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„Das Schwerste kommt erst noch“, sagt Alexander Zverev vor dem Halbfinale der US Open.

US Open

Alexander Zverev: Kontrolliertes Nervenbündel

  • VonJörg Allmeroth
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Alexander Zverev steht im Halbfinale der US Open. Dafür gibt es eine Menge Lob, auch von Ikone Boris Becker.

Es ist eine kalte Grand-Slam-Welt, in der sich der große Wanderzirkus des Tennis gerade in New York wiederfindet. Ausgerechnet in diesem komplett anderen Universum, in der Stille, in der Einsamkeit, in der nüchternen Geschäftsmäßigkeit der US Open 2020, hat Alexander Zverev eine neue innere Balance entdeckt – ein mentales Gleichgewicht, das ihn nun bis ins erste Halbfinale seiner Karriere getragen hat. „Irgendwie prallt alles an mir ab“, sagt der 23-jährige Hamburger, dessen Viertelfinalsieg, das 1:6, 7:6 (7:5), 7:6 (7:1), 6:3 gegen den stark aufspielenden Kroaten Borna Coric, symptomatisch war für die Ausgeglichenheit in schwierigen Zeiten. Zverev steckte gar einen 1:6, 2:4-Rückstand wie ein geborener Stoiker weg und drehte die verloren geglaubte Partie im Arthur-Ashe-Stadion noch um.

Jetzt trifft er in der Runde der letzten Vier auf Überraschungsmann Pablo Carreno-Busta, der am Sonntag im Achtelfinale vom Disqualifikations-Skandal um Novak Djokovic profitiert und danach den jungen Kanadier Denis Shapovalov in fünf umkämpften Sätzen geschlagen hatte. „Hungrig sind alle auf diesen Sieg“, sagt Zverev, der erste deutsche Halbfinalist seit Boris Becker 1995. Aber: „Das Schwerste kommt erst noch.“ Seltsame Grand-Slam-Momente sind es, die gerade zu erleben sind. Es fehlen die großen Emotionen, die aufwühlenden Centre-Court-Szenen, die wilden Gefühlausbrüche der speziellen New Yorker Fans. Bei diesen US Open spielt sich keiner der Stars und Superstars in einen Rausch, es gilt vielmehr, diese besondere Atmosphäre, die Sterilität des ganzen Schauplatzes zu meistern.

Ausgerechnet dem bisher eher komplizierten Zverev gelingt es gut, sich in der fremdartigen Umwelt selbst zu kontrollieren, trotz aller Probleme abgeklärt das richtige Maß zu finden. Zverev wirkt wie einer, der sich nach der langen Zwangspause und einem massiven Trainingspensum fest vertraut und beinahe in sich ruht. Der selbst dann nicht ernsthaft zweifelt, wenn es einmal brenzlig wird für ihn. „Ich bin ziemlich gelassen. Ich weiß, dass ich ein gutes Fundament habe“, sagt er.

Der Deutsche kommt wie ein Grand-Slam-Angestellter alle paar Tage an seinen Arbeitsplatz und erledigt den Job. Es gibt kein Jammern und Klagen, es gibt keine zerbrochenen Schläger, es gibt keine Verzweiflung, aber auch keine Begeisterung. „Am meisten imponiert mir, wie Sascha stets die Kontrolle behält.

Die Kontrolle über sich selbst“, sagt Boris Becker, der deutsche Männerntennis-Boss. Am Dienstagabend war Becker zwischendrin „sprachlos“, weil Zverev einen ziemlichen Rumpelstart mit Ach-und-Krach-Tennis hingelegt hatte. Später aber zog er den Hut vor seinem Schützling: „Du gewinnst solche Turniere nicht mit Schönheitspreisen, sondern mit Spielen wie diesem.“

Zverevs Tennisjahr 2020 bot einerseits große Momente, nach den Australian Open zu Saisonbeginn ist er nun in New York schon wieder im Elitegrüppchen der letzten Vier dabei. Andererseits gehörte er auch zu denjenigen, die in der Corona-Krise für manch rabenschwarze Schlagzeile sorgten, als leichtsinniger Mitwirkender bei der Adria-Tour. Und mit dem gebrochenen Quarantäneversprechen danach, in der Wahlheimat Monte Carlo. Irgendwann in den Irrungen und Wirrungen verschwand Zverev allerdings von der Bildfläche und schaffte fortan vor allem eins: Sich an die Spielregeln zu halten, sich einzuordnen in das Grüppchen der vernünftigen Kollegen.

Die Pointe der Geschichte: Zverev, der Gast von Djokovics umstrittener Schaukampfserie, könnte Vom Absturz des Nummer-eins-Mannes profitieren. Ihm, dem 17-maligen Grand-Slam-Champion, hätte er im Normalfall am Freitag gegenüber gestanden. Doch jetzt wird Zverev auf Carreno-Busta blicken, den spanischen Veteranen, der ihm als letzter Rivale den Sprung ins Finale verwehren kann. „Es ist natürlich eine riesige Chance“, sagt Zverev, „und ich will sie nutzen. Unbedingt.“

Noch fehlt der magische Durchbruch, der erste Major-Titel auf der Tennis-Tour. Aber zuletzt hat ein ziemlich kluger Schachzug imponiert. Und die Hoffnung befördert, dass Zverev die deutsche Grand-Slam-Dürre schon bald beenden kann. In der Corona-Pause engagierte der 23-Jährige den früheren spanischen Weltklassemann und Top-Ten-Spieler David Ferrer als neuen Coach. Ein ungleiches Pärchen, auf den ersten Blick.

Aber David Ferrer steht für genau jene Qualitäten, die Zverev bisher fehlten. Diese bedingungslose Immer-Weiter-Mentalität, diese Unverdrossenheit in allen Tennis-Lebenslagen, die Attitüde, niemals, absolut niemals in irgendeinem Match aufzugeben. Ferrer ist nicht dabei in New York, Zverev ist quasi als Alleinkämpfer unterwegs, auch wenn er täglich lange mit dem Matador vergangener Tage telefoniert. Ein Stück seines Trainers steckt plötzlich auch im Zverev.

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