Auch nicht mehr erlaubt: Basketballtraining auf Abstand mit dem Nachwuchs vom EOSC Offenbach.
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Auch nicht mehr erlaubt: Basketballtraining auf Abstand mit dem Nachwuchs vom EOSC Offenbach.

Sportvereine

Aufschrei an der Basis

  • Frank Hellmann
    vonFrank Hellmann
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Ist Kindern und Jugendliche für längere Zeit sämtlicher Vereinssport verboten, hat dasdramatische Folgen. Der Deutsche Olympische Sportbund hat die Tonart deutlich verschärft, denn es droht viel mehr als nur Bewegungsmangel beim Nachwuchs.

Es sind schwierige Zeiten für Sportdeutschland. „Bitte bleibt mit uns zusammen aktiv“, hat Alfons Hörmann, der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) dieser Tage in einer Videobotschaft gesagt. Mit fast flehender Stimme. Denn viele fragen sich: Wie soll das in einer Jahreszeit gehen, in denen die Tage kürzer, die Witterungsbedingungen schlechter werden, wenn Sportanlagen, Fußballplätze, Turnhallen und Schwimmbäder für den Vereinssport geschlossen sind. Manche nicken zwar verständnisvoll, aber viele schütteln auch entgeistert den Kopf. Niemand will die Pandemie negieren und erst recht nicht die Notwendigkeit zu einschneidenden Maßnahmen, heißt es in der Dachorganisation des deutschen Sports auch mit einigen Tagen Abstand, aber gerade im Hinblick auf die Präventionsarbeit bei Kindern und Jugendlichen bittet man viel stärker um eine differenzierte Betrachtungsweise.

„Seit Mittwoch vergangener Woche übertönen die Hilferufe aus den knapp 90 000 Sportvereinen alles.“ So steht es im wöchentlichen DOSB-Newsletter, der an rund 5000 Multiplikatoren versandt wird. Eigentlich hätte das Editorial Petra Tzschoppe, die DOSB-Vizepräsidentin Frauen und Gleichstellung, zum Thema „Sexuelle Gewalt im Sport“ schreiben sollen, doch schnell dämmerte es allen, dass gerade ein anderes Thema viel dringender ist. Michael Schirp, der stellvertretende Leiter Kommunikation, hat einen bemerkenswerten Kommentar verfasst, der am pauschalen Bannstrahl der Politik kein gutes Haar lässt. Die Politiker wüssten schon, „vom Ortsbürgermeister bis zur Bundeskanzlerin, was der Sport beiträgt zu unserem Gemeinwesen, wie er Staat macht. Dass er Kleinkinder beweglich und testosterongesteuerte Jugendliche halbwegs sozialverträglich macht, Rentner*innen in Gang hält und Migranten, Menschen mit Behinderung, Jüngere, Ältere, Frauen und Männer integriert. Und, wenn es gut läuft, an Regeln gewöhnt, von Rauschmitteln entwöhnt, die Seele verwöhnt.“ Und sie würden es ja auch sagen, schreibt Schirp, an hohen Festtagen, dann werden die Vereine als „soziale Tankstellen“ in den Himmel gehoben. „Aber jetzt ist die Corona-Lage so ernst, dass sich die Politik nicht anders zu helfen weiß und den Breitensport, der in der Pandemie mit all seinen gesundheitlichen und psychosozialen Heilkräften Teil der Lösung und nicht Problem ist, mechanisch einordnet und wegsperrt.“ Im Beschluss des Bundes und der Länder aufgelistet zwischen „Bordellen und Spaßbädern“, hält Schirp fast sarkastisch fest.

Der 61-Jährige, der selbst zwei fußballbegeisterte Söhne erzogen hat, drückt zugespitzt aus, was viele Eltern und vor allem Übungsleiter denken, die nach dem ersten Lockdown in mühevoller Kleinarbeit erst dafür sorgten, dass ein ohnehin an Bewegungsmangel leidendes Land im Frühjahr wieder in Bewegung kam. Es war oft eine mühevolle Sisyphusarbeit, die handstreichartig zunichte gemacht wird. Dem DOSB geht es ausdrücklich jetzt nicht um die Profiligen in Handball, Basketball oder Eishockey, auch nicht die Kaderathleten, die sich auf die Olympischen Spiele vorbereiten, und schon mal gar nicht um den Profifußball – es geht, wie Schirp es in seinem Meinungsbeitrag formuliert hat, „ans Eingemachte“. Er fürchtet „Ermüdungsbrüche im Vereinsleben vor allem für Kinder und Jugendliche“.

Der Autor will nicht in die falsche Ecke geraten: „Der DOSB ist kein Wutbürger, ein Drittel der Bevölkerung ist hier versammelt, alle gemeinsam tragen und übernehmen Verantwortung. Dazu zählen auch die Hygieneregeln, die überzeugend entwickelt und gelebt wurden und dazu beigetragen haben, dass der Sport bis zu dem Zeitpunkt, an dem die Gesundheitsämter bundesweit die Nachverfolgung nicht mehr gewährleisten konnten, nicht als Pandemietreiber und Superspreader aufgefallen war.“

Es verstärken sich Hinweise, dass der zweite Lockdown die Vereine wesentlich härter, wesentlich spürbarer trifft. Denn es besteht die große Sorge, dass etliche der acht Millionen Ehrenamtliche sich ernüchtert abwenden. 750 000 davon arbeiten auf Vorstandsebene, 950 000 sind zudem als Übungsleiter oder Platzwarte aktiv. Ohne ihr Engagement würde im deutschen Sport wenig laufen. Und natürlich geht es auch um die finanziellen Grundlagen, wenn es zu einem nennenswerten Mitgliederschwund kommt. Nach internen Berechnungen könnten 2021 fast drei Millionen Mitglieder (von knapp 27 Millionen) ausgetreten sein.

