Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Der Schlussakkord einer langen Reise um die Welt: das Feuerwerk im Hafen von Les Sables-d’Olonne.
+
Der Schlussakkord einer langen Reise um die Welt: das Feuerwerk im Hafen von Les Sables-d’Olonne.

Vendee Globe: Drama um Segler Herrmann

Alptraum eines Seebären

  • Daniel Schmitt
    vonDaniel Schmitt
    schließen

Dramatik pur: 80 Tage lang pflügt Boris Herrmann erfolgreich mit seiner Yacht durch die Weltmeere, ehe er kurz vor dem Ende der Segelregatta Vendée Globe mit einem Fischerboot kollidiert.

Ein letztes Mal auf dieser Reise noch die Augen schließen, nur kurz, vielleicht zwei Minuten, vielleicht zehn, höchstens eine halbe Stunde. Länger nicht. Träumen von den tollen Momenten, die da bald warten würden. Von der Ankunft am Hafen, vom festen Boden unter den Füßen, von den Umarmungen mit den Teammitgliedern, von denen mit den Kindern, mit der Ehefrau. Rumms!

Aufgewacht inmitten eines Alptraums.

Boris Herrmann, der 39 Jahre alter Segler aus Hamburg, erlebte in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag die aufregendsten und tragischsten Stunden seiner langer Skipperlaufbahn. Bei seiner Premierenteilnahme an der Vendée Globe, der härtesten Segelregatta der Welt, nahte bereits das Ziel. Die französische Atlantikküste, der Hafen in Les Sables-d’Olonne waren lediglich noch 150 Kilometer entfernt. Ein Klacks für diesen erfahrenen Seebären, der die zuvor knapp 45 000 Kilometer bei seiner ersten Solo-Weltumseglung erfolgreich hinter sich gebracht hatte. Und dann passierte es in einem Moment, in dem es niemals mehr hätte passieren dürfen. Die Hightechyacht des Deutschen kollidierte mit einem Fischerboot. Fünf Sekunden, vielleicht auch zehn Sekunden, gefühlt eine Ewigkeit schrammten die beiden Schiffe aneinander vorbei. Herrmann, sofort aus seinem Dämmerschlaf gerissen, eilte herbei, war entsetzt. Der Bug und die Tragflügel seiner Yacht beschädigt, ein Seil zur Sicherung des Masts gerissen, die Träume vom Sieg futsch. „Plötzlich sah ich eine Wand neben mir, die Schiffe verhakten sich, ich hörte Männer rufen“, berichtete Herrmann noch von Bord aus über diesen Schockmoment: „So etwas habe ich noch nie erlebt.“ Er sei bitter enttäuscht, es ist „mein größter Alptraum.“ Das dramatische Finale eines dramatischen Rennens.

Defekt: Ein gerissenes Karbonseil aus der Unfallnacht.

Zwar ließ sich der entstandene Schaden mit viel Geschick noch notdürftig reparieren, auf der verbleibenden Strecke aber konnte Herrmann seine Hast nach dem Titel nicht mehr fortsetzen. Gemächlich schwappte seine Yacht über die Wellen hinweg gen Ziel, das sie um 11.19 Uhr nach 80 Tagen, 14 Stunden, 59 Minuten und 45 Sekunden erreichte. Vierter Platz, eine starke Leistung allemal, lieber hätte Herrmann aber natürlich den Platz von Yannick Bestaven, dem französischen Sieger, eingenommen.

Schon einige Tage vor diesem Thrillerfinale hatte der Hamburger im Unwissen, was da noch kommen sollte, seine Reise um die Welt noch einmal Revue passieren lassen. Er habe im Vorfeld zwar keine Genussfahrt erwartet, gab der erfahrene Skipper in einem virtuellen Gespräch mit der „FAZ“ zu: „Ich hätte aber nie gedacht, dass es so hart wird.“ Wenn er ein Motto für seinen Trip finden müsse, dann jenes: „Der Schmerz geht, aber der Stolz bleibt.“ Ein Motto, das auch jetzt nicht besser passen könnte.

Ein paar Beispiele, um sich eine Vorstellung von den Anforderungen der am 8. November gestarteten Regatta machen zu können: So sausten Herrmann und seine Mitstreiter:innen monatelang alleine auf hoher See um die Welt – ohne Pause. Nicht umsonst tauften die Teilnehmer:innen das Rennen als „Everest der Meere“, die sich teilweise sieben, acht Meter in die Höhe aufbauschenden Fluten fühlten sich für sie mitunter auch schon mal so hoch wie die Alpen an. In ihren Yachten waren sie ungewohnt vielen Stürmen ausgesetzt, anfangs im Atlantik, später dann vor allem im Südpolarmeer unweit der Eisgrenze. Es gab karge Mahlzeiten aus Tüten, die andernorts kaum als Mahlzeiten gelten würden. Zudem wenig Schlaf, abgerundet von der quälenden Einsamkeit an Bord, lediglich unterbrochen von Telefonaten nach Hause, vom Anblick vorbeieilender Boote oder tierischer Meeresbewohner. Die Vendée Globe – eine monatelange Konfrontation mit sich selbst und der Natur.

Erschöpft, frustriert, und doch stolz, die Weltumseglung als Vierter beendet zu haben: Boris Herrmann.

Er habe in den vergangenen Wochen viel gesprochen, sagte Herrmann, vor allem zu sich selbst. „Denn immer, wenn ich meine eigene Stimme höre, war das eine Art Selbstvergewisserung, dass es mir gutgeht – ich spreche, also bin ich.“ Freilich: Ihm ging es nicht immer gut. Wer den Weg des 39-Jährigen via Soziale Netzwerke verfolgte, dem blieb seine Erschöpfung nicht verborgen. Immer größer werdende Augenringe, ein sichtbar ausgezehrter Körper, die länger gewordenen Haare.

Man muss sich das alles mal vorstellen, diese Grenzerfahrungen, wenn ein Mann mit Höhenangst inmitten eines Sturms, bei kräftig vor sich hinschwappenden Wellen das defekte Großsegel weit oben am Mast repariert. Oder wenn er mitbekommt, wie einem Kollegen das Boot auseinanderbricht und dieser erst nach Stunden auf ein anderes Schiff gerettet werden kann. „Wenn ich an Bord eine Sache gelernt habe, dann, dass ich alles schaffen kann, falls ich denn unbedingt muss. Dann verlange ich mir alles ab und schalte den Kopf aus“, so Herrmann zur „FAZ“.

Besonders im letzten Renndrittel, im Südmeer zwischen Neuseeland und Chile, war diese mentale Stärke von großer Bedeutung. Das Credo: Nicht grübeln, einfach funktionieren. Dort nämlich, stellte Herrmann fest, habe man sich schlicht keine Angst erlauben können. „Es gibt dort keine Handelsrouten, von der aus andere Schiffe innerhalb einiger Stunden helfen oder dich retten könnten. Da lastet über Wochen ein immenser Druck auf einem.“

Als es schließlich auf die lange Zielgerade zum französischen Heimathafen ging, vom Kap Hoorn bei Chile den Atlantik gen Norden hinauf, entwickelte sich schließlich besagtes Kopf-an-Kopf-Rennen um den Sieg. Herrmann war mittendrin – bis er ein letztes Mal die Augen schloss, und träumte. Von festem Boden unter den Füßen, von den Umarmungen mit der Familie, vom Sieg. Rumms!

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare