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Ohne Chance bei Olympia: Turner Gienger, Kanutin Deppe, Fechter Bach (v.l.).

Sportpolitik

Athleten ohne Stimme

Am Freitag jährt sich eine der dunkelsten Stunden der deutschen Sportgeschichte zum 40. Mal: Die Bundesrepublik Deutschland boykottierte die Olympischen Spiele 1980 in Moskau.

Das Stachel der Enttäuschung sitzt heute noch tief und prägt die Amtszeit von IOC-Präsident Thomas Bach: Am Freitag vor 40 Jahren entschied das Nationale Olympische Komitee (NOK) Deutschlands den Boykott der Olympischen Sommerspiele 1980 in Moskau und sorgte so für eine der größten Fehlentscheidungen in der deutschen Sportpolitik. „Der Boykott war politisch vollkommen sinnlos. In keiner Weise hat er das Verhalten der Sowjetunion in Afghanistan beeinflusst“, sagte Bach am Mittwoch bei einer Presserunde. Boykott und der Gegenboykott vier Jahre später in Los Angeles „haben die Spiele an den Rande des Abgrundes geführt“, meinte der heutige IOC-Chef.

Die Vorgeschichte ist bekannt: Ende 1979 waren sowjetische Truppen in Afghanistan eingerückt, um das dortige Regime zu stürzen. In der Phase des Kalten Krieges machte der damalige US-Präsident Jimmy Carter großen Druck, Moskau fernzubleiben, auch die Verbündeten in Europa sollten folgen.

Bundeskanzler Helmut Schmidt (SPD) hatte mit aller Härte auf den Boykott gedrängt und ließ keine Gegenwehr zu. „Der Sport war ein bloßer Spielball der Politik, ein Knüppel der Politik“, so Bach, der als aufstrebender Athletensprecher in die Bütt stieg und sein Talent für die Sportpolitik zeigte.

Bach wurde jedoch auch zum Opfer, hatte 1976 in Montreal im Florettfechten mit der Mannschaft Gold gewonnen und wollte diesen Erfolg in Moskau wiederholen – doch trotz seiner flammenden Reden konnte auch der Jurist aus Tauberbischofsheim den Boykott nicht verhindern.

Am 13. April 1980 beschloss das NOK der USA den Verzicht. Zehn Tage später empfahl die Bundesregierung dem deutschen NOK, nicht zu starten. Am 9. Mai folgte das NOK-Präsidium mit 12:7 Stimmen diesem eindringlichen Appell, sechs Tage später die Mitgliederversammlung als das ausschlaggebende Organ.

„Es war eine herablassende Missachtung der Athleten“, sagt Bach heute. Der Sport habe überhaupt keinen Einfluss auf die Politik gehabt, allerdings sei in diesen Tagen auch der Startschuss für die Bewegung der Athleten und für den Kampf um mehr Mitsprache gefallen.

Weniger Tests als Rekorde

Noch heute als IOC-Präsident wehrt sich Bach gegen jede Form des Boykotts, setzte bei der Bestrafung Russlands wegen der harten Verstöße gegen die Anti-Doping-Richtlinien stets auf mildere Urteile, die einzelnen Sportlern einen Start erlaubten, wenn sie ihre Unschuld beweisen konnten. Mit dieser Politik machte er sich vor allem im Westen auch Feinde.

Einige deutsche Sportler traf der Boykott 1980 besonders hart, hatten sie sich doch jahrelang auf Moskau vorbereitet und Gold ins Visier genommen. „Da fallen mir Peter-Michael Kolbe oder Guido Kratschmer ein“, sagte Bach über den Einer-Ruderer und den Zehnkämpfer. „Für sie war diese Entscheidung besonders bitter, weil sie gesehen haben, wie sinnlos das Ganze gewesen ist.“

Bitter auch, dass andere Verbündete der USA wie Frankreich, Italien und Großbritannien am Ende doch in Moskau starteten. So gewann der heutige Präsident des Leichtathletik-Weltverbandes (World Athletics), der Brite Sebastian Coe, 1980 in Moskau Gold über 1500 Meter. „Ich glaube nicht, dass die Leute, die in Moskau gewonnen haben, sich als Olympiasieger zweiter Klasse fühlen müssen“, sagte Bach.

Die russischen Gastgeber taten bei den Spielen vor 40 Jahren dann so, als falle der boykottierende Westen kaum ins Gewicht. Doch letztlich fehlten 64 Nationen mit insgesamt 2000 Athleten.

Die UdSSR gewann 80 der 203 Goldmedaillen, die DDR (47) folgte vor Bulgarien (8). Und schon damals stand auch der Verdacht möglicher Manipulationen im Raum. Kritiker behaupteten, es habe in Moskau weniger Dopingtests als Weltrekorde gegeben. (sid)

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