Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Chrom und Coolness:
+
Chrom und Coolness: Günter Netzer und seine ebenso gut gebaute Karosse.

Netzer, Beckenbauer, Brandt, Barzel, Baader, Meinhof

Aufbruch und Abgründe

  • Jan Christian Müller
    vonJan Christian Müller
    schließen

Das Buch „71/72 – die Saison der Träumer“ verknüpft eine legendäre Bundesligaspielzeit mit dem gesellschaftlichen Aufbegehren in Deutschland und der Brutalität der politischen Ereignisse.

Am 29. April 1972 gewinnt die deutsche Nationalmannschaft in einem Fußballspiel, das zur Legende wird, 3:1 gegen England im Wembleystadion. Zwei Tage zuvor ist Oppositionsführer Rainer Barzel (CDU) mit seinem Misstrauensvotum im Bundestag gescheitert, Willy Brandt (SPD) die Kanzlerschaft zu entreißen. Am selben Tag, als Franz Beckenbauer und Günter Netzer dem deutschen Fußball aus der Tiefe des Raums eine neue ästhetische Komponente schenken, findet in Münster die erste Schwulendemo hierzulande statt.

Abschiedsspiel von Uwe Seeler

Zwei Tage später spricht Franz-Josef Strauß (CSU) auf einer Kundgebung zum 1. Mai in Ingolstadt von einer linken „Volksfront“, an der Spitze Brandts „eigene Partisanen“. Gleichzeitig verabschiedet sich HSV-Legende Uwe Seeler im Hamburger Volksparkstadion vom aktiven Fußball mit den Worten: „Nach den Bestechungsaffären in der Bundesliga bin ich froh, nichts mehr mit ihr zu tun zu haben.“ Zehn Tage danach beginnt – parallel zur Bombenoffensive der US-Armee in Nordvietnam – eine Anschlagserie der Roten Armee Fraktion (RAF) mit einer Explosion von drei Rohrbomben im Offizierscasino des V. US-Korps im Frankfurter IG-Farben-Haus. Der Oberstleutnant Paul Blooomquist stirbt.

Autor Bernd-M. Beyer hat in seinem besonders lesenswerten Buch „71/72 – die Saison der Träumer“ die mühsame Aufklärung des Bundesligaskandals mit mindestens acht verschobenen Spielen, die Gräueltaten der US-Amerikaner und der deutschen RAF-Terroristen, die begeisternde Auftritte der Europameisters 1972 und die politischen Verwerfungen in Deutschland miteinander verwoben.

Bayern München gegen Schalke 04

Es ist eine Fußballsaison, die auch deshalb im kollektiven Gedächtnis der Älteren geblieben ist, weil der FC Bayern München im letzten Saisonspiel im gerade eröffneten Olympiastadion in einem echten Finale den Zweiten Schalke 04 5:1 besiegt. Jene Schalker, von denen viele Profis besonders tief in die beispiellose Spielmanipulationen des Vorjahres verstrickt waren, diverse Meineide vor dem DFB-Gericht und Chefermittler Hans Kindermann schworen und dennoch unbeeindruckt eine fast traumhafte Saison spielen. Es war auch jenes Spieljahr, in dem der Büchsenwurf vom Bökelberg Borussia Mönchengladbachs „Fohlenelf“ den 7:1-Sieg gegen Inter Mailand entriss. Ein Mythos!

Popkultur in der Bundesliga

Es ist ein kluges Buch geworden, das die Kunstfertigkeit und die Abgründe des deutschen Profifußballs Anfang der 1970er Jahre mit dem gesellschaftlichen Aufbruch und der Brutalität der politischen Ereignisse verknüpft. Die auch von dem bald darauf mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichneten Willy Brandt entfachte Demokratisierung zementiert sich in den am 2. Juni 1972 mit Polen und der damaligen Sowjetunion geschlossenen Ostverträgen. Zufall oder nicht, dass die deutschen Fußballer das Münchner Olympiastadion eine Woche zuvor mit einem 4:1 gegen die sowjetische Nationalmannschaft eingeweiht hatten.

Kaum Fans beim 1. FC Köln und VfB Stuttgart

80 000 Zuschauer schauen zu, ausverkaufte Stadien sind seinerzeit eine Seltenheit. In der vom Skandal der Vorsaison (mit rund 1,1 Millionen Mark ausbezahlten Schmiergeldern) schwer belasteten Bundesliga kommen selbst zu Heimspielen der Schalker, des 1. FC Köln oder vom VfB Stuttgart zu manchen Spielen kaum 10 000 Zuschauer, oft deutlich weniger. Es gibt anregendere Zeitvertreibe für viele: In den Kinos laufen die Klassiker „Spiel mir das Lied vom Tod“ und „Hausfrauen-Report“ erfolgreich. Mönchengladbachs Gladiator Günter Netzer sagt zwar : „Die Sexwelle ist spurlos an mir vorbei gegangen.“ Aber er fährt Jaguar, besitzt einen eigenen Club und trägt die Haare lang.

Paul Breitner mag die Hymne nicht

„Die Popkultur erhielt Einzug in die Bundesliga“, schreibt Beyer, Netzers Jaguar (den er bald an Beckenbauer verkauft) sei auch ein „Symbol gegen den Mief“ gewesen. Die langen Haare vieler Profis als Aufbegehren gegen das Establishment? Wohl eher als Modeerscheinung. „Zu behaupten, der Geist der 68er habe den Fußball erfasst, wäre weit übertrieben“, glaubt Beyer. Paul Breitner sagt zwar: „Diese Nationalhymne vor den Länderspielen stört mich.“ Doch der brave Berti Vogts wird „Fußballer des Jahres“. Leserbriefschreiber beschweren sich im „Kicker“ über den Haarwuchs der Spieler, die aber mehrheitlich weit weg von Rebellion sind. Und manche viel näher dran am dreisten Betrug.

Baader, Meinhof und die RAF morden gegen das Morden

Die Sportschau moderieren drinnen im Kölner Studio Dieter Adler, Ernst Huberty und Hans-Joachim Rauschenbach knochentrocken (Beyer: „Nüchternheit ist Reporterpflicht“), draußen auf den Straßen zieht die Baader-Meinhof-Bande gegen das „imperalistische Schweinesystem“ in die Schlacht. „In Vietnam fallen mehr Napalmbomben als je zuvor“, schreibt Beyer, „Baader, Meinhof und die RAF morden gegen das Morden.“ Und am Ende werden die Bayern Meister.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare