1. Startseite
  2. Sport

Andrea Petkovic und der Frieden mit dem Ego

Erstellt:

Von: Jörg Allmeroth

Kommentare

Abheid einer ganz besonderen Tennisspielerin: Andrea Petkovic aus Darmstadt.
Abheid einer ganz besonderen Tennisspielerin: Andrea Petkovic aus Darmstadt. © dpa

Die Darmstädterin Andrea Petkovic gehörte stets zu den besonderen Erscheinungen im Tenniscircuit. Jetzt hört sie auf.

Der Rücktritt von Steffi Graf lag schon fast zehn Jahre zurück, als in der Tenniswelt auf einmal von einem neuen deutschen Fräuleinwunder die Rede war. Es ging allerdings spät in den Nullerjahren nicht um Angelique Kerber, Julia Görges, Tatjana Maria oder Sabine Lisicki. Sondern zuerst um Andrea Petkovic, eine freche, unbeschwerte Teenagerin aus Darmstadt, die begann, sich mit erfrischender Dynamik in der erweiterten Weltspitze zu etablieren. Petkovic war extrem ehrgeizig, sie wollte sehr früh sehr hoch hinaus. Dann aber kamen Verletzungen, viele Verletzungen. Die Mitstreiterinnen aus dem Nationalteam zogen an Petkovic vorbei, die „Ollen“, wie die schlagfertige Petkovic sie nannte.

Neid? Fehlanzeige!

Kerber, die von Petkovic einst sogar vor einem Rücktritt bewahrt worden war, gewann die großen Titel, wurde die Nummer eins. Aber Petkovic war auch in dieser Situation eine außergewöhnliche Erscheinung. „Wenn die anderen besser sind als ich“, sagte sie, „dann ist das kein Problem für mich, das sehe ich komplett entspannt. Das sind meine Freundinnen, denen wünsche ich nur das Schönste und Beste“. Wenn man Neid so definiere, dass man anderen etwas nicht gönne, so Petkovic, „dann ist dieses Gefühl bei mir definitiv nicht vorhanden. Fehlanzeige.“

Im Moment sind sie gefühlt alle wieder dicht beisammen, die Spielerinnen aus der goldenen Generation des deutschen Frauentennis. Görges, Kerber, Petkovic. Görges hat sich im vergangenen Herbst vom Tennis verabschiedet, Petkovic schrieb ihr damals öffentlich, sie werde sie „so sehr vermissen“. Vor ein paar Tagen verkündete Kerber, dass sie ihr erstes Kind erwartet und nicht an den US Open teilnehmen werde. Ob sie jemals auf den Tennisplatz zurückkehren wird, ist offen. Und nun auch Andrea Petkovic – mit dem „letzten Tanz“, den sie bereits auf Instagram ankündigt hatte, bevor sie nun auch in New York sagte: „Die US Open sind generell mein letztes Turnier.“ Vielleicht werde sie noch einen Wettbewerb in Europa dranhängen, als Schaulaufen mit Freundinnen, Familie und Fans aus der Heimat. Am Dienstag könnte sie gegen die Schweizer Olympiasiegerin Belinda Bencic tatsächlich bereits ihr letztes Grand Slam-Match bestreiten.

Eine abenteuerliche Reise geht damit für die inzwischen 34-jährige Südhessin zu Ende, eine Tennisreise über fast zwei Dekaden, in der sie alle Höhen und Tiefen durchmessen und selbst stets messerscharf analysiert hat. Warum sie nicht in den ersten Jahren ihrer Karriere die großen Erfolge gefeiert hatte, wusste sie später auch ziemlich genau: „Ich hatte damals eine wahnsinnig komplizierte Zeit, es war halt immer ein großer Überwillen in mir drin, der auch zu Verletzungen führte“, so Petkjovic, „da bin ich total vom Weg abgekommen, habe auf niemanden mehr gehört, habe den Erfolg über alles gestellt.“ Der Mensch Petkovic, so Petkovic, sei egal gewesen, es sei fatalerweise nur noch um die Tennisspielerin Petkoc gegangen. Zu früh sei der Erfolg gekommen: „Dieser Sturm der Vereinnahmung, diese große ,Unsere Petko-Welle´ ließ mich irgendwie untergehen. Als Mensch konnte ich nicht mitwachsen.“

Vielleicht waren diese belastenden Erfahrungen auch immer einer der Gründe, warum Petkovic sich fortan anderen Themen widmete. Sie studierte Politikwissenschaften, ging für ein Praktikum in die Wiesbadener Staatskanzlei von Ex-Ministerpräsident Roland Koch. Sie schrieb Kolumnen für Zeitungen, ging später mit Rockbands auf Tour. Sie schlidderte aus den Top 100 heraus, flüchtete hin und wieder vollständig aus dem Tenniscircuit. Bevor sie die Erkenntnis fand: „Mein Leben hat viele Facetten, ich selbst habe viele Gesichter. Aber ich bin zuallererst Tennisspielerin. Und ich versuche, stets das Beste zu geben und habe großen Spaß daran.“ Eins nahm sie sich vor: „Ich muss aufhören, der größte Kontrollfreak für mich selbst zu sein.“ Sie dürfe sich nicht „tagelang mit der Frage quälen, ob ich zu wenig gegessen oder zu wenig trainiert habe“.

Für manche professionelle Beobachter:innen des Wanderzirkus war es fast schon erstaunlich, dass Petkovic sehr spät noch einmal aufdrehte als Athletin, im vergangenen Jahr sogar noch einmal ein Turnier in Rumänien gewann – zu sehr war sie in ihren vielen anderen Nebenrollen wahrgenommen worden, nicht zuletzt als Moderatorin der ZDF-Sportreportage oder als Autorin einer Autobiographie mit dem Titel „Zwischen Ruhm und Ehre liegt die Nacht.“

Einer der größten späten Tage für Petkovic spielte sich bei den French Open 2019 ab, auf Court 14 gegen die Taiwanesin Hsieh, ein Zweitrundenthriller mit Happyend für die Darmstädterin. Petkovic spürte die Magie des Moments, weit abseits von Titelambitionen: „Heute dachte ich endlich wieder: Mann, was hast du für einen coolen Job. Ich weiß, dass es schwer wird, solche Momente zu ersetzen. Man darf aber auch gar nicht darauf hoffen.“

„Zufrieden wie nie“

Auch ihr Vater stand damals mit Tränen draußen am Spielfeldrand, der Mann, der seine Tochter auf der ewig langen Wegstrecke immer wieder begleitet hatte: „Ich bin froh“, sagte Daddy Petkovic, „dass Andrea ihren Frieden mit dem Tennis gefunden hat.“

Auch wenn sportlich nicht alles nach Wunsch lief, sah Petkovic die Erlebnisse auf der Zielgerade ihrer Karriere als „großes Glück.“ Jenseits der 30, sei sie so „zufrieden wie nie zuvor“. Sie war nicht mehr die Getriebene, die Gehetzte. Nicht mehr eine, die sich selbst oder anderen etwas beweisen wollte. „Ich habe Frieden mit meinem Ego gemacht.“

Auch interessant

Kommentare