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„Alle sollen sicher Sport treiben können“

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Von: Jana Ballweber

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Hat mit seinen Missbrauchsvorwürfen eine intensive Debatte ausgelöst: der Ex-Wasserspringer Jan Hempel, hier 1994 in Rom.
Hat mit seinen Missbrauchsvorwürfen eine intensive Debatte ausgelöst: der Ex-Wasserspringer Jan Hempel, hier 1994 in Rom. © Laci Perenyi/Imago

Christina Gassner, Geschäftsführerin der Deutschen Sportjugend, über den Skandal um sexualisierte Gewalt im Schwimmsport, Maßnahmen gegen Missbrauch und die besonderen Herausforderungen für Kinder- und Jugendschutz im Sport.

Frau Gassner, wie haben Sie reagiert, als Sie vom Skandal um sexualisierte Gewalt im deutschen Schwimmsport erfahren haben?

Die Schilderungen von Jan Hempel, aber auch die der anderen Betroffenen, haben mich erschüttert. Ich bin beeindruckt vom Mut aller Beteiligten. Es ist keine Selbstverständlichkeit, damit an die Öffentlichkeit zu gehen und sich so mit dem Erlebten noch einmal auseinanderzusetzen. Für uns als Sportverband ist dieser Mut ein ganz wesentlicher Beitrag, um herauszufinden, wo es Schutzlücken gab oder vielleicht immer noch gibt.

Einige der Vorwürfe zum Umgang der Verbände mit den Betroffenen aus der ARD-Dokumentation liegen schon länger zurück, betreffen aber auch Personen wie Ex-Bundestrainer Lutz Buschkow, die bis zum Bekanntwerden der Vorwürfe noch im Schwimmsport tätig waren. Hat sich die Situation rund um das Thema sexualisierte Gewalt im Sport in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten verbessert?

In den Verbänden und Vereinen hat sich insbesondere seit 2010 eine Menge getan. Damals haben wir die sogenannte Münchener Erklärung unter dem Leitmotiv „Vorbeugen und Aufklären, Hinsehen und Handeln!“ auf den Weg gebracht, eine Selbstverpflichtung der Verbände für konkrete Maßnahmen zum Schutz vor sexualisierter Gewalt im Sport.

Wie sehen diese Maßnahmen beim Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) und bei der Deutschen Sportjugend (dsj) aus?

Wir haben uns sowohl beim DOSB als auch bei der dsj ein Stufenmodell gegeben, nach dem die Maßnahmen zur Prävention und zum Schutz vor sexualisierter Belästigung und Gewalt schrittweise umgesetzt werden sollen. Das betrifft Mindeststandards, die die Mitglieder beider Dachverbände einhalten müssen, zum Beispiel dass sie Konzepte für Prävention, Intervention und für die Qualifizierung des Personals vorlegen müssen. Außerdem müssen die Verbände eine Ansprechperson für das Thema sexualisierte Gewalt benennen. Insgesamt besteht das Modell aus elf Stufen. Wichtig ist, dass wir die Weiterleitung von Mitteln an die schrittweise Umsetzung dieses Modells geknüpft haben.

Wer sind diese Ansprechpersonen in den Verbänden?

Das ist ganz unterschiedlich, das hängt oftmals davon ab, wie gut ein Verband finanziell und personell ausgestattet ist. Die großen Verbände, wie die Landessportbünde, haben einen oder sogar mehrere hauptamtliche Mitarbeitende für das Themenfeld, in manchen Verbänden ist das auch von öffentlicher Hand finanziert. Das ist aber nicht für alle Verbände möglich, bei kleineren Mitgliedsverbänden ist diese Position dann oft ein Ehrenamt.

Was passiert mit Verbänden, die sich nicht an die Vorgaben halten?

Wer als Verband die gemeinsamen Standards nicht erfüllt, bekommt über uns keine finanziellen Mittel mehr weitergeleitet.

Abseits der Verbandsebene können Kinder und Jugendliche vor allem auch in den über 90 000 Sportvereinen mit dem Thema sexualisierte Gewalt konfrontiert werden. Wie sieht es auf dieser Ebene aus?

Das Ziel ist ganz klar, alle Sportvereine zum sicheren Schutzraum für Kinder und Jugendliche zu machen. Alle sollen sicher Sport treiben können. Der DOSB und die dsj können aber nur ihre Mitgliedsorganisationen zu Schutzkonzepten verpflichten, das sind beispielsweise die Landessportbünde oder die Spitzenverbände. Bis das bei den Vereinen ankommt, braucht es einen langen Atem. Hier sind dann unsere Mitglieder in der Pflicht, die Vorgaben für ihre Untergliederungen bis hin zur Vereinsebene auszugestalten und durchzusetzen.

Wie gut funktioniert das Ihrer Ansicht nach?

