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Freizeit

Zuhause auf Rädern

  • Meike Kolodziejczyk
    VonMeike Kolodziejczyk
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Ob VW-Bulli oder weißer Campingkreuzer: Reisen mit dem Wohnmobil ist seit der Corona-Pandemie so beliebt wie nie.

Ein halbes Dutzend Wohnmobile steht auf der Wiese. Die Markisen sind ausgefahren, das Campingmobiliar ist ausgeklappt, hier und da kokelt ein Grill. Eine Familie sitzt um einen Tisch und spielt Karten, ein älteres Ehepaar döst auf Liegestühlen, zwei Jugendliche waten barfuß durch den Bach hinterm Zaun. Es ist bewölkt und nicht übermäßig warm, immerhin kommt manchmal die Sonne durch und bescheint das beschauliche Treiben – das es eigentlich gar nicht geben dürfte an jenem Frühlingssamstag auf dem Stellplatz irgendwo im Rhein-Main-Gebiet. Noch gelten dort Lockdown und Bundesnotbremse, noch sind wegen Corona nicht nur Hotels, Ferienhäuser und Jugendherbergen geschlossen, sondern auch Camping- und Wohnmobilplätze gesperrt. Nur Dauercamper:innen können ihre Parzellen nutzen.

Erst am 17. Mai ist in einigen Kreisen sowie in Darmstadt die erste Stufe der Corona-Kontakt- und Betriebsbeschränkungsverordnung des Landes Hessen in Kraft getreten, seitdem dürfen bei einer stabilen Inzidenz unter 100 auch Campingplätze unter Auflagen wieder öffnen. Sonst nicht. Das ist den Campierenden auf dem Wiesenstellplatz offenbar bekannt, wohl deswegen reagieren manche etwas ungehalten auf die Frage, ob das denn erlaubt sei mit ihren Wohnmobilen, hier und jetzt. „Was geht Sie das denn an?“, raunzt ein Mann quer über den Platz. „Wir verhalten uns völlig korrekt“, befindet ein anderer und wedelt abwehrend mit der Hand. „Ist doch wahr“, zeigt sich eine Frau gesprächsbereiter. „Wir sind an der frischen Luft, haben unseren eigenen Krempel dabei, halten Abstand: Coronagerechter geht es doch wohl kaum.“

Ein Panoptikum an Wohnmobilen gibt es immer auf dem Burg-Herzberg-Festival zu bestaunen - wenn es denn stattfindet.

Mit dieser Einschätzung ist sie nicht allein: Seit Beginn der Pandemie erlebt das Reisen mit dem Wohnmobil einen regelrechten Boom, auch und gerade für Kurzurlaube. Dieser Trend lasse sich für ganz Deutschland verzeichnen, bestätigt Daniel Rätz, Pressereferent des in Frankfurt ansässigen Caravaning-Industrie-Verbands Deutschland (CIVD). Die Branche sei schon seit einigen Jahren im Wachstum begriffen, „Corona hat das noch verstärkt und beschleunigt.“ Und zwar ziemlich deutlich. 2020 gab es laut CIVD im Vergleich zum Vorjahr 44,8 Prozent mehr Neuzulassungen von Wohnmobilen in Deutschland sowie in Hessen, das sei „einsamer Rekord“. Hinzu kommen die Wohnwagen, die bundesweit ein Plus von 8,2 Prozent, in Hessen von 13,2 Prozent gegenüber 2019 aufweisen – und damit den höchsten Zuwachs seit 25 Jahren. Deutsche Hersteller kämen teils nicht mehr mit der Produktion nach, Wartezeiten von mehr als einem Jahr seien keine Seltenheit.

„Die Menschen sind flexibel, sie wollen selbstständig und autark sein, suchen Entschleunigung und die Nähe zur Natur“, begründet Rätz den Run aufs Wohnmobil. Ob junge Familien, Ehepaare im Rentenalter, Aktivurlauber:innen oder Kreative: Das individuelle Unterwegssein treffe „den Nerv der Zeit“, das sei schon vor der Pandemie so gewesen. Das Virus allerdings hat dem Bedürfnis, im eigenen Heim durch die Lande zu rollen, einen zusätzlichen Impuls gegeben. „Kontaktarmer Urlaub“, laute das Stichwort, sagt Rätz.

