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100 Tage nach dem EM-Finale: Wie ist der Stand im deutschen Frauenfußball?

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Von: Frank Hellmann

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Beste Aussichten: für die Fans auf der Tribüne beim EM-Finale in Wembley - und für den deutschen Frauenfußball insgesamt.
Beste Aussichten: für die Fans auf der Tribüne beim EM-Finale in Wembley - und für den deutschen Frauenfußball insgesamt. © IMAGO/Pro Sports Images

Aufbruchsstimmung im deutschen Frauenfußball: 100 Tage nach dem flirrenden Finale der Europameisterschaft in England scheint das Publikumsinteresse ungebrochen. Das zeigt sich auch an einem florierenden Fernsehangebot

Es war noch eine Dreiviertelstunde bis zum Anpfiff, da wurden die ersten Autofahrenden an der Ludwig-Landmann-Straße ungeduldig und drückten kräftig auf die Hupe. An der Abzweigung zum Parkplatz am Brentanobad im Frankfurter Stadtteil Rödelheim ging es nur im Kriechtempo weiter, die Blechlawine quälte sich auf die Abstellfläche. Grund fürs hohe Verkehrsaufkommen: Das Heimspiel der Fußballerinnen von Eintracht Frankfurt gegen den 1. FC Köln (2:0). Als kurz vor Spielende in roten Leuchtziffern die Zuschauer:innenzahl von 2735 über die Videowand flimmerte, brandete am Sonntagabend Applaus aus.

Die Zeiten sind nicht allzu lange her, da verloren sich im Stadion am Brentanobad meist nur noch rund 1000 Getreue zu den Partien des 1. FFC Frankfurt, der als reiner Frauenfußballverein kaum mehr lebensfähig war. Die Fusion mit Eintracht Frankfurt vor zwei Jahren erweist sich bereits jetzt als Glücksfall. Die Frauen-Bundesliga unter dem Adler-Dach bietet ein Live-Erlebnis der anderen Art. Es ist kleiner, familiärer und billiger. Sitzplätze kosten nur zwölf Euro, sind aber meist lange vorher ausverkauft.

Neben Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg und ihrer Co-Trainerin Britta Carlson schauten gegen Köln auch Eintracht-Sportvorstand Markus Krösche und Vorstandssprecher Axel Hellmann zu. Es ist mittlerweile fast eine Selbstverständlichkeit, dass die beiden Bosse des Lizenzvereins auf der Tribüne sitzen – auf einer aufklappbaren Sitzauflage mit Adler-Emblem. Das ist ruhig symbolisch zu verstehen: Wer an Eintracht Frankfurt denkt, sollte wissen, dass Männer wie Frauen ambitionierte Ziele in der Bundesliga verfolgen. Der Förderung beider hat sich der Klub verschrieben.

Mit den Frauenspielen ist (noch) kein Geld zu verdienen, auch wenn der Zuspruch von Fans, Sponsoren und Medien stetig steigt. Dass es sich lohnt, als Verein in die Entwicklung zu investieren, davon ist Hellmann überzeugter denn je. Der 51-Jährige würde sich wünschen, dass alle mitziehen. Insbesondere Politiker:innen, die gerne Lippenbekenntnisse für den Sport abgeben – und dann nicht nachkommen. Beispiel Frankfurt: Die Bedingungen auf der Sportanlage am Rebstockbad, die Heimat der Bundesliga-Fußballerinnen, würde er nicht mal mehr „einer Kreisligamannschaft“ zumuten wollen, sagt Hellmann, der die Frauen nun aufs Profi-Areal an der Arena holt. Ein wichtiger Schritt.

Frauenfußball in Deutschland: Noch keine Goldgrube, aber das Potential ist da

Doch haben sich das die Spielerinnen nicht längst verdient? Die treffsichere Nationalstürmerin Laura Freigang steht in der Popularität den meisten männlichen Protagonisten nicht mehr viel nach. Bei Instagram folgen ihr mehr als 120 000 Menschen, sie wird immer öfter auf der Straße, an der Uni, im Café erkannt. „Das ist total schön. Es gibt eine Wahrnehmung, die ich nie erwartet hätte. Die positive Entwicklung merke ich jeden Tag“, sagt die 24-Jährige, die neben dem Fußball noch studiert. Freigang verkörpert viele positive Attribute: Sie ist nahbar, bodenständig, intelligent und witzig. Eine echte Sympathieträgerin der Eintracht – und des Fußballs.

