack. Bei Peking denkt man ja zurück an die Sommerspiele von 2008, als China die Welt mit Hollywood-Bombast beeindruckte. Höhepunkt damals: Wie Li Ning, Turn-Olympiasieger von 1984, durchs Stadion Vogelnest schwebte, am Dach die Arena umrundete wie ein furchtloser Stuntman. Li Ning stand auch für das neue wirtschaftsstarke China. Die nach ihm benannte Sportartikelfirma ging nach seinem Auftritt an den Börsen durch die Decke.

Peking 2022 ist kleiner. Weil es Winterspiele sind und die auch noch unter dem Zeichen einer Pandemie stehen. Nur 2900 Sportler und Athletinnen aus lediglich 91 Nationen sind dabei.

Viele auffallend kleine Teams spazierten bei der Eröffnung ein, manche konnten die Vorgabe, eine Frau und ein Mann mögen gemeinsam die Flagge tragen, gar nicht erfüllen. Selbst Pita Taufatofua fehlte, der Muskel-Beau, der sonst sommers als Taekwondo-Kämpfer wie winters als Skilangläufer an den Start geht und als Vorzeigefigur von Tonga nicht viel mehr trägt als eine Schicht Körperöl. Doch zwischen Tokio ’21 und Peking ’22 war nicht genügend Zeit für die Sportarten-Umstellung. Tonga hatte nicht gemeldet.

Peking II ist noch umstrittener, als es Peking I war. Weil sich für Minderheiten die Menschenrechtslage im China von Staatschef Xi Jinping weiter verschlechtert hat in den 14 Jahren dazwischen. Daran ändert auch (oder vielleicht erst recht?) nichts, dass Dinigeer Yilamujiang, die Co-Flammenentzünderin, ausgerechnet aus Xinjiang stammt, der Provinz der so brutal unterdrückten Uiguren. Und außerdem: China soll ein Wintersportland sein?

Das war der weltöffentliche Kritikpunkt, den der deutsche IOC-Chef in seiner Rede aufnahm. Er sprach davon, dass in China gerade das „Jahr des Tigers“ anbreche, der Tiger für Ehrgeiz stehe und mit diesem es gelungen sei, 300 Millionen Chinesen zum Wintersport zu bringen – „in 2000 Ski-Resorts und Eishallen“. Die 25 000 Zuschauer im Stadion – geladene Gäste, einen Ticketverkauf hatte es nicht gegeben – beklatschten Bachs Dank an Xi Jinping. „Die Bevölkerung Chinas wird davon profitieren und der globale Sport.“

Rund 30 Staaten waren durch politische Repräsentanten vertreten, Wladimir Putin die prominenteste der von Thomas Bach als „Exzellenzen“ begrüßten Personen. Gut zwei Stunden musste durchgehalten werden in der Kälte der Nacht, kurz für eine Eröffnungsfeier. Doch zur nervigen „Best-of-Classic“-Dauerschleife mit Tschaikowsky und Verdi waren die Teams in 66 Minuten durch, der Showblock bestand im Wesentlichen aus einer LED-Show, wie wir sie vom Eurovision Song Contest kennen. Das Vogelnest wurde zum Bildschirm, der virtuelle Schneeflocken produzierte. Echte gibt’s ja nur weit draußen, in den Bergen – und viel zu wenige. Zur Winterillusion sangen die unvermeidlichen Kinderchöre, und Thomas Bach proklamierte salbungsvoll: „In unserer zerbrechlichen Welt, in der Spaltung, Konflikte und Misstrauen zunehmen, zeigen wir: Ja, es ist möglich, erbitterte Rivalen zu sein und gleichzeitig friedlich zusammenzuleben.“ So sagt man sich das vor in der olympischen Welt, die am Freitag sehr klein gewirkt hat.

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