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„Alle fahren, als gäbe es kein Morgen“

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Der Riesenslalom war für Linus Straßer nur der Vorlauf auf den Slalom.
Der Riesenslalom war für Linus Straßer nur der Vorlauf auf den Slalom. © AFP

Linus Straßer über die extreme Konkurrenz im olympischen Slalom, seine Aussichten, und der Vorteil seiner bisherigen olympischen Erfahrungen.

Herr Straßer, bevor wir über den Olympia-Slalom sprechen, noch kurz zu ihrem Sieg in Schladming. Welcher Moment vom 25. Januar hat sich am intensivsten eingeprägt?

Am intensivsten ist es eigentlich immer, die Ziellinie zu überqueren und dann möglichst schnell den kleinen Bildschirm zu finden. Wenn es dann grün aufleuchtet und man die 1 sieht, ist es das stärkste Gefühl, das du so bekommen kannst. In Schladming war das richtig cool, weil 100 Prozent sicher, dass ich nach meiner Fahrt die grüne Lampe sehe, war ich mir nicht.

Es war nicht ihr erster Sieg und auch nicht ihr erstes Stockerl – trotzdem das schönste bisher?

Das lässt sich schwer sagen, weil es ganz unterschiedlich war. Wenn ich zurückdenke, an meinen ersten Slalomsieg in Zagreb 2021, das war ein ganz anderer Sieg. Im ersten Durchgang bin ich viel weiter hinten gelandet. Nach der starken Fahrt im zweiten Lauf hast du dann schon ein Gefühl dafür, dass es nicht so schlecht war. Dann sitzt du in der Leaderbox und bekommst ein Gespür für das Rennen. Es fahren drei, vier Leute und ich konnte mir anschauen, wie sich das Rennen entwickelt. Das war in Schladming gar nicht so. Da kommst du ins Ziel, bist am Jubeln, am Schnaufen, sitzt du kurz in der Leaderbox und die Leute gratulieren. Es geht so schnell, und auf einmal: Oh, hey, jetzt habe ich es gewonnen – Wahnsinn.

Also war in Schladming etwas weniger Zeit zum Genießen?

Ja, aber was mich auch durch Kopf gegangen ist, sind die Momente in dieser Saison davor. Am Anfang war ich öfters krank, es lief nicht so, obwohl ich eigentlich gut gefahren bin. Dann habe ich in Wengen im zweiten Durchgang einen super Lauf und fädle ein. Es ist einfach so extrem, wie nah das alles beisammen liegt. Da trotzdem immer weiter an sich zu glauben und Gas zu geben, darauf kommt es an. Wenn man das macht und auf einmal wieder ganz oben steht, das ist es, was einem dann eine extreme Zufriedenheit gibt.

Zur Person

Im Riesenslalom am Sonntag ist Linus Straßer im ersten Lauf ausgeschieden, doch seine Chancen auf eine Medaille in seiner Lieblingsdisziplin sollten dadurch nicht beeinträchtigt sein. Denn den letzten Slalom vor Olympia hat der 29-Jährige in beeindruckender Manier in Schladming gewonnen. Der für den TSV 1860 startende Münchner hat vor seiner Abreise mit unserer Zeitung über seine Aussichten, die starke und zahlreiche Konkurrenz aber auch seine bisherigen olympischen Erfahrungen gesprochen. FR

Extrem eng beieinander passt auch schön auf die aktuelle Slalomsaison. Für Beobachter die spektakulärste Saison jemals, fühlt sich das für die Athleten auch so an?

Es ist schon extrem zu sehen, wie oft dieses Jahr Athleten, die im ersten Durchgang zwischen 20 und 30 lagen im zweiten Durchgang auf Sieg fahren können oder zumindest aufs Stockerl. Dazu kommen noch die unterschiedlichen Sieger. Von den ersten 15 kann wirklich jeder gewinnen, was es eben spannend macht. Ich glaube von uns Athleten hat am Start jeder im Kopf: okay, heute kann auch ich gewinnen.

Den einen Favoriten im Slalom gibt es nicht für Olympia, aber wie gehen Sie mit der „alles oder nichts Situation“ um, dass gute Rennen, die nicht auf dem Podest enden, wenig wert sind?

Mir ist schon klar, dass es am Ende der eine Tag, das eine Rennen und die eine Chance ist, die man hat. Aber das kannst du nicht erzwingen. Hergehen und zu sagen, dass wäre jetzt der Tag, an dem man gewinnt, das funktioniert nicht. Da ist die Gefahr groß, dass man überpowert, sich zu viel vornimmt und das Grundlegende übersieht: einfach gut Ski zu fahren. Das ist das, was mir auch in Schladming getaugt hat: Die Herangehensweise, ganz bei mir zu sein und nur den Lauf, mich und mein Skifahren im Kopf zu haben, alles andere auszublenden und mein Rennen durchzuziehen. Das ist mir in Schladming gelungen. Das bei Olympia wieder zu schaffen, ist mein oberstes Ziel. Ob dann am Ende jemand schneller ist, ob drei Leute vor mir sind oder zehn Leute, das kann ich nicht beeinflussen.

Wie viel hilft es da, Olympia und Großereignisse zu kennen?

Ich merke schon, dass ich gelassener in die Rennen gehe. Das hilft bei dem angesprochenen „bei sich sein“. Aber auch dabei, den Fokus auf die richtigen Sachen zu legen. Ansonsten haben die Olympischen Spiele natürlich eine andere Dimension. Es ist das größte Sportevent, das es gibt. Auch wenn es in Ländern stattfindet, wie 2018 in Südkorea oder auch jetzt, in denen der Skisport nicht so groß ist. Ich kann mich noch erinnern, in Pyeongchang am Start zu stehen und mich gewundert zu haben, ob das jetzt hier wirklich Olympia ist, weil dieses Drumherum relativ minimalistisch war. Wenige Sponsorenbanner, gar nicht so viel TV-Kameras und alles sehr schlicht gehalten. Vom Kopf her war das ein bisschen gewöhnungsbedürftig. Es sind dieselben Leute wie im Weltcup, aber du denkst dir: Mh, im Weltcup ist da aber eine andere Stimmung. Jetzt kenne ich das ja schon und weiß damit umzugehen.

Interview: Thomas Jensen

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