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Von: Ronny Blaschke

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Ohne Mao Tse-tung läuft in der Volksrepublik China nach wie vor so gut wie nichts und niemand.
Ohne Mao Tse-tung läuft in der Volksrepublik China nach wie vor so gut wie nichts und niemand. © AFP

Die wechselvolle und oft gewaltsame Geschichte der Volksrepublik China spiegelt sich auch im Sport – für Einzelschicksale ist da kein Platz

In der Mitte des 20. Jahrhunderts gibt es noch keine Anzeichen dafür, dass China zu einer Supermacht im Sport aufsteigen könnte: Nach dem Chinesischen Bürgerkrieg gründen die Kommunisten 1949 die Volksrepublik. Die unterlegenen Nationalisten fliehen auf die Insel Taiwan. Zunächst gilt Taiwan als internationale Repräsentanz des „wahren Chinas“, auch bei den Vereinten Nationen. Aus Protest zieht die Volksrepublik ihre Sportler von den Olympischen Spielen 1956 in Melbourne zurück und tritt 1958 aus dem IOC aus.

Die Volksrepublik konzentriert sich fortan auf nationale Wettbewerbe. 1956 bricht der Gewichtheber Chen Jingkai den Weltrekord seines amerikanischen Konkurrenten Charles Vinci. Ein Jahr später stellt die Hochspringerin Zheng Fengrong ebenfalls einen Weltrekord auf. In der Geschichtsschreibung gelten ihre Titel als „wichtige Errungenschaften der sozialistischen Modernisierung“.

Doch wie so oft verläuft die Entwicklung in China nicht linear. 1966 tritt Diktator Mao die Kulturrevolution los, einen radikalen Umbruch mit Millionen Todesopfern. Der heimische Elitesport wird als „bürgerliche Ideologie“ und „kapitalistische Praxis“ dämonisiert. Rotgardisten attackieren prominente Sportler, Trainer, Funktionäre. Sie zerstören Trophäen und Medaillen. Mehrere Tischtennisspieler, die in den Fünfziger und Sechziger Jahren als Helden verehrt wurden, begehen Suizid.

Für Jahrzehnte ist China auch im Sport international isoliert. Anfang der Siebziger Jahre bestehen zwischen den USA und der Volksrepublik keine diplomatischen Beziehungen. 1971 findet die Tischtennis-WM im japanischen Nagoya statt. Versehentlich steigt der US-Spieler Glenn Cowan in einen Bus mit chinesischen Spielern. Sie kommen ins Gespräch und vereinbaren Freundschaftsspiele. Einige Monate später besucht US-Außenminister Henry Kissinger erstmals die Volksrepublik, 1972 folgt ihm Präsident Richard Nixon.

Diese sogenannte Pingpong-Diplomatie offenbart Signale der Öffnung. Nach zwei Jahrzehnten Isolation tritt die Volksrepublik 1979 dem IOC bei. Auf Druck Pekings wird Taiwan ins Abseits gedrängt. Der Inselstaat darf als „Chinese Taipeh“ an Olympia teilzunehmen. Möglich wird das durch die Doppeldeutigkeit des Namens. Die Volksrepublik betrachtet Taipeh als Stadt Chinas. Dagegen schreibt Taiwan dem Adjektiv „Chinese“ keine staatliche, sondern eine kulturelle Bedeutung zu. Bei Olympia tritt das demokratische Taiwan mit einer neutralen Flagge und Hymne an.

In den Achtziger Jahren beginnt allmählich der ökonomische Aufstieg Chinas. 1984 verabreden London und Peking die Rückgabe der britischen Kronkolonie Hongkong an China für 1997. Sechs Monate später treffen in Peking die Fußballnationalteams der Volksrepublik und von Hongkong aufeinander. Mit einem Sieg können die Chinesen die Qualifikation für die WM 1986 fast sicherstellen, es wäre ihre erste. Doch sie verlieren gegen den Außenseiter und scheitern. Hunderte chinesische Fans ziehen durch das Botschaftsviertel und randalieren.

Weitere Vorfälle dieser Art werden nicht öffentlich. Mit dem rasanten Wirtschaftswachstum beansprucht China auch mehr und mehr Kontrolle. Die heimischen Sommerspiele 2008 in Peking dienen der Kommunistischen Partei als globale Bühne für ihre Expansion. Auch erfolgreiche und wohlhabende Einzelsportler müssen sich diesem Narrativ unterordnen. Das bekommt zum Beispiel Li Na zu spüren. 2011 gewinnt die chinesische Tennisspielerin als erste Asiatin ein Grand-Slam-Turnier, die French Open. In ihrer Rede bedankt sich Li bei Sponsoren, Betreuern und Fans, doch ihre Heimat erwähnt sie nicht. Viele Chinesen bezeichnen Li als unpatriotisch und undankbar. Noch heute spielt sie in der Geschichtsschreibung eine untergeordnete Rolle.

Es beginnt die Zeit, der Xi Jinping politische Kompetenzen beansprucht. 2015 reist der Staatspräsident nach Großbritannien. Auf einem Stadionfoto in Manchester lächelt er neben dem britischen Premierminister David Cameron und dem Fußballer Sergio Agüero. Fortan investieren chinesische Unternehmen im heimischen und internationalen Fußball. Handelsnetzwerke entstehen. So sind chinesische Firmen an den Stadionbauten für die WM in Katar in diesem Jahr beteiligt. Die Volksrepublik möchte bald eine WM austragen, doch ihr Fußball verharrt im Mittelmaß.

Bis heute bestehen gravierende Unterschiede zwischen den Sportkulturen im Westen und in China. Für die Begrenzung des Bevölkerungswachstums dürfen chinesische Familien zwischen 1979 und 2015 nur ein Kind bekommen. Viele Eltern wollen nicht riskieren, dass sich ihr Nachwuchs in robusten Teamsportarten verletzt. Als Weg zu Wohlstand wird Bildung betrachtet. Jahrelang geht es für Jugendliche darum, an die besten Universitäten zu kommen. Unter diesem Wettbewerbsgedanken leidet wohl auch die Teamfähigkeit im Sport. Die meisten Olympiamedaillen gewinnen chinesische Athleten in Einzeldisziplinen.

Die Kommunistische Partei möchte mit Sport die Disziplin der Nation vermitteln. Einige Sportler erhalten Sperren, weil sie ihre Tätowierungen nicht abgedeckt oder sich während der Nationalhymne ins Gesicht gefasst haben. 2018 versammelt der chinesische Fußballverband fünfzig Jungprofis in einem Militärcamp. 2019 erhalten die chinesischen Fußballerinnen vor der WM Unterricht mit dem Titel „Mutterland in meinem Herzen“. 2020 fordert das Bildungsministerium von Schulen die Einstellung pensionierter Sportler, um Zitat, „die Männlichkeit der Schüler zu kultivieren“. Die Winterspiele sollen dem chinesischen Nationalismus nun die nächste große Bühne bereiten.

Pingpong-Diplomatie 1971. Ein chinesischer Tischtennisspieler trainiert mit einem US-amerikanschen.
Pingpong-Diplomatie 1971. Ein chinesischer Tischtennisspieler trainiert mit einem US-amerikanschen. © AFP

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