Das Thema wühlt auf: In den Sozialen Medien verzeichnete der DOSB-Eintrag „Sorgen um Sportdeutschland“ 441 000 Aufrufe, er wurde 3500 Mal geteilt. Normal sind bei DOSB-Posts rund 10 000 bis 50 000 Klicks; wenn Max Hartung Olympiasieger wird, auch schon mal 100 000. „Die Verletzungen und das Echo sind erheblich, allein beim DOSB gab es seit dessen Bestehen kein auch nur annähernd vergleichbares Grundrauschen in den Sozialen Medien“, sagt Schirp. Übungsleiterinnen würden Klagen fordern, Trainer auf die Niederlande oder die Schweiz verweisen, wo zumindest Kinder und Jugendliche weiter trainieren können.“

Tatsächlich haben die Niederlande zwar seit 13. Oktober den Amateursport verboten, aber Ausnahmen für Jugendliche bis zur U18 selbst für Teamsportarten erlassen. Die Schweiz hat seit dem 28. Oktober alle Kontaktsportarten im Amateurbereich zwar verboten, aber das gilt nicht für Jugendliche unter 16 Jahren – hier fallen lediglich die Wettkämpfe aus, Training bleibt erlaubt.

In diese Richtung würde auch der DOSB gerne gehen. Bei der Überprüfung des Bund-Länder-Beschlusse nach zwei Wochen bittet man um kleine Spielräume, wie sie Berlin für Kinder unter zwölf Jahren erlassen hat, die im Freien trainieren dürfen. Man hofft dann auf einen generellen Paradigmenwechsel.

Das Nichtstun der Jugend führt dazu, dass sich das mittel- und langfristig auch auf die Medaillenausbeute bei Olympischen Spielen auswirken dürfte, auch wenn das derzeit wirklich das geringste Problem darstellt. Die Furcht vor „weißen Jahrgängen“ ist berechtigt, wenn Talente ohne Vergleichsmöglichkeit bei Turnieren oder Meisterschaften die Lust am Leistungssport verlieren. Der „4. Kinder- und Jugendsportbericht“ beschreibt, dass in den letzten fünf Jahren ohnehin ein Rückgang der Leistungsorientierung zu verzeichnen ist. Die gerade veröffentlichte Studie hält fest, dass nahezu 80 Prozent der sieben bis 14-jährigen Jungen und etwa 60 Prozent der Mädchen Mitglied in Sportverein sind. Das ist im internationalen Vergleich ein herausragender Organisationsgrad. Aber die schöne Fassade bröckelt.

Bei näherem Hinsehen zeigt sich, dass vier von fünf Kindern und Jugendlichen in Deutschland die von der Weltgesundheitsorganisation empfohlene Bewegung von mindestens 60 Minuten täglich nicht erreichen. Insbesondere Mädchen aus sozial schwachen Familien sind betroffen. Der Bericht belegt, wie massiv der Aktivitätsgrad von Kindern sinkt, sobald sie in Kita und Schule gehen. Das alles waren dramatische Entwicklungen noch vor Corona.

Die erste Lockdown-Phase hatte bereits fatale Folgen: Dadurch, dass den allermeisten Kindern feste Strukturen verlustig ginge, stellte sich eine gefährliche körperliche Inaktivität ein. Eine Studie am Universitätsklinikum Münster, die sich mit der Bewegung von 1060 Kindern und Jugendlichen in Zeiten von Kontaktbeschränkungen befasste, ergab, dass in einem erschreckenden Maße die Bildschirmzeit stieg wie die sportliche Aktivität abnahm. Medienkonsum statt Sporttreiben – ein Automatismus, dem nicht mal gebildete Schichten einen Riegel vorschieben können.

Wer vermehrt an der Playstation zockt - und dabei oft genug Fastfood konsumiert - legt an Gewicht zu. Dabei litten schon vor Corona 15 Prozent der Kinder aufgrund von Übergewicht an Insulinresistenzen, Depressionen oder Angsterkrankungen. Wenn die Eltern wegen der ständigen Arbeit im Homeoffice nun selbst gereizt sind, übertragen sich die Spannungen auf die Kinder. Ein Teufelskreis, wenn allen ohne Sport das vielleicht wichtigste Ventil fehlt. Was macht das langfristig? Diese unsichtbaren Corona-Schäden sind bislang nur zu erahnen.

Deswegen schlägt die Deutsche Sportjugend Alarm, bevor es zu spät sein könnte: „Der Lockdown zu Beginn des Jahres hat gezeigt, wie sehr Kinder und Jugendliche physisch und psychisch unter Bewegungsmangel leiden. Dies hat nicht nur Einfluss auf die Gesundheit und die Entwicklung, sondern auch auf das Lernverhalten und das soziale Miteinander.“ Deshalb müsse klar sein, „dass die Regelungen nur vorübergehend gelten können und der Vereinssport so schnell wie möglich wieder aufgenommen werden muss.“

Bis dahin gelte es an die vielen kreativen Ideen aus dem Frühjahr anzuknüpfen. In einem Positionspapier mit dem DOSB werden aktive Alternativen empfohlen. Gefragt seien die Schulen: mit digitalen Bewegungsangeboten, Bewegungshausaufgaben oder bewegten Pausen. Hehre Vorschläge, gewiss, aber inwieweit nun die Schulen, an denen der Sportunterricht schon vor der Corona-Krise teils nur noch rudimentären Charakter hatte, die Funktion der Vereine übernehmen, ist doch mehr als fraglich.

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