Behält auch im Getümmel den Durchblick: Frankfurts Nationalstürmerin Laura Freigang (re.) im Eröffnungsspiel gegen Bayern. dpa
Behält auch im Getümmel den Durchblick: Frankfurts Nationalstürmerin Laura Freigang (re.) im Eröffnungsspiel gegen Bayern. dpa © dpa

Auch sie ist erst so richtig bekannt geworden durch die Europameisterschaft. 100 Tage ist es jetzt her, dass Deutschland das Finale im stimmungsvollen Wembley-Stadion gegen England bestritt (1:2 nach Verlängerung). Der achtfache Europameister verlor erstmals ein solches Endspiel. Und doch hatten die Spielerinnen auf dem heiligen Rasen viel gewonnen. Die Herzen in der Heimat. An jenem 31. Juli schauten in der ARD 18 Millionen Menschen zu. Als einige Wochen vorher die Männer-Nationalmannschaft in der Nations League gegen England antrat, schaltete im ZDF nur die Hälfte ein.

Was ist also passiert? Die rasant wachsende Beliebtheit der deutschen Fußballerinnen im Sommer hing mit einem Vakuum an Glaubwürdigkeit und einer Sehnsucht nach Vorbildern zusammen. Die Männer-Bundesliga hatte in der Pandemie viel Vertrauen verspielt. Dazu kamen die vielen Krisen des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), der zwischenzeitlich mit Intrigen und Streitigkeiten ein desaströses Bild abgab. Und die A-Nationalmannschaft der Männer ringt nach einer missratenen WM 2018 und einer enttäuschenden EM 2021 erst wieder um Anschluss an die Weltspitze.

Die mit ihrer Ehrlichkeit und Natürlichkeit punktenden Frauen haben im Grunde vorgemacht, wie sich mit guten Leistungen und authentischen Charakteren die Gunst des Publikums erobern lässt. DFB-Trainerin Carlson nannte im Fachmagazin „Kicker“ einen weiteren Aspekt: „In der Welt dominieren leider gerade die Kriege, Corona und vieles mehr die Schlagzeilen. Unsere Spielerinnen haben mit ihrer Art, mit ihrer Leidenschaft auf und auch neben dem Platz geschafft, den Menschen Freude und Begeisterung zu vermitteln.“

Die „künstlich aufgeblasene“ WM 2011 hatte keinen nachhaltigen Effekt - das soll nun anders werden

Dieser Effekt könnte, anders als bei der Heim-WM 2011, anhalten. Zu dieser hält sogar der DFB das im Rückblick fest: „Die WM 2011 im eigenen Land hat gezeigt, wie schnell ähnlich große Interessenswellen und die Entwicklungen im aktiven und passiven Konsum stagnieren können.“

Dass der Effekt diesmal nicht einfach verpufft, glaubt auch Nia Künzer. „Es ist diesmal bereits was hängengeblieben. Die WM 2011 wurde künstlich groß gemacht – dann ist wieder die ganze Luft aus dem Ballon gewichen“, sagt die Frauenfußball-Expertin der ARD, die einst die DFB-Frauen zum WM-Titel 2003 köpfte.

Beim 1. FFC Frankfurt verdiente Künzer, hauptberuflich mittlerweile Leiterin des Dezernats für Flüchtlinge und Integration in Gießen, einst auf Basis eines 400-Euro-Jobs. Heute kommen die besten deutschen Nationalspielerinnen beim VfL Wolfsburg und FC Bayern auf fünfstellige Monatsgehälter. Künzer würde sich wünschen, dass „mehr als vier, fünf Vereine“ für ihre Frauen-Abteilung richtig Gas geben, denn was sie aus ihrem eigenen Umfeld sagen kann: „Die gesellschaftliche Akzeptanz hat deutlich zugenommen, auch bei vielen Männern, die selbst gut kicken: Das Tempo, die Dynamik, die Technik: Das hat bei der EM einfach alle überzeugt.“

Nia Künzer schaut optimistisch in die Zukunft.
Nia Künzer schaut optimistisch in die Zukunft. © IMAGO/Sports Press Photo

Der Hype ist in die Bundesliga geschwappt: Zum Eröffnungsspiel in der Frankfurter Arena Eintracht gegen FC Bayern kam eine neue Rekordkulisse von 23 200 Fans zustande, kürzlich sahen fast 22 000 das Spitzenspiel zwischen Wolfsburg und Bayern, die wiederum endlich ihre Spielstätte auf dem Campus mit 2500 Plätzen füllen. Am 7. Dezember treten die Münchnerinnen zum Champions-League-Heimspiel gegen den FC Barcelona das zweite Mal in der Vereinsgeschichte in der großen Arena an.

