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Manche der im Schloss Biebrich gezeigten Festivalfilme beruhen auf einer wahren Begebenheit.

Wiesbaden

Bei den Zuschauern Kult

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Das Trickfilmfestival zieht tausend Besucher an. Die Zukunft ist jedoch ungewiss.

In der Klinik erinnert sich das kleine Mädchen an ihre Ferien bei den Großeltern im türkischen Dorf. Zwischen die idyllischen Momente schieben sich aber immer wieder bedrohliche Bilder von Monstern und Dämonen. Die Großmutter verspricht ihr, wenn sie brav aufesse, bekäme sie Flügel. Sie tut wie geheißen, doch es wachsen ihr keine. Den Männern, die sie vergewaltigten, kann sie nicht entkommen. Die Achtjährige überlebt und erkrankt an einer schizophrenen Psychose.

Der preisgekrönte türkische Animationsfilm „Kötü Kiz / Wicked Girl“, der auf einer wahren Begebenheit beruht, zählt zu den insgesamt 84 Kurzfilmen, die beim Internationalen Trickfilmfestival im Schloss Biebrich liefen. Seit 20 Jahren zieht das Festival Besucher aus dem Rhein-Main-Gebiet und darüber hinaus an. Auch diesmal kamen wieder etwa 1000 Fans. Einer von ihnen war Uwe Kettner, der eine Festivaldauerkarte nutzte. „Ich bekomme hier einen guten Überblick über hochqualitative und prämierte Filme und viele Impulse zum Nachdenken“, sagte der 49-jährige Wiesbadener. Er bedauerte, dass er die Filme hinterher nicht auf DVD zu kaufen bekommt.

Sabine Kaul aus Frankfurt nannte den Trickfilm eine gute Kunst- und Ausdrucksform, um „auch nicht-stromlinienförmige Themen aufzugreifen und phantasievoll auszuarbeiten“. Das Gestaltungspotenzial begeisterte ihre Freundin Maria van Kohl ebenfalls. Da die Arbeit an Animationsfilmen lange dauere, stelle sie für Nachwuchsfilmemacher eine gute Übung dar. Das Festival biete ihnen mit den Wettbewerbsreihen „Young Animation International“ und „Best of German Animation“ eine Chance, ihre Arbeiten zu präsentieren. Beide Frauen besuchten das Festival bereits mehrmals, Maria van Kohl war zeitig aus dem Odenwald angereist, um im vollbesetzen Kinosaal einen guten Platz zu ergattern.

Aus Köln stammten der Tätowierer Jochen Jänkel und seine Schwester Kristel Jänkel, eine Bildhauerin. Sie kamen zum ersten Mal. Der 29-Jährige schaute schon als Kind Trickfilme und zeichnete Szenen  nach. „Das Festival ist wichtig, um den eigenen Horizont zu erweitern“, sagte er. Er wollte sich inspirieren lassen, Kristel dort gern im nächsten Jahr ihren eigenen Film zeigen.

Denn in Deutschland gibt es nur noch in Stuttgart ein Festival nur für Trickfilme. Im Gegensatz zu den meisten internationalen Festivals, können sich Filmemacher für das Wiesbadener jedoch nicht bewerben, sondern werden handverlesen von den Kuratoren eingeladen. Aufgrund ihres Renommees stellen ihnen die Filmemacher ihre Werke zur Verfügung. „Das ist keine Selbstverständlichkeit“, sagte Joachim Kreck. Er gründete mit seiner Ehefrau Detelina Grigorova-Kreck 1999 das Festival. Kreck zufolge führen die Filmstudios Listen, welche der etwa 10 000 Festivals weltweit sie mit ihren Produktionen beliefern.

Der gute Ruf des Festivals zeigt sich auch daran, dass zwei Oscar-Preisträger kamen: Alexandre Espigares und Thomas Stellmacher, seit Jahren regelmäßiger Gast. Zum 20-jährigen Bestehen machte die Stadt Wiesbaden einmalig 15 000 Euro zusätzlich locker. Doch die Zukunft des Festivals ist unsicher. Die  Veranstalter stemmen die Arbeit nur zu dritt und der Etat ist seit jeher klein. „Wir haben leider keine Lobby, der Trickfilm genießt kein gutes Ansehen in Deutschland“, bedauerte das Ehepaar Kreck.

Wie viele Besucher bezeichnete es Regina Gerle als einen „Verlust für die Stadt“, sollte es das Trickfilmfestival nicht mehr geben. Mit ihrem 17-jährigen Enkel Finn Strehlau kam sie im dritten Jahr zum Filmeschauen. Sie lobte die Atmosphäre „ohne Schickimicki“ und den Sachverstand der Krecks. Finn sah das ähnlich: „Das Trickfilmfestival ist Kult.“

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