Zur Person

Christina Gassner, 46 Jahre alt, ist seit 2019 Geschäftsführerin der Deutschen Sportjugend und im Vorstand des Deutschen Olympischen Sportbundes. Dort ist sie für den Jugendsport zuständig. Vorher war sie unter anderem als Justiziarin und Leiterin Public Affairs bei der Deutschen Fußball-Liga und als Referentin im Bundesfamilienministerium und im Bundeskanzleramt tätig. (jaba)

Das unterscheidet sich von Verband zu Verband und von Bundesland zu Bundesland. In Hamburg ist zum Beispiel die Weiterleitung von finanziellen Mitteln auch an die einzelnen Vereine an das Vorhandensein von Schutzkonzepten geknüpft. Das funktioniert hervorragend. Gleichzeitig muss man aber auch sehen, dass dies das einzige Druckmittel ist. Ein Verein, der gar nicht von öffentlichen Mitteln profitiert, wird damit nicht erreicht. In anderen Bundesländern gibt es Anreizsysteme für Vereine, zum Beispiel Kinderschutzsiegel, die vom Verband vergeben werden, wenn ein Verein bestimmte Schutzmaßnahmen umsetzt. Ein Schutzkonzept vor sexualisierter Gewalt zu bieten, sollte für Sportvereine ein Qualitätsmerkmal sein.

Der Sport ist ja nicht der einzige gesellschaftliche Bereich, der mit dem Thema sexualisierte Gewalt zu kämpfen hat. Was sind die spezifischen Herausforderungen?

Im Sport gibt es eine besondere Körperlichkeit, die sich nicht vermeiden lässt. Trainer:innen müssen Hilfestellung geben, es gibt Berührungen, es gibt körperliche Sichtbarkeit, es gibt ein oftmals sehr enges Vertrauensverhältnis zwischen Trainer:innen und Athlet:innen. Dazu kommt, dass jede Sportart für sich nochmal besondere Herausforderungen bietet: Welche Zielgruppe hat die Sportart? Wie jung oder alt sind die Athlet:innen? Wie funktioniert das Training? Da kann man gar nicht übergreifend für alle dieselben Regeln festlegen.

Neben sexualisierter Gewalt gibt es ja auch andere Formen von Grenzüberschreitungen, zum Beispiel körperliche oder psychische Gewalt. Wie sieht hierfür die Prävention aus?

Wir richten unseren Blick auch auf die Prävention von anderen Arten von Gewalt. Natürlich wollen wir den Fokus auf sexualisierte Gewalt nicht verlieren. Aber wir sehen auch, dass man die verschiedenen Formen oft nicht trennscharf voneinander abgrenzen kann. Die verschiedenen Arten von Gewalt verschwimmen oft, überschneiden sich oder bedingen sich gegenseitig. Klar ist, dass jegliche Form von Gewalt immer eine rote Linie ist, die unter keinen Umständen überschritten werden darf.

Was passiert denn genau, wenn Betroffene sich an eine der Ansprechpersonen bei Verbänden oder Vereinen wenden?

Im Stufenmodell ist vorgesehen, dass sich die Verbände einen Interventionsplan für den Umgang mit Fällen sexualisierter Belästigung und Gewalt geben. Was genau die Schritte sind, hängt von den verbandsspezifischen Rahmenbedingungen ab und ist dann auch eine organisatorische Frage und sehr individuell. Für die nächsten zwei Jahre haben wir uns aber vorgenommen, einheitliche Qualitätsstandards für den Umgang mit konkreten Fällen zu entwickeln.

Schon länger gibt es von vielen Seiten den Ruf nach einer unabhängigen Anlaufstelle für Betroffene sexualisierter Gewalt im Sport, die Bundesregierung hat sich im Koalitionsvertrag die Bildung eines Zentrums für Safe Sport auf die Fahnen geschrieben. Haben solche Initiativen Ihre Unterstützung?

Wir begrüßen die Initiative für ein Zentrum für Safe Sport ausdrücklich. Eine unabhängige Anlaufstelle kann Schutzlücken, die es im Sport aktuell noch gibt, sinnvoll schließen und die Verbände bei ihren Aktivitäten, zum Beispiel bei der Aufarbeitung von Fällen, unterstützen. Mir ist aber wichtig, dass Verbände und Vereine nach der Bildung einer solchen unabhängigen Einrichtung nicht aus ihrer Verantwortung entlassen sind. Egal, wie gut das Zentrum letztendlich finanziell ausgestattet sein wird, es wird die 90 000 Sportvereine in ganz Deutschland nicht flächendeckend betreuen können.

Das heißt?

Ich bin sehr dafür, die Aufgaben auf mehrere Schultern zu verteilen, sodass die Betroffenen eine echte Wahlfreiheit haben, an wen sie sich mit ihren Erlebnissen wenden wollen, an einen Verband, ihren Verein oder eine unabhängige Stelle. Das ist mir in dieser Diskussion besonders wichtig: An allererster Stelle in jeder Diskussion muss immer stehen, dass die Betroffenen die größtmögliche Unterstützung erhalten.

Interview: Jana Ballweber

Christina Gassner, die Geschäftsführerin der Deutschen Sportjugend.
Christina Gassner, die Geschäftsführerin der Deutschen Sportjugend. © picture-alliance

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