+
Als Studentin besetzte Angela Dorn das Wissenschaftsministerium, heute sitzt sie drin.

Interview

Das will die Ministerin für Wissenschaft und Kunst in Hessen

  • schließen

Einst hat Angela Dorn (Grüne) im Wissenschaftsministerium demonstriert. Heute ist sie selbst Ministerin.

Noch sind die Wände und Regale in Angela Dorns Büro weitgehend leer. Seit Januar amtiert die Grünen-Politikerin als Ministerin für Wissenschaft und Kunst, als Nachfolgerin des Frankfurters Boris Rhein (CDU). Die studierte Psychologin will dafür kämpfen, dass die Höhe des Bafögs nach dem Wohnort ausgerichtet wird, damit Studierende die hohen Mietpreise im Rhein-Main-Gebiet bezahlen können.

Frau Dorn, Sie haben vor mehr als zehn Jahren als Studentin hier im Wissenschaftsministerium demonstriert. Sie wollten die Studiengebühren abschaffen.
Das stimmt, wir haben uns gegen sozial ungerechte Studiengebühren und für gute Bildung eingesetzt. Nur gegen etwas zu sein, führt in der Politik zu nichts. Wir haben erstaunlich viel erreicht, indem wir uns zusammengeschlossen haben und kreativ, aber friedlich Druck gemacht haben.

Welche Rolle hatten Sie bei der Besetzung des Wissenschaftsministeriums?
Die Bewegung war basisdemokratisch. Ich hatte eine tragende Rolle, weil ich den Gesetzentwurf für die Abschaffung der Studiengebühren geschrieben habe, der zugleich die solidarische Gegenfinanzierung durch Einführung einer Vermögenssteuer vorsah. Allerdings war mir damals nicht ganz klar, dass nicht Hessen, sondern nur der Bund so eine Steuer beschließen kann. Der Protest wurde vor allem von meiner damaligen Wohngemeinschaft aktiv organisiert. Dort habe ich übrigens meinen Mann kennengelernt.

Die Studiengebühren sind abgeschafft, die Vermögenssteuer ist aber noch nicht eingeführt worden.
Die Grünen haben auf Bundesebene einige schwierige Wahlkämpfe geführt, bei denen wir uns für eine gesellschaftliche Umverteilung und gerechtere Finanzierungsmodelle eingesetzt haben. Auf Landesebene würde ich heute einen anderen Weg der Gegenfinanzierung wählen. 

In der Wissenschaft, an den Hochschulen, aber auch in der Politik stehen wenige Frauen an der Spitze.
Die Frauenförderung ist mir persönlich sehr wichtig. Jede vierte Professur ist von einer Frau besetzt. Vor gut zehn Jahren war es nur jede siebte. Das ist eine Verbesserung, aber nicht genug, denn wir müssen die besten Köpfe gewinnen. Das Ziel sind 50 Prozent Frauen.

Was ist noch zu tun?
Strukturell müssen Familie und Beruf besser vereinbar sein. Förderprogramme müssen speziell auf Frauen zugeschnitten sein. Für die Einstellung von Professorinnen bekommen Hochschulen bereits finanzielle Anreize, ebenso wie für strukturelle Konzepte. Seitdem die Deutsche Forschungsgemeinschaft die Gleichstellung von Frauen und Männern in ihren Verfahren berücksichtigt, hat sich viel bewegt. Einem rot-grünen Landesgesetz aus den 90ern verdanken wir, dass jetzt überall an den Hochschulen Frauenbeauftragte wirken. Elementar wichtig ist, dass sie bei Besetzungsverfahren immer dabei sind. Dafür mussten sie früher kämpfen, heute ist es eine Selbstverständlichkeit. Mentoring-Programme und Vorbilder, wie man weiblich führen kann, können auch viel bewirken.

Apropos Vorbilder: Welchen Führungsstil pflegen Sie als relativ junge Frau an der Spitze eines Ministeriums?
Ich habe meinen eigenen kooperativen Führungsstil. Als Psychologin weiß ich um die Bedeutung des Zuhörens, die in der Politik oft unterschätzt wird. Als Ministerin bin ich nur dann stark, wenn alle Mitarbeiter ihre eigenen Ideen und unterschiedlichen Perspektiven einbringen können. Ich habe deshalb schon bei meinem Amtsantritt alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter persönlich begrüßt und viele Gespräche geführt.

