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„Die Kamele sind am gefräßigsten“, sagt Zirkusdirektor Marco Frank. Geld für Heu tut not.

Offenbach

Zirkus sitzt immer noch fest

  • Annette Schlegl
    vonAnnette Schlegl
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Vor vier Monaten ist der Circus Barus wegen Corona in Offenbach gestrandet. Noch immer kann die Zirkusfamilie nicht auftreten, doch die Probleme sind trotzdem kleiner geworden.

Die Kamele wissen schon ganz genau, wo der beste Platz ist: Am Zaun des vorbeilaufenden Radwegs gibt’s oft was zu fressen. Aber nicht nur die Tiere fühlen sich auf dem Clariant-Gelände an der Mainstraße in Offenbach sichtlich wohl, sondern auch deren Besitzer, die Zirkusfamilie Frank, die vor vier Monaten hier gestrandet ist. Auftreten kann sie zwar immer noch nicht, aber die Not ist nicht mehr so groß, und der Streit mit der Stadt ist beigelegt.

Kurzer Rückblick: Im März fiel der Saisonbeginn für den Circus Barus in Offenbach wegen der Angst vor Corona erst mau aus und dann dem Virus komplett zum Opfer. Die Franks konnten nicht zurück in ihr Winterquartier in Schlitz, das von zwei anderen Zirkussen belegt war. Von der Stadt Offenbach kam keine finanzielle Hilfe; stattdessen wurde der verzweifelten Zirkusfamilie ein Räumungsbescheid zugestellt, der allerdings zwei Wochen später wieder aufgehoben wurde.

Mittlerweile ist alles im Lot. Die Heimatkommune im Vogelsberg überweist der Familie Sozialhilfe – „das reicht zum Leben“, sagt Zirkusdirektor Marco Frank. Eng werde es nur, wenn die Stromrechnung von der Energieversorgung Offenbach (EVO) komme und wenn Heu für die Tiere gekauft werden müsse. Zwei Rundballen sind jetzt noch da – „das reicht für eine Woche“, sagt Zirkuschefin Bianca Frank. Für Nachschub fehlt das Geld, weil die Heuballen nun doppelt so teuer sind wie bisher. Die Trockenheit hat die Preise hochgetrieben, statt 30 Euro werden 60 bis 70 Euro verlangt.

Hilfe für den Zirkus

Wer den Circus Barus finanziell unterstützen will, kann Geld auf das Konto der Familie Frank bei der Volksbank-Raiffeisenbank Glauchau überweisen, IBAN: DE27 8709 5974 0050 0756 05, BIC: GENODEF1GC1. Oder einfach auf dem Zirkusgelände an der Mainstraße am Ortsrand des Offenbacher Stadtteils Bürgel vorbeikommen und Geld in eine Spendenbox werfen. ann

Das Verhältnis zur Stadt Offenbach sei inzwischen gut, sagt Marco Frank. „Die haben sogar angeboten, uns bei der Beantragung von staatlicher Unterstützung zu helfen.“ Trotzdem hat die Zirkusfamilie Ängste: Die privaten Eigentümer des Clariant-Geländes hatten ihnen zugesichert, bis auf weiteres bleiben zu dürfen, aber seit Mitte Juli gehört das Areal der Stadt. „Wir hoffen, dass man uns duldet“, sagt Frank. „Wir fühlen uns wohl hier und haben Freunde gefunden, die unsere Tiere Gassi führen, die Pferde und Esel duschen und tränken, füttern und ausmisten.“

Überhaupt ist die Familie von der Hilfsbereitschaft der Offenbacher begeistert. Das Tierheim hat schon zweimal säckeweise Hundefutter gespendet, eine Fabrik hat dem Zirkus 40 Liter Industrielack geschenkt, um die Tribüne zu lackieren, ein Fassadenreinigungsbetrieb sandstrahlt einen Tag lang kostenlos eine verrostete Pritsche, bei einem Getränkelieferanten können die Zirkusleute kostenlos Getränke holen, eine Firma hat Reifen für den Lastwagen geschenkt. „Egal, was wir brauchen, die Leute helfen und wollen kein Geld“, sagt Marco Frank.

Die Familie will so bald wie möglich wieder Zirkusluft verbreiten. „Unsere Saison sollte am 4. September mit einem Testlauf in Mörfelden-Walldorf weitergehen“, sagt Frank. Testlauf heiße: mit einem Lkw, drei Transportern und Kleintieren wie Eseln, Hunden und Ziegen sowie rund 80 statt normalerweise 250 Zuschauern. „Wir haben nicht das Geld, um komplett umzuziehen“, erklärt er. Doch aktuell sehe es wieder ganz schlecht aus, weil die Corona-Zahlen steigen.

Bianca Frank hofft, dass das Beispiel einer Mutter Schule macht. Sie will im August Kindergeburtstag im Zirkus feiern, bringt Kuchen und Kakao mit. Die Franks stellen ihr die Manege zur Verfügung, laden zur Tierschau und liefern die Musik. Das könnte ein Geschäftsmodell für weitere schlechte Zeiten sein.

Der Krisenstab hat in Offenbach getagt. Die Stadt Offenbach verzeichnet die höchste Zahl an Corona-Infizierten seit Ausbruch der Pandemie.

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