Die Kommunen und das Land gehen gegen Spielhallen vor.

Glücksspiel

Die Zocker wandern ins Internet ab

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Spielhallen-Betreiber fühlen sich durch strenge Gesetze gegängelt - und die Kundschaft bleibt zu Hause. 

Neulich hatte Michael Wollenhaupt mit einer Anfrage zu tun, die ihn doch etwas verwunderte. Ein Bekannter erzählte dem Vorsitzenden des hessischen Münzautomaten-Verbandes, er habe Glücksspiel im Internet betrieben – und etwas gewonnen. Nun frage er sich, wie er an sein Geld kommen sollte, dann dazu fänden sich auf der Seite keine Angaben. Wollenhaupt hat seinem Bekannten höflich zu verstehen gegeben, dass er für dieses Problem nun wirklich der falsche Ansprechpartner sei.

Denn Wollenhaupt und seine Mitstreiter Georg Stecker (Vorstandssprecher des Vereins Die Deutsche Automatenwirtschaft) und Simone Storch (Geschäftsführerin des Bundesverbands Automatenunternehmer) sind derzeit auf Glücksspiel im Netz nicht gut zu sprechen. Vor Journalisten berichteten sie am Dienstag in Frankfurt, dass immer mehr Zocker den Automaten in den Spielhallen den Rücken zukehrten und in die virtuelle Welt abwanderten. Schuld daran seien die Gesetze, insbesondere das hessische Spielhallengesetz.

„Bei den Betrieben gibt es eine immense Unsicherheit“, sagte Wollenhaupt, der mit seinem Verband rund 60 Prozent der Betreiber der 634 Spielhallen in Hessen vertritt. Seit der Verschärfung des Gesetzes vor einem guten Jahr müssten die Unternehmer die Schließung ihrer Hallen fürchten – und zwar nicht, weil sie gegen Gesetze verstießen und etwa Minderjährige bei sich spielen ließen. Sondern weil die nächste Spielhalle zu nah ist.

Besagtes Landesgesetz sieht nämlich vor, dass zwischen zwei Spielhallen ein Mindestabstand von 300 Metern liegen muss. Damit sollte die Dichte an Spielhallen in einzelnen Stadtteilen von Frankfurt und anderen Großstädten reduziert werden. Doch von Anfang an standen die Kommunen, die das Gesetz umsetzen müssen, vor einem riesigen Problem: Wenn sich in dem Radius zwei Spielhallen befinden – welche muss dann schließen? Zwar veröffentlichte die Landesregierung zu dieser Frage Ausführungsbestimmungen, doch diese wurden vom Verwaltungsgerichtshof für unwirksam erklärt.

Casinos als Kneipen getarnt

In der Folge wisse nun gar keiner mehr, wie es weitergehe, sagte Georg Stecker. Nicht die Kommunen, nicht die Spielhallen-Betreiber, nicht die Interessenverbände. Fakt aber sei: Die Zahl der (legalen) Spielhallen sei deutlich zurückgegangen. In Frankfurt etwa gibt es nach Auskunft des Ordnungsdezernats noch 139 Betriebe. Seit der Verschärfung des Spiehallengesetzes schlossen 25. Und wenn die Stadt die Vorgaben des Gesetzes umsetzen will, muss sie noch rund 50 weitere Betriebe dicht machen.

Diese Gemengelage führe dazu, dass Spieler verstärkt illegale Casinos aufsuchten, sagte Stecker. Zum einen gingen sie in sogenannte Café-Casinos, die als Gaststätte getarnt seien, in Wahrheit aber ausschließlich von Zockern besucht würden. Oder sie spielen gleich im Internet. Derartige Angebote seien in Deutschland verboten. Da die Betreiber ihren Sitz aber teils im sehr weit entfernten Ausland hätten, kümmerten sie sich nicht um die Rechtslage in Deutschland. Verwunderlich sei nur, dass im deutschen Fernsehen sogar Reklame für die Angebote liefen.

Diese Entwicklung hat zum einen zur Folge, dass die hessischen Spielhallenbetreiber um ihren Umsatz fürchten ( 2018 waren es zwischen 450 und 500 Millionen Euro). Zum anderen aber spielten die Zocker in Café-Casinos und im Internet ohne jeden Schutz, so Simone Storch. Sprich: Niemand kontrolliert, ob sie volljährig sind. Niemand überprüft, ob sie sich in dem in Hessen eingeführten System Oasis selbst gesperrt haben, weil sie spielsüchtig sind. Und zumindest im Internet gibt es auch keine Begrenzungen, wie viel Geld man in welcher Zeit verlieren kann. An Automaten in lizensierten Spielhallen hingegen können die Nutzer pro Stunde maximal 60 Euro verzocken. „Aber das kommt selten vor, sonst spielen die Leute ja nicht“, sagte Wollenhaupt. Der Schnitt liege bei elf Euro Verlust pro Stunde. Seit Herbst sollen die Spielhallen zudem sicherstellen, dass die Besucher nur an einem Automaten gleichzeitig ihrer Leidenschaft nachgehen können.

Für die Branchen-Vertreter steht deshalb fest: Die Abstandsregelung im Gesetz muss weg, damit wieder Rechtssicherheit einkehrt. Außerdem müssten die Behörden viel stärker gegen illegale Angebote vorgehen. Der Bundesverband Automatenunternehmer hat dazu im Internet eine Plattform eingerichtet, auf der illegale Casinos gemeldet werden können. Wichtig sei vor allem, auf die Qualität der Betriebe zu achten, sagte Stecker. Er forderte eine bundesweite Sperrdatei, „denn was hilft es, wenn Menschen, die in Hessen nicht mehr spielen dürfen, einfach nach Mainz fahren“.

Das Bedürfnis nach Glücksspiel sei in der Gesellschaft ausgeprägt, sagte Wollenhaupt noch. In Spielhallen könne es erfüllt werden. Nach klaren Regeln. Anders als im Internet.

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