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An der Auslastungsgrenze: Schneekanonen.

Klimaschutz

Auch der Sport ist jetzt „for Future“

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Der Sport zeigt sich langsam sensibilisiert für seine Rolle in der Klimakrise – davon zeugen diverse Initiativen.

In der vergangenen Woche erreichte die Klimadebatte auch den FC Bayern. Deutschlands führender Fußballverein gab die Verlängerung seines Vertrags mit dem Autobauer Audi bekannt, und wie immer, wenn die Münchner einen Deal machen, geht es um viel Geld und eine rekordträchtige Summe, angeblich eine halbe Milliarde Euro für zehn Jahre. In der Erneuerung der Beziehung steckt diesmal allerdings noch mehr: Als Dienstwagen bekommen die Bayern-Profis Fahrzeuge aus der e-tron-Serie. Zum Training werden sie nicht mehr mit dem satten Brummen eines hochmotorisierten Verbrenners vorfahren, sondern mit leisem elektrischen Schnurren. Die Spieler werden zu Botschaftern einer anderen Lebensweise.

E-Mobilität mag noch nicht der Wissenschaft letzter Schluss sein, Kritiker bemängeln, dass die Herstellung der Batterie viel Energie verschlinge und sich ein positiver Effekt auf die Umwelt erst mit langer Betriebsdauer einstelle – trotzdem wird der Umstieg von Benzin auf Strom erst einmal positiv bewertet. Für Stefan Wagner ist die Aktion „ein schönes Beispiel, wie der Sport Aufmerksamkeit schaffen kann, wenn zwei so große Akteure wie Audi und der FC Bayern zusammen etwas beschließen“.

Stefan Wagner (48) ist schon länger im großen Sport tätig. Er arbeitete beim Hamburger SV und der TSG Hoffenheim (die berät er immer noch), war Pressesprecher des Radteams T-Mobile und der Agentur „Upsolut Event“, die die Radrundfahrt Deutschland-Tour und die Hamburger Cyclassics organisierte. Früh entdeckte Wagner das Thema CSR, das ist das Kürzel für „Corporate Social Responsibility“, und die Idee dahinter ist, dass eine Sportorganisation sich auch durch umsichtiges Engagement in sozialen Themen ein Gesicht geben sollte. „Ich habe mich persönlich und beruflich mit Klimaschutz und Klimawandel beschäftigt“, sagt er.

Stefan Wagner verfolgte, wie Greta Thunberg die Initiative „Fridays for Future“ ins Leben rief, über die junge Schwedin und die deutsche Klimaaktivistin Luisa Neubauer sagt er: „Was diese beiden Frauen neben vielen anderen geleistet haben, ist einzigartig.“ Er sah, wie sich weitere Organisationen gründeten: Scientists for Future, Artists for Future, Parents for Future. Wissenschaftler, Künstler. Die Generation der Eltern setzte sich also mit ins Boot.

„Die Frage stellte sich, wo der Sport in der Debatte steht“, so Stefan Wagner. „Dass der Sport nicht dabei war, kam uns plötzlich absurd vor.“ So gründete der Nachhaltigkeitsexperte im Juli 2019 den Verein „Sports for Future“. Prominente Mitinitiatoren waren Hoffenheim als treibende Kraft und Werder Bremen, aus dem Fußball zudem VfL Osnabrück sowie der frühere Torwart-Weltenbummler und jetzige Sportdirektor von Fortuna Düsseldorf, Lutz Pfannenstiel. Sowie Olympiachampions: Eisschnellläuferin Anni Friesinger-Postma und Turner Fabian Hambüchen. Außerdem dabei: der paralympische Tischtennisspieler Holger Nikeles und die Stabhochspringerin Jacqueline Otchere. Wagner: „Wir versuchen, ,Fridays for Future‘ als gesellschaftliche Instanz zu unterstützen.“

Sport ist ein Influencer, die Leute hören auf bekannte Köpfe oder auf Vereine, die ihnen sympathisch sind. Doch es soll auch darum gehen, „dass der Sport selber nachhaltiger wird“. Darauf hat er lange nicht geachtet, in vielem ist er anfechtbar: Der Fußball verursacht zu jedem Spieltag Reisebewegungen von Hunderttausenden, die großen Teams fliegen zwischen den Kontinenten hin und her, Wintersport vor allem ist ein Energiefresser und bisweilen auch ein Umweltzerstörer. Das will Stefan Wagner auch gar nicht schönreden: „Sport ist nicht widerspruchsfrei – aber das gilt für den Rest der Gesellschaft und für jeden, auch für mich persönlich, genauso.“

Was der Sport unternehmen kann: auf sich zu achten. Er müsse sich fragen: „Was kann ich tun, um meinen CO2-Abdruck zu vermeiden oder, wenn es nicht mehr geht, ihn zu kompensieren?“ Er könne inspirieren, Zeichen setzen – weitere müssten aber von der Politik kommen.

Konkret: Es ist löblich, wenn einige Stars aus dem alpinen Skizirkus wie die Schweizerin Michelle Gisin dazu übergegangen sind, zwischen den Weltcuporten mit der Bahn zu reisen, „aber wie man mit Individualverkehr umgeht, muss an anderer Stelle entschieden werden.“ Michelle Gisin, 26, in Pyeongchang 2018 in der Alpinen Kombination Olympiasiegerin, ist aktives Mitglied bei POW. Die Buchstaben stehen für den Slogan „Protect Our Winters“ (Beschützt unsere Winter).

„Wintersport ist der erste Sport, in dem man den Klimawandel am eigenen Leib erfährt“, weiß Stefan Wagner von „Sports for Future“. Die Geschichte von POW begann bereits im Jahr 2007 mit dem amerikanischen Snowboarder Jeremy Jones. „Der war sozusagen in seinem Büro in den Bergen und hat gemerkt: Es läuft nicht mehr so, wie es sollte“, erzählt Max Isensee, der den deutschen Ableger von POW vertritt. Gegründet 2017 und derzeit noch damit beschäftigt, sich „bekannt zu machen. Wir sind natürlich nicht so weit wie Greenpeace.“

Aber „Protect our Winters“ ist global enorm gewachsen. Es haben sich, vor allem in den vergangenen vier Jahren, Niederlassungen in Kanada, Frankreich, Österreich, Norwegen, Finnland, Schweden, Schweiz, Großbritannien, Neuseeland, Japan, Niederlande und Australien gegründet. „Im Kern“, so Max Isensee, „sind wir eine Klimaschutzorganisation, in der es um die Verkehrs- und Energiewende und den CO2-Footprint geht – wir machen es speziell für die Winter- und Outdoorcommunity.“

Darum geht es: „Das Einfallstor aufmachen und mehr Leute für den Klimaschutz zu begeistern.“ Möge jeder sich gut überlegen, wie er seine Woche Skiurlaub gestaltet: In einem nur mit dem Auto erreichbaren Skigebiet (Isensee: „Das macht schon 70 bis 80 Prozent des CO2-Abdrucks aus“), das vielleicht komplett auf erneuerbare Energie umgestellt ist.

„Wir brauchen den Winter“, proklamieren die deutschen POWler. „Schütze, was du liebst“ die Österreicher. „Der Klimawandel betrifft uns alle“, erklären die Schweizer. „Der Winter braucht uns“, meinen die Engländer. „Die Erde braucht den Winter“, heißt es in Japan.

Und der Mensch braucht den Sport. Den in der Breite und in der Spitze.

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