Die Katalaninnen haben es im Frühjahr geschafft, zweimal das gewaltige Camp Nou mit mehr als 90 000 Fans zu füllen. Davon sind die Bayerinnen noch weit weg. Aber endlich reitet auch die mit Abstand wichtigste deutsche Vereinsmarke die Welle mit. An allen zwölf Standorten ist das Interesse teils deutlich gestiegen. So übertrifft der Zuspruch an den ersten sieben Bundesliga-Spieltagen mit 119 286 Besucher:innen die kühnsten Erwartungen - schon jetzt sind es mehr als in der gesamten Vorsaison (108 483). Der Zuschauer:innenschnitt liegt aktuell pro Spiel bei 2840. Zum Vergleich: In der Vorsaison waren es gerade mal 840.

Frauenfußball: Publikumsinteresse auch nach EM groß

Nun hat eine am Montag vom DFB herausgegebene Studie der Sportmarketing-Agentur „Two Circles“ die Zukunftsperspektiven untersucht. Das beste Prognosemodell verheißt goldene Zeiten. Demnach werden zur Saison 2031/32 insgesamt 500 000 aktive Spielerinnen (statt aktuell 187 000) beim DFB gemeldet sein, in der Frauen-Bundesliga spielen dann 16 DFL-Klubs, also Lizenzvereine (statt acht) und allein 60 (!) Spiele finden vor mehr als 10 000 Zuschauern statt. Der Publikumsschnitt soll auf 7500, die Gesamterlöse auf 130 Millionen (statt 17,7 Millionen) wachsen. Treten diese Steigerungen wirklich ein, wäre die wirtschaftliche Zukunft wirklich rosig.

Für Doris Fitschen, die DFB-Gesamtkoordinatorin Frauen im Fußball, sind das mitnichten Fantasiezahlen. „Wir sind auf einem sehr guten Weg“, sagt die frühere Nationalspielerin und Nationalmannschaftsmanagerin. „Die Bereitschaft, in den Frauenfußball zu investieren, steigt extrem. Wir müssen jetzt dranbleiben.“ Damit meint die 54-Jährige Verband und Vereine.

Christian Keller, der Geschäftsführer des 1. FC Köln, betont: „In Zukunft wird man am Mädchen- und Frauenfußball nicht vorbeikommen. Wenn sich Klubs ganzheitlich und diverser aufstellen möchten, dann können sie nicht einfach eine wichtige Zielgruppe, die in etwa die Hälfte der Gesellschaft ausmacht, auslassen.“ Laut der Studie gibt es immerhin 40 Millionen Fußballinteressierte in Deutschland. Davon wiederum sind 19 Millionen, die den Fußball der Männer und Frauen verfolgen.

Das ist die Gruppe, auf die der neue Fernsehvertrag für die Frauen-Bundesliga zielt. Ab der nächsten Saison teilen sich ARD, ZDF und Sport 1 zusammen mit den Bezahlplattformen Dazn und Magenta ein breites Angebot an Live-Spielen und Zusammenfassungen. Rund fünf Millionen Euro kommen so pro Saison zusammen. Zum Vergleich: Die 3. Liga der Männer bekommt fünf Mal so viel Geld. Dennoch sind die Frauen mit dem Abschluss zufrieden, denn TV-Präsenz gilt nun mal als Schlüssel für mehr Sichtbarkeit.

