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Mit Muskelmasse in neue Sphären: Bryson DeChambeau schlägt den kleinen Ball weiter als alle anderen.

Golf-Revolution

Auf links gedreht

  • Jakob Böllhoff
    vonJakob Böllhoff
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Golfprofi Bryson DeChambeau hat 20 Kilo Muskeln zugelegt und revolutioniert den Sport mit kraftvollen Schlägen. Das sorgt für Debatten und ist unkonventionell – aber erfolgreich.

Das sind natürlich aufwühlende Zeiten gerade, vor allem für diejenigen, die es mit der Tradition halten. Alles so schnell, alles so anders, wer soll da noch mitkommen? Den Golfsport, ein Hort des Altbewährten, trifft es zurzeit ganz besonders hart. Neulich, bei einem Turnier in Südafrika, durften die Profis gar mit kurzen Hosen antreten, weil es so heiß war, und wenn das selbstverständlich nur einmaliger Bruch mit den Gepflogenheiten dieses vornehmen Sports war, in dem nackte Männerbeine nicht gerne gesehen sind, so kündigt sich nun eine Veränderung an, die das Profigolfen auf Dauer revolutionieren könnte.

Die Revolution hat einen gewaltigen Oberkörper, Arme wie ein Bodybuilder, und sie hört auf den Namen Bryson DeChambeau.

Nie jedenfalls in ihrer 135-jährigen Geschichte sah die Trophäe der US Open kleiner aus als in den Händen DeChambeaus, jenem Muskelprotz, der am Sonntag in Mamaroneck im Bundesstaat New York den ersten Major-Titel seiner Karriere feierte. „Ich habe es geschafft“, stammelte der 27-jährige Kalifornier hinterher im öffentlichen Videochat mit seinen Eltern, Tränen in den Augen. Seit Beginn seiner Profilaufbahn hat er sich vorgenommen, die mitunter traditionsstarre Sportart auf neuartigen Wegen zu beherrschen zu lernen. Er experimentierte, eine abgeschlossenes Physikstudium in der Tasche, unablässig an Schlägern und Bällen herum – bis ihm bewusst wurde, was sein eigentlich wichtigstes Werkzeug ist: der eigene Körper.

So hat DeChambeau in diesem Jahr innerhalb weniger Monate 20 Kilogramm Muskelmasse zugelegt, er wiegt jetzt, bei einer Größe von 1,85 Metern, 106 Kilo. Klares Ziel der Formwandlung: den Ball weiter zu schlagen als alle anderen. „Ich glaube, dass ich definitiv verändere, wie die Leute über Golf denken“, sagte er nach seinem Sieg auf dem schwierigen Kurs in Mamaroneck: „Die nächste Generation, die in den Sport drängt, sieht das hoffentlich und sagt: ‚Hey, das kann ich auch!‘ Und es war immer mein Ziel, den Status quo zu verschieben.“

Lange wurde DeChambeau für seinen Pioniergeist belächelt und verspottet. Sie tauften ihnen den verrückten Professor, in Anlehnung an seinen akademischen Hintergrund, er selbst forcierte dieses Image, indem er sich öffentlich mit Albert Einstein verglich, während er am Material herumtüftelte; alle Eisen haben die exakt gleiche Länge bei ihm, er schwenkt die Golfbälle in einer Tasse mit Bittersalz, um ihre Beschaffenheit zu überprüfen. Seine Schrullen sind legendär: Seinen Schlägern hat er Namen gegeben, und bei Autogrammen unterschreibt er gerne rückwärts und mit der falschen Hand, einfach, um sich selbst zu fordern. Grenzen verschieben, auch im Kopf. Darum geht es bei Bryson DeChambeau, immer und überall.

Als er nach der Corona-Pause mit neuem, aufgemotzten Körper an die Abschläge der PGA-Tour ging, um die Bälle übers Fairway zu prügeln, hatte er schnell den Spitznamen „Hulk“ weg, weil seine plötzliche Transformation arg an die Comic-Figur erinnert, die im Zustand der Wut zum grünen Muskelmonster wird. Doch der hämische Unterton, mit dem konservative Kommentatoren DeChambeau lange begleiteten, ist mit zunehmendem Erfolg einem Mix aus Respekt und Besorgnis um die alten Werte des Sports gewichen. „Nach meiner tiefen Überzeugung ist Golf ein Spiel, dass auf ,Skills‘, auf Geschick, Können und Kunstfertigkeit beruht, nicht auf roher Gewalt“, sagte Martin Slumbers, Chef der Regelorganisation R&A. Mit seinen Abschlägen, die nicht selten jenseits der 350-Meter-Marke landen, „führt er die Philosophie des jeweiligen Kurs-Architekten ad absurdum“, findet Ex-Profi und Brandel Chamblee, und Golf-Legende Jack Nicklaus plädiert für eine Veränderung der Bälle und meint: „Wir haben auf Dauer einfach nicht genug Land und nicht genug Geld, um ständig Plätze zu verlängern.“

Bryson DeChambeau, der weiter an Muskelmasse zulegen will, nimmt die Debatten derweil mit einem kraftvollen Schulterzucken. „Egal, welche Regel wie geändert wird: Die gilt ja dann für alle, und damit bleibt mein Vorsprung gegenüber den anderen bestehen“, sagt er. Beim US-Open-Sieg, 2,25 Millionen Dollar Preisgeld wert, bewies er, dass sein Stil auch auf vertrackten Kursen funktionieren kann. Länge geht bei DeChambeau vor Genauigkeit. Mit seinen gewaltigen Abschlägen traf er an den vier Tagen nur 23 von 56 Spielbahnen. Meistens war sein Ball aber damit nah genug am Loch, so dass er auch aus dem tiefen, dichten Gras abseits der Fairways die Grüns angreifen konnte.

Ein Graus für alle Puristen, die sich nun endgültig von dem Gedanken verabschieden müssen, dass Golf ein Sport ist, in dem die Besten auch mit 50 und mit Bauchansatz und im Zweifel auch mit Zigarre im Mund noch in der Weltspitze mithalten können. Bryson DeChambeau ist Gesicht und Körper einer Golfrevolution. Dass er dabei lange Hosen trägt, ist wohl nur ein kleiner Trost für die Traditionalisten. (mit dpa)

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