Am Ende war nicht nur das Netz im Weg: Alexander Zverev in Melbourne.
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Am Ende war nicht nur das Netz im Weg: Alexander Zverev in Melbourne.

Australian Open

Alexander Zverev verpasst Finale

  • vonJörg Allmeroth
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Alexander Zverev spielt auch im Halbfinale gegen Kumpel Dominic Thiem stark - verpasst aber sein erstes Grand-Slam-Endspiel, weil ihm in den entscheidenden Momenten der Arm zittert.

Am Ende sind es oft die Kleinigkeiten, die große Matches auf den größten Bühnen entscheiden. Die berühmten paar „Big Points“, die alles auf dem Centre Court binnen Sekunden drehen und wenden können. Als Alexander Zverev sich im vierten Satz seines Australian Open-Halbfinales gegen Dominic Thiem verzweifelt gegen die Niederlage stemmte, erlebte er die ganze Brutalität seines Sports in dichter Folge. Viele kritische Situationen hatte er – mit 1:2-Sätzen im Rückstand – eben noch meisterhaft überstanden, zum 5:5 und 6:6 mit souveränen Aufschlagspielen ausgeglichen. Doch als es dann in den Tiebreak ging, diese unbarmherzige Tennislotterie, waren zwei kurze Blackouts des 22-jährigen Hamburgers schon genug, um seinen erstaunlich realistisch gewordenen Titeltraum jäh platzen zu lassen.

Ein leichtfertig vergebener Schmetterball, ein haarsträubender Doppelfehler – und schon waren Satz, Spiel und alle Hoffnung nach gut dreieinhalb Stunden verloren. 6:3, 4:6, 6:7 (3:7) und 6:7 (4:7): So lautete die unglückliche Schlussrechnung für Zverev im ersten Grand-Slam-Halbfinale seiner Karriere. „Er kann stolz sein auf seine Leistung“, urteilte Boris Becker als Experte bei Eurosport. „Die Reise, auf der er ist, ist wunderbar. Weiter so, Sascha.“ Es bleibt aber vorerst dabei: Den letzten deutschen Grand-Slam-Sieg feierte Boris Becker 1996 Down Under – anders als bei den Frauen mit Angelique Kerber knüpfen die Nachfolger bei den Männern an diese glänzenden Zeiten noch nicht an. Aber Zverev hat das Zeug dafür.

133 Punkte hatte er gewonnen, 138 Punkte sein befreundeter, vier Jahre älterer Rivale – den Unterschied machten letztlich vor allem die Tiebreaks aus. „In den entscheidenden Momenten spielte er sein bestes Tennis. Ich nicht“, sagte Zverev hinterher, „das ist die Geschichte dieses Spiels.“

„Auf Messers Schneide“ sei das Match gewesen, befand später Thiem, der König der „Kurzentscheidung“: „Ich hätte genau so gut jetzt auch draußen sein können.“ Allerdings: Thiem, der bullige Fightertyp, hatte schon im hartumkämpften Viertelfinale gegen Rafael Nadal im Tiebreak beeindruckt, mit drei in der Verlängerung gewonnenen Sätzen gegen den mallorquinischen Matador. Das Schwerste dürfte Thiem dennoch erst bevorstehen, das finale Treffen mit dem siebenmaligen Turniersieger Novak Djokovic am Sonntag (9.30 Uhr/Eurosport). Djokovic hat bisher jedes Endspiel in Melbourne gewonnen. „Ich glaube, Dominik hat eine Chance in diesem Finale. Er spielt momentan Riesentennis“, erklärte Zverev.

Die Tiebreaks waren die größte Schwachstelle Zverevs in dieser Nachtvorstellung in der Rod Laver-Arena. Aber ein anderer Augenblick war kaum weniger entscheidend für den Ausgang dieser spannungsgeladenen Partie – nämlich das zehnte Spiel im dritten Akt, in dem Zverev bei 5:4-Vorsprung zwei Satzbälle gegen den aufschlagenden Wiener hatte, aber nicht den entscheidenden Punch setzte.

„Ein Schlüsselmoment“ sei es gewesen, sagte Zverev hinterher, der nur fünf von vierzehn Breakbällen verwertete, „du kriegst nicht viele dieser Chancen, und wenn du sie hast, solltest du sie mitnehmen.“ So wie in der ersten Phase des Spiels, in der der Weltranglistensiebte dem Geschehen seinen Willen aufdiktiert und den perfekten Start erwischt hatte.

Zverev wirkte im Beisein seines als Trainer fungierenden Vaters zunächst sehr konzentriert, sehr ruhig im bisher größten Grand-Slam-Match seiner Karriere, der Satzgewinn war deshalb komplett logisch und verdient. Aber Thiem, der in fünf vorherigen Matches vier Stunden mehr auf den Courts verbracht hatte, ließ sich keineswegs abschütteln. Der Mittzwanziger, längst vom Sandplatzexperten zum modernen Allrounder gereift, spielt schon länger in Topmatches gegen Topgegner auf einem exklusiven Level – er hat keine Angst vor großen Namen. Und auch keine Angst vor großen Herausforderungen.

Obwohl Zverev mehr als 80 Prozent seiner ersten Aufschläge ins Feld brachte, fand der Österreicher als kluger Abwehrstratege die geeigneten Mittel, um die stärkste sportliche Waffe seines Gegners zu entschärfen. Gegen etwas schwächere Gegner hätte es für den stark servierenden Zverev womöglich zu einem Start-Ziel-Sieg gereicht, nicht aber gegen Thiem, den alten Freund und Weggefährten.

„Thiem war der etwas bessere Spieler. Aber auch Sascha kann stolz sein auf eine Leistung, die ihm vor zwei Wochen noch niemand zugetraut hätte“, sagte Becker, „wenn man schon verliert, dann auf diese Art und Weise.“ Und tatsächlich war auch dies zu notieren: Anders als bei anderen Grand-Slam-Turnieren verdarb sich Zverev vor den fast 15 000 Zuschauern seine insgesamt bemerkenswerte Gesamtnote in der Stunde der Niederlage nicht im geringsten.

Es war ein Scheitern in allen Ehren. Es gab keine Ausraster, keine Ausflüchte, kein wiederholtes Lamentieren mit Schieds- oder Linienrichtern, keine Beschimpfungen in Richtung seiner Betreuungstruppe. Die Krönung seines gedrehten Saisonauftakts – vom Serienpleitier beim ATP-Cup zum wieder gefürchteten Grand-Slam-Wettkämpfer – blieb ihm zwar verwehrt, gleichwohl ging auch er als Gewinner vom Centre Court, trotz Niederlage.

„Absoluten Respekt“ habe sich Zverev erworben, vielleicht sei das Turnier für ihn der „Durchbruch“, der „Beginn von etwas Größerem“, urteilte Ex-Superstar John McEnroe als Fernsehexperte. Als Zverev mit seinen beiden Tennistaschen geschultert den Weg in die Katakomben antrat, gab ihm die US-Tennisikone einen aufmunternden Klaps.

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