Interview

„Zuschauer aus den verkopften Diskussionen herausholen“

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Die Frankfurter Filmemacherin Melanie Gärtner hat den 1. Hessischen Dokumentarfilmtag mitorganisiert und ist überzeugt von der Kraft der Bilder und des Kinos.

Frau Gärtner, sind es gute Zeiten, um als Dokumentarfilmemacherin zu arbeiten?

Einerseits ja, weil das Interesse an diesem Format groß ist. Die Leute haben Lust, sich mit dem Wirklichen auseinanderzusetzen. Und sie wollen den Machern begegnen und herausfinden, was sie dazu bewegt hat, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen.

Und andererseits?

Es gibt immer mehr Dokumentarfilme, die Konkurrenz wird größer. Die Produktionshürden werden gleichzeitig niedriger: Theoretisch kann man sich einfach eine kleine Spiegelreflexkamera schnappen und losdrehen. Bei professionellen Produktionen wird es technisch anspruchsvoller, aber zumindest für den Anfang sind die Hürden nicht mehr so hoch wie früher, als ausschließlich auf Film gedreht werden konnte.

Warum brauchen wir den Dokumentarfilm heute?

Er hat enorm viel Potenzial: Wo sich Diskurse zuspitzen oder extrem politisiert sind, ermöglicht er, einen Schritt zurückzutreten, das Thema einzuordnen und zu sehen, wie Leute am anderen Ende der Welt die Dinge einschätzen. Mit einem Bild kann man so viel Emotion rüberbringen und den Zuschauer aus den verkopften Diskussionen herausholen. Das Genre ist eine Goldgrube, wenn es darum geht, in Lebenswelten reinzublicken.

Sie sagen, es sei wichtig, einen Film zu begleiten. Ihr Film „Yves’ Versprechen“ hatte vor genau einem Jahr Premiere. Wie lief da die Kinoauswertung?

Auf die Premiere folgte eine Tour durch mehrere Großstädte. Mit verschiedenen Initiativen und kommunalen Kinos gab es zudem etliche Veranstaltungen abseits der Metropolen, in die die üblichen Kinotouren sonst nicht hinkommen. Das ist deshalb so wertvoll, weil ich als Filmschaffende dabei bin. Bei den Filmgesprächen tut sich für das Publikum noch einmal eine ganz neue Ebene auf.

Werden in Zukunft auch andere Ausspielwege wie Streamingdienste für den Dokumentarfilm wichtig?

Die digitalen Plattformen sind schon jetzt superwichtig. Aber ich bin große Gläubige des Kinos als Kulturort. Gerade unter dem Aspekt, dass dort eben Begegnungen zwischen Machern und dem Publikum möglich sind. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Streamingdienste das ersetzen. Sich von Angesicht zu Angesicht über die Filme auszutauschen, ist dort nicht möglich.

Können Streamingdienste als Geldgeber für Dokumentarfilmer interessant sein?

Im Moment ist es eher so, dass dort gefälligere Projekte für den Massenmarkt stark gefördert werden. Ob davon auch einmal bei Autorenfilmen mit Ecken und Kanten etwas ankommen wird? Da bin ich skeptisch.

Wie ist die konventionelle Filmfördersituation in Hessen für Dokumentarfilmer?

Da sind die Voraussetzungen ganz gut. Hier in Hessen gibt es nicht so viele große Spielfilmproduktionen, es wird nicht ständig der rote Teppich ausgerollt. Dafür ist es aber eine besondere Qualität, dass es hier viele engagierte, langjährige Dokumentarfilmer gibt. Das weiß die hessische Förderung, und deswegen werden Dokumentarfilme auch gefördert. Da können wir uns grundsätzlich nicht beschweren. Allerdings ist Hessen ein sehr kleines Förderland und infrastrukturell gibt es noch viel zu tun. Vor allem im Blick auf den öffentlich-rechtlichen Sender.

Sie haben den 1. Hessischen Dokumentarfilmtag mitorganisiert. Warum dauert er nur einen Tag?

Wir wollen ja kein Festival machen, sondern die Kunstform des Dokumentarfilms soll konzentriert auf einen Tag in den beteiligten Kinos und vor dem lokalen Publikum im Mittelpunkt stehen. Es ist auch nicht im Gespräch, das auszuweiten. Es soll ein Tag bleiben.

Interview: Jakob Maurer

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