Auch an der Frankfurter U-Bahn-Station Konstablerwache wurden Fahrgäste vom Warnstreik überrascht.
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Auch an der Frankfurter U-Bahn-Station Konstablerwache wurden Fahrgäste vom Warnstreik überrascht.

Streik

Zweiter Streik bremst Nahverkehr

Die Ausfälle von Bussen und Bahnen sorgen in hessischen Städten für Frust, aber auch Verständnis.

Vollere S-Bahnen und mehr Verkehr auf Autobahnen und in der Stadt – zum zweiten Mal innerhalb von sieben Tagen haben die Beschäftigten des öffentlichen Personennahverkehrs am gestrigen Dienstag ihre Arbeit niedergelegt. Die Gewerkschaft Verdi hatte bundesweit 87 000 Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer aufgefordert, in den Warnstreik zu treten, um im Tarifkonflikt den Druck auf die Arbeitgeber zu erhöhen. In Hessen waren erneut die Städte Wiesbaden, Kassel und Frankfurt vom Streik betroffen. In der Mainmetropole fuhren weder die U-Bahnen noch die Straßenbahnen.

An den U-Bahn-Gleisen im unteren Bereich der Frankfurter Hauptwache standen vereinzelt Menschen und schauten fassungslos auf die Anzeigetafel, auf der „Die VGF wird bestreikt“ stand. Eine 24-jährige Frau aus Usingen wirkte konsterniert. „Ich muss doch zur Arbeit“, sagte sie. Ihren Namen wollte sie nicht nennen. Sie arbeite in einer Küche in Frankfurt und kenne nun keine Alternative, um zur Arbeit zu kommen. Vom Streik habe sie im Vorfeld nichts mitbekommen. Sie zeigte Verständnis für die Forderungen der Beschäftigten, auch wenn es ärgerlich sei, dass sie nicht zur Arbeit komme. „Als ich ankam, dachte ich mir schon: ‚Warum ist hier alles so leer?‘“, sagte sie noch, bevor sie ging.

U-Bahnsteige und Straßenbahnhaltestellen wie leergefegt

Wenige Meter entfernt fuhr ein Mann die Rolltreppe zur S-Bahn hinauf. „Ich muss zur Arbeit, kann aber jetzt die S6 nehmen und dann laufen“, sagte der 46-Jährige aus Aschaffenburg. Er sei bereits in der vergangenen Woche vom Streik betroffen gewesen. Zwar hätten die Fahrerinnen und Fahrer das Recht zu streiken, meinte er, aber „sie nutzen uns auch aus“. Als kaufmännischer Angestellter könne er nicht einfach streiken, um mehr Geld zu fordern. Solange die S-Bahnen noch führen, sei es aber in Ordnung. „Ich habe zum Glück einen guten Chef, der Verständnis hat.“

Ähnlich war die Lage am Frankfurter Hauptbahnhof. U-Bahnsteige und Straßenbahnhaltestellen waren wie leergefegt, nur ab und zu verirrten sich ein paar hektische Passanten dorthin. Eine junge Frau stand ungläubig an der Fahrkartenauskunftsstelle: „Das geht doch nicht. Wie soll ich jetzt ans Uni-Klinikum kommen, um meine Medikamente abzuholen? Mit meinem Monatsticket bezahlt sich doch kein Taxi.“ Sie arbeite am Bahnhof und müsse nun für die kurze Besorgung ein Taxi hin und zurück nehmen, sagte sie, und lief verärgert davon.

Auch die 55-jährige Marion Davey hat nur zufällig von dem Streik erfahren. Sie rauchte an der Haltestelle noch eine letzte Zigarette, bevor sie ins Taxi stieg. „Das gönne ich mir heute mal“, meinte die Krankenpflegerin und deutete auf ihr verstauchtes Bein. „Beim letzten Streik habe ich fünfzig Minuten zu Fuß zur Arbeit gebraucht.“ Sie arbeitet in der Notaufnahme und hat vollstes Verständnis für die Streikenden. Sie hoffe, dass durch den Ausfall mehr Arbeitgebern bewusst werde, wie wichtig nicht nur Busfahrerinnen und U-Bahn-Führer, sondern auch die Pflegenden für die Gesellschaft sind, sagte sie.

Keine Schüler von Einschränkungen betroffen

Auch in Wiesbaden und Kassel wurde gestreikt. In der Landeshauptstadt blieben alle Busse des städtischen Mobilitätsdienstleisters Eswe Verkehr im Depot. Ein Bus blockierte die Ausfahrt. Betroffen waren auch die Linien nach Mainz und in den Main-Taunus- sowie den Rheingau-Taunus-Kreis. Die wenigen Busse, die in der Stadt verkehrten, gehörten zu Busunternehmen aus den Nachbarkreisen, die nicht bestreikt wurden.

Im Großraum Kassel standen sowohl Straßenbahnen als auch Busse still. Anders als in der Vorwoche waren durch die Herbstferien diesmal keine Schüler von den Einschränkungen betroffen.

Jochen Koppel, Gewerkschaftssekretär bei Verdi in Hessen, zeigte sich mit dem Verlauf des zweiten Warnstreiks des Nahverkehrs am Dienstagmittag sehr zufrieden. „Alle haben mitgemacht und gezeigt, dass sie bereit sind, für ihre Rechte zu kämpfen.“ Koppel hofft nun, dass sich auf der Arbeitgeberseite etwas bewegt und man sich zu Verhandlungen bereiterklärt. In Hessen würden 4500 Beschäftigte vom einheitlichen Tarif profitieren. So gebe es zwar bereits 30 Urlaubstage, aber die Schichtzulage sei nicht so gut wie in anderen Bundesländern, sagt Koppel.

VON ISABEL KNIPPEL, DIANA UNKART UND STEVEN MICKSCH

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