Ab in die Verlängerung: Karl-Heinz Schnellinger (links) trifft zum 1:1. Imago images
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Ab in die Verlängerung: Karl-Heinz Schnellinger (links) trifft zum 1:1. 

Mexiko

WM 1970: Wenn ein Spiel zum Mythos wird

  • Jan Christian Müller
    vonJan Christian Müller
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Vor genau 50 Jahren verlor Deutschland im „Jahrhundertspiel“ 3:4 nach Verlängerung gegen Italien – das Heft „Mehr als ein Spiel“ erinnert an die epischen 120 Minuten.

Diese Nacht des 17. Juni 1970 haben all die, die heute 56, 57, 58 Jahre alt sind und damals nach dem Vorschlafen vom Vater sehr spät abends Mitteleuropäischer Zeit geweckt wurden, niemals vergessen: Ernst Huberty meldete sich aus dem Schwarz-Weiß-Fernseher vom Halbfinale der Fußball-Weltmeisterschaft in Mexiko. Dort 16, hier 23 Uhr, Azteken-Stadion, ein elegantes Monstrum am Stadtrand von Mexiko-City, mehr als 102 000 Zuschauer. Deutschland gegen Italien 3:4 nach Verlängerung. Das Jahrhundertspiel, ein Mythos.

Oliver Wurm, damals gerade geboren, hat die epischen 120 Minuten jetzt in ein Heft gegossen. „Mehr als ein Spiel“ aus der Reihe „Fußballgold“ ist mehr als bloß eine Reminiszenz, viel mehr. Der Journalist und mutige Medienunternehmer Wurm weiß, wie man Emotionen weckt. Mit der Zeitreise 50 Jahre zurück zu dieser Schlacht, dem „Jahrhundertspiel“ in der wohl imposantesten Betonschüssel der Welt, dem fünfstöckigen, 1966 eröffneten Estadio Azteca, hat er dafür einen guten Anlass gefunden.

Spektakuläre Verlängerung

Im Viertelfinale hatten die Deutschen nur drei Tage zuvor in Leon in sengender Mittagshitze England nach einem 0:2-Rückstand noch 3:2 besiegt. Ebenfalls nach Verlängerung. Uwe Seelers letztes Tor für Deutschland, ein Kopfball, halb mit dem Ohr, halb mit dem Hinterkopf, als Bogenlampe brachte den 2:2-Ausgleich. Gerd Müller schaffte in der Verlängerung den Siegtreffer. Und doch ist dieser monströse Clash etwas verblasst. Weil dann der größte Kampf folgte, den eine deutsche Fußball-Nationalmannschaft jemals gekämpft – und verloren – hat.

„Der Moment, der einen Mythos entstehen lässt: Karl-Heinz Schnellinger wuchtet sich Sekunden vor dem Abpfiff in eine Flanke von Grabowski und trifft zum 1:1-Ausgleich.“ Ausgerechnet Schnellinger, damals Legionär in Italien, was eine Seltenheit und heftig umstritten war. Die Vorarbeit kam von Jürgen Grabowski, der wie seine Mitspieler „in der Höhenluft von Mexiko-Stadt schier unglaubliche Kräfte“ entwickelt.

Der Frankfurter Journalist Hartmut Scherzer, inzwischen 81 und damals vor Ort, erinnert sich an den Beitrag des Eintracht-Profis: „Weil erstmals zwei Wechsel pro Mannschaft erlaubt sind, steigt Grabowski zum ,besten Einwechselspieler der Welt´ auf. In den ersten vier Spielen in Mexiko bringt Bundestrainer Helmut Schön ihn erst im Verlauf des Spiels: für Haller gegen Marokko (2:1), für Löhr gegen Bulgarien (5:2), für Libuda gegen Peru (3:1) und gegen England (3:2 n.V.). Im Jahrhundertspiel aber steht er (für den erschöpften Libuda) in der Startelf und schlägt die Superflanke zu Schnellingers 1:1.“

In die Herzen und Hirne der Menschen in der alten Bundesrepublik brennt sich die Partie von diesem Moment an ein. „Die Verlängerung gilt bis heute als die spektakulärste in der Geschichte der Fußball-Weltmeisterschaften. Fünf Treffer fallen – so viele wie nie zuvor und nie mehr danach. Nach dem 2:1-Führungstreffer durch Gerd Müller (95.) gleicht Italien durch Tarcisio Burgnich (99.) aus, geht dann seinerseits durch Luigi Riva (104.) in Führung. Müller gelingt in der 110. Minute das 3:3. Aber Italien schlägt durch Gianni Rivera (111.) umgehend zurück.“

Am Aztekenstadion wurde bald darauf eine Bronzetafel errichtet: Die Inschrift lautet übersetzt: „Das Aztekenstadion ehrt die Nationalmannschaften von Italien und Deutschland als Teilnehmer des Jahrhundertspiels bei der Weltmeisterschaft 1970“. Im Finale an gleicher Stelle sind bald darauf die von der Vorschlussrunde erschöpften Italien gegen Pelés Brasilianer chancenlos (1:4). 16 Jahre später wird Deutschland im WM-Endspiel ebendort, im Estadio Azteca, 2:3 gegen Maradonas Argentinier verlieren. Keine andere Arena hat so viel Weltmeisterschaft erlebt, gleich zweimal ist sie Austragungsort des Eröffnungs- und Finalspiels einer Fußball-WM. „19 Endrundenspiele werden in der gewaltigen Schüssel ausgetragen, vor insgesamt 1 917 550 Fans – über 100 000 pro Partie. Ewige Rekorde.“

Beckenbauer als Mumie

Was noch in Erinnerung bleibt vom 17. Juni 1970, hat Christian Eichler in seinem Buch „Die ganze Geschichte des Fußballs in 90 Spielen“ notiert. Der „FAZ“-Redakteur wird in „Mehr als ein Spiel“ in angemessener Ehrfurcht zitiert: „Die heroische Grazie, mit der Franz Beckenbauer mit lädierter Schulter und verschnürtem Leib weiterspielte, lieferte das bleibende Bild zur größten Verlängerung von allen. Nie hatte der ,Kaiser‘ größere Grandezza als mit jener Bandage, die Brustkorb und Oberarm wie bei einer Mumie einwickelte. Der lazarettreife Feldherr, der, die Hand am Herzen, die Kameraden nicht im Stich lässt, bot eine der Äußerungen von Leidensfähigkeit, die jedes Volk an seinen Monarchen liebt.“ Nie wieder wurden aus Verlierern solche Helden.

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