1. Startseite
  2. Rhein-Main

Zweifelhaftes literarisches Denkmal für Frankfurt

Erstellt:

Von: Oliver Teutsch

Kommentare

Schauplatz im Roman: Das Café Esplanade in der Taunusanlage 21. Foto: Institut für Stadtgeschichte.
Schauplatz im Roman: Das Café Esplanade in der Taunusanlage 21. © Institut für Stadtgeschichte.

Irmgard Keun durchlebt in Frankfurt eine tragische Zeit und verarbeitet Erinnerungen in „Nach Mitternacht“, das nun im Fokus von „Frankfurt liest ein Buch“ steht.

Sechs Monate in Frankfurt, zwei Tage im Buch „Nach Mitternacht“. In ihrer tragikomischen Abrechnung mit dem Nationalsozialismus hat Irmgard Keun Frankfurt ein zweifelhaftes literarisches Denkmal gesetzt. Das Buch steht in den kommenden Wochen im Mittelpunkt des Lektürefestes „Frankfurt liest ein Buch“.

Keun kam Mitte November 1935 nach Frankfurt, wo ihr Mann arbeitete und sie selbst hoffte, wieder arbeiten zu dürfen. Sie verließ Frankfurt Anfang Mai 1936, weil diese Hoffnung sich zerschlug.

Irmgard Keun wohnte im Westend, zunächst im Kettenhofweg, dann in der Liebigstraße 16. Diese Adresse gibt sie im Aufnahmeantrag für die Mitgliedschaft in der Reichsschrifttumskammer an, den sie am 9. Januar 1936 stellt.

Keuns Zeit in Frankfurt ist tragisch und intensiv. Ihrem Geliebten Arnold Strauss berichtet sie in einem Brief von Depressionen und einem Selbstmordversuch in der Zeit, als sie auf den Kammerentscheid aus Berlin wartete. Nach ihrer Ankunft in Ostende schreibt sie, „eine recht böse zeit liegt hinter mir“. Zerstreuung versucht die damals 30-jährige Keun in Kneipen und Cafés zu finden, wie sie dem jungen Schriftsteller Franz Hammer über ihre Frankfurter Zeit in einem Brief mitteilt: „Ich habe selten so viel abends gebummelt wie jetzt und bin meistens auch recht gut gelaunt und fröhlich. Jedenfalls tu ich so.“

Die Bummelei findet Einzug in „Nach Mitternacht“, das zu großen Teilen in Bars und Cafés spielt. Stadtführer Christian Setzepfandt hat sich auf Spurensuche begeben. Das im Buch beschriebene Henninger Bräu gab es wirklich: auf der Freßgass an der Ecke zum Opernplatz. Das schöne Gebäude wurde 1952 abgerissen. Auch das Café Esplanade existierte. Es befand sich im alten Fürstenhof in der Taunusanlage 21, nicht zu verwechseln mit dem Fürstenhof in der Gallusanlage 2. Das „Cafe am Roßmarkt“ hieß nach Setzepfandts Recherche in Wahrheit Café Gutenberg. Bei anderen Wirtschaften verliert sich die Spur, etwa bei „Bogners Weinstube“ oder einem Lokal in der Altstadt, in dem ein Ochsenknochen an der Wand hängt.

Doch eine andere Frage beschäftigt viel mehr: Wann eigentlich ereignen sich jene zwei im Roman beschriebenen Tage mit dem Führerbesuch? Adolf Hitler war in jener Zeit zweimal in Frankfurt: Im Mai 1935 anlässlich der Einweihung eines Autobahnabschnitts Richtung Darmstadt und im März 1936 im Vorfeld der Reichstagswahlen. Im Nachwort der Neuauflage datiert der Göttinger Germanistikprofessor Heinrich Detering die zwei beschriebenen Tage auf Mai 1935, als Keun ebenfalls in Frankfurt geweilt haben soll. Falsch, sagen andere, zu denen auch Stadtführer Setzepfandt gehört. Im Roman müsse Flieder teuer aus Nizza importiert werden. Das wäre im Mai nicht nötig gewesen.

Also kommt der März 1936 infrage. Allerdings dürften damals schon große Teile des Romans fertig gewesen sein. Bereits Mitte 1935 hatte Keun 70 Seiten geschrieben, wie sie in einem Brief mitteilt. Und Anfang November 1936, genau ein Jahr nachdem Keun nach Frankfurt kam, lehnt der Verlag Allert de Lange in Amsterdam die Veröffentlichung des Manuskripts aus Angst vor wirtschaftlichen Repressionen des Deutschen Reichs ab. Gut möglich, dass Keun die Erinnerungen aus dem ersten Besuch verarbeitet und der größeren Aktualität wegen letztlich in den März 1936 legt.

Das Haus Liebigstraße 16, in dem Irmgard Keun 1935/36 ein Zimmer hatte. Foto:
Das Haus Liebigstraße 16, in dem Irmgard Keun 1935/36 ein Zimmer hatte. Foto: © christoph boeckheler*

Auch interessant

Kommentare