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„Athletes for Ukraine“: Nicht an Krieg gewöhnen

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Von: Günter Klein

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Besorgter Blick: Sergej Bubka bei einem Auftritt im italienischen Fernsehen.
Besorgter Blick: Sergej Bubka bei einem Auftritt im italienischen Fernsehen. © IMAGO/Independent Photo Agency Int.

Der deutsche Verein „Athletes for Ukraine“ steht weiterhin vor großen Herausforderungen

Wolfgang Pichler, der Biathlon-Trainer aus Ruhpolding, ist der Mann für die klaren Ansagen. Er hat bemerkt, dass das Thema Ukraine „in den Nachrichten nach hinten geschoben wird“, Gewöhnung einsetzt an Meldungen aus dem Krieg, die Aufmerksamkeit nachlässt. Die benötigt aber der Verein, in dem er sich engagiert: „Athletes for Ukraine“ mit mittlerweile über 300 Mitgliedern aus dem Bereich des Spitzensports. Vieles sei schon geleistet worden, aber es müsse ja noch lange weitergehen. „Wir brauchen einfach Geld“, sagt Pichler.

Auf der Münchner Fachartikelmesse „Outdoor by Ispo“ ist man zusammengekommen, um aufzuzeigen, wie die „Athletes for Ukraine“ arbeiten, an welchen Projekten sie beteiligt sind und was sie noch vorhaben. Zunächst: Es geht nicht nur um Hilfe für Sportler:innen, sondern zuallererst für die ganz normalen Menschen. Felix Loch, dreimaliger Rodel-Olympiasieger, hat schon zwei größere Fahrten unternommen, einen Bus an die ukrainisch-polnische Grenze („1200 Kilometer einfache Strecke“) gelenkt, Hilfsgüter zur Weitergabe ausgeladen und Menschen aus der Ukraine an Bord genommen, die weiter nach Deutschland wollten. „Hunderte meldeten sich, leider konnten wir nur 60 Plätze anbieten.“ Seine Frau Lisa war emotional überwältigt von Müttern mit Kindern auf der Flucht, „für mich als junge Mama ist das noch mal eine andere Nummer“, erklärt sie. Oder die Begegnung mit einer Ex-Rodlerin aus der Ukraine: „Sie hatte eine Olympia-Tasche von Vancouver 2010 – darin saß ihre kleine Katze.“ Die Lochs haben die frühere Sportlerin nach Rosenheim gebracht, inzwischen ist sie bei einem anderen Ex-Rodler in Südtirol untergekommen. „Der organisierte Sport unterstützt sich“, sagt Felix Loch.

Trainingsoptionen schaffen

Eine Auswirkung des Krieges ist, dass am 24. Februar, am ersten Tag des russischen Angriffs, das Biathlon- und Langlaufzentrum in Tschernihiw komplett zerbombt wurde. Skier, Stöcke – alles Material verbrannte. Die Anlage wird mit Hilfe aus dem Westen wieder aufgebaut, die „Athletes for Ukraine“ haben eine Patenschaft übernommen, 600 Kinder und Jugendliche sollen hier ihren Sport ausüben können.

Zuschalten auf das Treffen bei der Outdoor-Ispo ließ sich Sergej Bubka, populärster ukrainischer Sportstar, jahrelanger Herrscher im Stabhochsprung. Nun sitzt er im Internationalen Olympischen Komitee und im Nationalen Olympischen Komitee der Ukraine. Über eine Stiftung, in die das IOC einen Sockelbetrag eingezahlt hat, und die mittlerweile über 2,5 Millionen Euro verfügt, sollen Trainingsmöglichkeiten geschaffen und ukrainischen Sportler:innen internationale Wettkampfteilnahmen ermöglicht werden. „Wir und unsere Flagge wollen sichtbar bleiben“, sagt Bubka. Sport sei ein wichtiger Bestandteil der „mentalen Erholung“ von den Kriegsschäden. „Die Solidarität mit uns ist auf neues Level gestiegen.“

Mit Elena Govorova, vor einem Jahr Olympiadritte für die Ukraine im Dreisprung, gibt es nun eine Vor-Ort-Botschafterin der „Athletes for Ukraine“, die weiter daran interessiert sind, von „Superstars“ (Pichler) repräsentiert zu werden.

Die Aktivitäten des vom Biathlon-Olympiasieger 1992, Jens Steinigen, initiierten deutschen Vereins sind sogar in der russischen Szene angekommen. Lisa Loch berichtet: „Russische Athleten, die ihr Land verlassen wollen, schreiben uns. Dieses Thema wird uns auch beschäftigen.“

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