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Eine Klasse für sich: Angelique Kerber.
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Eine Klasse für sich: Angelique Kerber.

Tennis

„Angie brennt noch immer“

  • vonDaniel Müksch
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Tennis-Bundestrainerin Barbara Rittner ist von der Generation Kerber schwer angetan.

Frau Rittner, wie froh sind Sie, dass sich 2020 dem Ende entgegen neigt? Aus sportlicher und aus privater Sicht.

Nur weil das Jahr endet, heißt es ja nicht automatisch, dass das nächste besser wird. Ich gehe davon aus, dass uns die Pandemie auch 2021 begleiten wird. Jeden persönlich, aber auch den Sport und natürlich das Tennis.

Aber viel Positives kann man den letzten zwölf Monaten nicht abgewinnen, oder?

Auch wenn es komisch und egoistisch klingt: Beruflich war es für mich ein gutes Jahr. Durch den ersten Lockdown und die Turnierpause hatten wir Zeit, mit den jungen Spielerinnen viele, sehr intensive Lehrgänge abzuhalten und an der Fitness zu arbeiten, für die sonst im hektischen Turnieralltag zu wenig Zeit bleibt. Unabhängig davon fehlen mir aber natürlich die Treffen mit Freunden, die sozialen Kontakte. Das fängt an zu nerven, macht einen traurig und man fühlt sich manchmal alleine.

Auffällig war, dass Männer- und Frauentennis sehr unterschiedlich mit der Pandemie umgegangen sind. In Köln gab es zwei Männer-Turniere nacheinander, jedoch keine Damen-Veranstaltung.

Das war sehr unglücklich. Für die Damen war die Saison nach den French Open so gut wie beendet. In Köln hatte der Veranstalter versucht, die Damen mit ins Boot zu holen. Ich war dort Turnierdirektorin. Wir haben die Tür weit aufgemacht, aber die WTA war zu träge und umständlich, dass wir uns am Ende für zwei Herren-ATP-Turniere nacheinander entscheiden mussten. Traurig vor allem für die deutschen Spielerinnen.

Ein weiterer Beweis dafür, dass Profitennis unter einem Dach organisiert werden muss? Wie es auch Roger Federer fordert.

Da bin ich bei Roger. Aus meiner Sicht wäre es sinnvoll, wenn ATP, WTA, ITF und die Grand Slams unter einem Dach sitzen. Momentan kocht jeder sein eigenes Süppchen. Gemeinsame große Veranstaltungen von Männern und Frauen wären der richtige Ansatz. Dann auch ruhig etwas weniger Turniere. Gewundert hat mich allerdings, dass sich die Damen insgesamt über ihre Corona-Situation und die wenigen Turniere nicht lauter beschwert haben.

Voll des Lobes: Bundestrainerin Barbara Rittner.

Bei den Männern hat Alexander Zverev 2020 für sportliche Höhepunkte gesorgt. Bei den Frauen fehlen Top-Ergebnisse, für die sonst Angelique Kerber eine sichere Bank war.

Man vergisst, dass Angie sich Ende 2019 wirklich schwer verletzt hat. Dennoch hat sie sich für Australien fit gemacht und ist dort über ihre Grenzen gegangen. Auch ohne Corona wäre sie danach für mehrere Monate ausgefallen. Ich muss aber auch ehrlich sagen, von der Generation Kerber sollten wir nichts mehr einfordern. Die Generation hat über Jahre geliefert. Diese Spielerinnen haben so viel geleistet, so viel dem Tennis geopfert – da ist alles, was jetzt noch kommt, eine Zugabe, das I-Tüpfelchen auf herausragende Karrieren.

Ist Kerber noch eine Kandidatin für große Titel?

Mental auf jeden Fall. Angie brennt noch immer. Sonst würde sie nicht weiterspielen. Ich mache mir nur Sorgen um den Körper. Das gilt für Andrea Petkovic genauso. Beide haben ihre Körper so hart über die Jahre beansprucht, dass physisch eine Grenze mit Anfang 30 erreicht ist. Findet Angie allerdings noch einmal zu ihrer besten körperlichen Verfassung zurück, dann ist mit ihr für die ganz großen Siege zu rechnen.

Zurückgetreten ist Julia Görges. Mit 32 Jahren – genau wie Sie. Ein zu früher Abschied?

Das können wir von außen nicht beurteilen. Ich glaube allerdings schon, dass Jule ohne Corona vielleicht noch etwas weiter gespielt hätte. Sie braucht Freude und Spaß, um ihre Top-Leistung abrufen zu können. Das hat durch Corona und die Geisterturniere in Isolation immer mehr gefehlt. Daneben hat sie in dem Lockdown auch kennengelernt, wie schön es sein kann, zu Hause zu sein. Sie hat einfach das normale Leben schätzen gelernt. Auf mich macht Jule den Eindruck, mit sich und ihrer Entscheidung im Reinen zu sein.

Hinter dieser Generation klafft eine Leistungslücke. Müssen wir uns an Jahre ohne deutsche Frauen in der Spitze der Weltrangliste gewöhnen?

Momentan würden wir wohl mit Kerber, Petkovic, Friedsam, Siegemund in den Fed-Cup gehen. Da wird mir nicht bange. Das ist Weltklasse. Dahinter haben wir ein paar gute Talente, die sind jetzt 18 oder 19. 2005 habe ich begonnen, da hatten wir eine Spielerin in den Top 50, drei in den Top 100. Als Teamchefin bin ich teilweise nach der ersten Runde eines Grand Slams wieder abgereist. Das könnte jetzt im Übergang auch mal wieder passieren. Aber das sollte dann nur eine Momentaufnahme und kein Dauerzustand sein.

Fehlt den jungen Spielerinnen die Bereitschaft, dem Erfolg alles unter zu ordnen?

Ich wünsche mir von der nächsten Generation, dass sie noch öfters ihre Komfortzone verlassen. Es ist böse gesagt, eine verwöhnte – netter ausgedrückt eine sehr behütete Generation. Wenn ich Kerber, Petkovic und Co. mit den jüngeren Spielerinnen vergleiche, dann haben einige ähnlich viel Talent, aber die Generation Kerber war härter zu sich. Ihre Erfolge waren das Resultat von Disziplin und Durchhaltevermögen. Hier können sich die jungen Spielerinnen einiges abschauen.

Interview: Daniel Müksch

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