Etliche Optionen fallen wegen der Corona-Beschränkungen aus, andere wären möglich, erzeugen aber Unbehagen: etwa eine Fernreise im engen Flugzeug mit der Aussicht, nach Ankunft oder Rückkehr erst mal in Quarantäne zu müssen. Dann doch lieber mit dem Wohnmobil an Nord-, Boden- oder Edersee, für einen Kurztrip übers Wochenende tut’s allemal auch der Langener Waldsee – vorausgesetzt, die Inzidenz lässt es zu.

Im Rheingau ist das bereits der Fall. Seit Montag greift dort der erste Schritt des Stufenplans der Landesregierung, gerade rechtzeitig zu Pfingsten. Der Campingplatz Rüdesheim bereitet sich auf einen wahren Ansturm am verlängerten Wochenende vor. „Es wird auf jeden Fall voll werden“, prognostiziert Oliver Richter, Chef der familiengeführten Anlage direkt am Rheinufer. Wobei „voll“ eigentlich nur etwas mehr als „halbvoll“ bedeutet, denn wie überall, wo gelockert wird, darf der Platz nur zu 60 Prozent belegt werden. Obwohl die Möglichkeit zur Wiederöffnung „schon etwas kurzfristig kam“, sei die Nachfrage riesengroß. Bis zum 6. Juni würden keine Reservierungen mehr angenommen, an Fronleichnam seien sie bereits seit Monaten „hoffnungslos überbucht“, sagt Richter, vor allem wegen der „Magic Bike Rüdesheim“. Das Motorradtreffen sei zwar mittlerweile abgesagt, bisher aber kaum eine Stellplatzbuchung storniert worden. „Die Leute wollen wohl trotzdem kommen.“

Der virusinduzierte Wohnmobilboom ist auch auf dem seit 1949 bestehenden Campingplatz aufgefallen, vor allem im Corona-Sommer „war es ganz extrem“, sagt Richter. Die Pandemie habe sich auch auf die Herkunft der Gäste ausgewirkt. Normalerweise kämen 40 Prozent der Tourist:innen aus dem Ausland, doch 2020 hätten fast ausschließlich Deutsche den Platz angesteuert. Ein paar Kilometer weiter rüstet sich der Campingplatz Geisenheim für die Pfingstfeiertage. Die Anfragen seien explodiert, heißt es dort.

Der Klassiker: ein VW Bulli neben einem Wohnwagen.

Passend zum Wunsch nach individuellen und flexiblen Reisen ist auch die Palette der Wohnmobile grenzenlos und kunterbunt. Sie reicht vom VW Bulli über den klassisch-weißen Camper bis hin zum umfunktionierten Unimog. Schrauber:innen bauen sich ausrangierte Feuerwehrfahrzeuge und Schulbusse aus, andere kreuzen im Luxusappartement in Jachtoptik über die Straßen. Solarmodule gehören in modernen Modellen quasi zur Standardausstattung, Fußbodenheizung, Designerinterieur und sogar ins Wohnmobil eingelassene Pkw-Garagen sind zu haben.

Doch für den Urlaub im Ferienhaus auf Rädern muss nicht gleich ein solches gekauft werden. Mieten tut es auch, ob bei Bekannten oder im professionellen Wohnmobilverleih. Nach Angaben des CIVD geht etwa ein Viertel der neu zugelassenen Fahrzeuge in die Vermietung. Dieser Anteil sei seit einigen Jahren konstant, in absoluten Zahlen verzeichnen Mietwohnmobile somit einen Zuwachs. Gleiches gilt für das Interesse am rollenden Heim auf Zeit. Und so waren in der Corona-Saison 2020 auch bei den Wohnmobilverleihen der Rhein-Main-Region zeitweise keine Fahrzeuge mehr zu mieten.

Es deutet viel darauf hin, dass der Boom länger anhalten wird, gerade jetzt, da die Infektionszahlen beständig sinken und in immer mehr Kreisen und Städten die Beschränkungen gelockert werden. Dann müssen sich auch die Campierenden auf dem Wiesenstellplatz am Bach nicht mehr rechtfertigen, sondern können einfach entspannen.

Rubriklistenbild: © Andreas Arnold

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