Claudia Neumann gibt sich nicht ganz so zuversichtlich. Die ZDF-Kommentatorin, bei Männer- wie Frauen-Großereignissen im Einsatz, sieht zwar, dass „das gesellschaftliche Bewusstsein für Geschlechtergerechtigkeit auch im Fußball enorm gestiegen ist“, aber aus ihrer Sicht stimmt die Richtung nicht: „Große Stadien und die vielen TV-Live-Angebote als Kern der neuen Fernsehverträge sehe ich kritisch, weil mir einfach nicht klar wird, an wen sich dieses Angebot richten soll. Speziell junge Menschen schauen immer weniger 90 Minuten Live-Spiele außerhalb der großen Turniere.“ Sie hielte ein kompaktes Angebot für besser – ganz kritisch wird von ihr das künftige Montagsspiel gesehen.

Claudia Neumann sieht die neuen TV-Formate auch kritisch.
Claudia Neumann sieht die neuen TV-Formate auch kritisch. © IMAGO/Apress

Neumann würde einen anderen Ansatz wählen: „Bewusst einen Kontrast zum unnahbaren, durchgestylten Kommerz-Fußball der Männer anzubieten. Nie war die Chance größer, den Frauenfußball als Alternative anstatt als Kopie des Männer-Profifußballs zu kreieren.“ Die 58-Jährige ist ein wichtiges Sprachrohr der Frauen-Initiative „Fußball kann mehr“, die sich für vielfältige Belange des Frauenfußballs und für mehr Frauen im Fußball einsetzt.

Wenn wegen der Männer-WM in Katar (20. November – 18. Dezember) bald die Stadien in Deutschland verwaist sind, sollen die Frauen die nächste Leerstelle besetzen. „Ich glaube schon, dass da eine Chance drin liegt, dass viele Fans Fußball live vor Ort sehen wollen“, glaubt Bundestrainerin Voss-Tecklenburg. Ihr Team bleibt derweil der wichtigste Treiber. Hier spielen nun mal die EM-Heldinnen.

Für die DFB-Frauen stehen einige Länderspiele an - doch die Zeitverschiebung könnte Publikum kosten

DFB-Präsident Bernd Neuendorf kam aus dem Schwärmen nicht hinaus, als er am 7. Oktober bei der Neuauflage des EM-Halbfinals gegen Frankreich (2:1) eine sagenhafte Atmosphäre erlebte: Die Ovationen im fast ausverkauften Rudolf-Harbig-Stadion in Dresden wollten gar nicht enden. Endlich war zur Primetime angepfiffen und übertragen worden.

Frauen-Länderspiele können nicht mehr ins Nachmittagsprogramm abgeschoben werden. In Zukunft müssen pro Jahr mindesten zwei Auftritte der DFB-Frauen als Abend-Unterhaltung in den Öffentlich-Rechtlichen laufen. Bald kommt auch für die Frauen eine Nations League: Damit entfallen die meisten der sportlich wertlosen WM- und EM-Qualifikationsspiele, die sich sonst zäh wie Kaugummi durch ein Länderspieljahr zogen. Es braucht mehr so genannter Highlight-Länderspiele. Deshalb reisen diese Woche auch die deutschen Fußballerinnen in die USA: Zu Freundschaftsspielen gegen die Weltmeisterinnen um Vorkämpferin Megan Rapinoe. Im US-Soccer sind die Frauen seit Jahrzehnten beliebter und erfolgreicher als die Männer.

Die DFB-Auswahl spielt erst in der Nacht auf Freitag (1.05 Uhr) in Fort Lauderdale/Florida, dann am Sonntag (23.08 Uhr) in Harrison/New Jersey gegen die USA. Die Bundestrainerin spricht von „zwei coolen Spielen“. Weltmeisterinnen gegen Vize-Europameisterinnen: Viel mehr geht nicht. Und doch laufen die Übertragungen lediglich im Livestream von ARD und ZDF. Immer wieder spürt auch die 54-Jährige an solchen Details: Noch ist der Weg zu vollständiger Gleichstellung weit, sie kann aber nur ihren Verantwortungsbereich abarbeiten: „Die Entwicklung geht in die richtige Richtung. Wir müssen unsere guten Leistungen aufrechterhalten.“

Denn das nächste Großereignis steht auch an: Bei der WM in Australien und Neuseeland (20. Juli bis 20. August 2023) will Deutschland um den Titel spielen. Das Publikum dann zu locken, könnte aufgrund der Zeitverschiebung schwierig werden. Nationalspielerin Laura Freigang bekommt trotzdem schon jetzt leuchtende Augen: „Die WM ist unsere nächste Riesenchance.“

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