Welche Impulse wollen Sie als neue grüne Wissenschaftsministerin aussenden?
Ich arbeite für starke Hochschulen, gute Lehre und exzellente Forschung. Darüber hinaus ist für mich die Freiheit der Wissenschaft zentral. Ein modernes Hochschulsystem braucht zwar Wettbewerb. Es muss aber gesund sein und Synergien ermöglichen. Am Anfang meiner Zeit als Abgeordnete – damals war ich zuständig für den Bereich Hochschulen und Studierende – hatte das System zu einem ruinösen Wettbewerb der Hochschulen untereinander um Landesfördermittel geführt. Das haben wir schon in der vorigen Legislaturperiode deutlich verändert. In diesem Koalitionsvertrag haben wir uns darauf verständigt, die Grundfinanzierung der Hochschulen noch verlässlicher zu gestalten und sie ab 2021 um vier Prozent jährlich zu steigern. Damit Innovation entstehen kann, möchte ich gleichzeitig die Kooperation der Universitäten und der Hochschulen für Angewandte Wissenschaften mit- und untereinander stärken.

Vielerorts muss ein Professor 80 Studierende oder mehr betreuen. Plant das Land die Betreuungsrelation angesichts der weiterhin hohen Studierendenzahlen zu verbessern?
Mit der steigenden Grundfinanzierung wird es mehr Professorenstellen an Universitäten und Hochschulen geben. Außerdem wollen wir den Mittelbau bei den Hochschulen für Angewandte Wissenschaften aufbauen. Grundsätzlich ist es ein schönes gesellschaftliches Signal, dass so viele junge Menschen studieren. Hessen ist ein attraktiver Studienort, zu uns kommen viele junge Menschen zum Studium, die ihre Hochschulzugangsberechtigung woanders erworben haben. Dafür brauchen wir natürlich Räumlichkeiten. Bis 2031 investiert das Land zusätzlich rund 1,7 Milliarden Euro in Gebäude durch die Aufstockung und Verlängerung des Hochschulbauprogramms Heureka.

Sie kommen aus Marburg und beschäftigen sich schon lange mit der Situation der privatisierten Universitätskliniken Gießen-Marburg.
Da haben Sie absolut Recht. Mit dem Uniklinikum verbindet mich eine lange Geschichte.

Was gedenken Sie zu tun, um die Situation dort zu verbessern?
Die Entscheidung der Privatisierung war eine Entscheidung der damaligen Regierung. Ich hätte die nicht so getroffen. Es gibt bundesweit keine einzige Universitätsklinik, die danach privatisiert worden ist. Aber ich muss mit dem umgehen, was ich vorfinde. Jetzt geht es darum, bestmögliche Rahmenbedingungen für die Patienten, die Beschäftigten sowie für Lehre und Forschung zu schaffen. Uns war es immer ein großes Anliegen, dass die Arbeitsbedingungen der Beschäftigten verbessert werden. Das haben wir erreicht mit dem Zukunftspapier, das einen Verzicht auf Ausgliederungen für die nächsten Jahre vorsieht, die Übernahmegarantie für die Auszubildenden und einen Verzicht auf betriebsbedingte Kündigungen.

Das Bafög ist ein wenig erhöht worden. Aber die Wohnpauschale reicht jedenfalls in Frankfurt nicht.
Richtig. Wir setzen uns für ein Modell ein, die Höhe der Wohnpauschale am Wohnort auszurichten, um den spezifischen Bedürfnissen gerecht zu werden. Dafür haben wir aber leider auf Bundesebene keine Mehrheit bekommen. Bei der Erhöhung müssten einzelne Gruppen deutlich mehr berücksichtigt werden. Aus Hessen ist uns besonders unser Orientierungsstudium wichtig. Das ist ein ganz wesentlicher Baustein, um die Hochschulen für Menschen aus Familien ohne Akademikerhintergrund zu öffnen. Sie fragen sich oft, welches Studium für sie passen könnte. Wir haben ein Orientierungsstudium eingeführt, aber das Bafög-System hat dies erschwert. Wir haben gemeinsam mit zwei Hochschulen nun zwar tragfähige Modelle entwickelt, aber einige Studienschwerpunkte können nach wie vor auch aus Bafög-Gründen nicht berücksichtigt werden berechtigt. Diese Lücke muss geschlossen werden.

Waren Sie von Anfang an sicher, dass ein Psychologiestudium das Richtige für Sie ist, oder hätten Sie gerne selbst ein Orientierungsstudium gehabt?
Ich wusste schon seit ich in der siebten oder achten Klasse war, dass ich Psychologin werden wollte. Ich liebe diesen Beruf. Ich war immer in Physik, in Mathe, in Chemie gut. Ich hätte mir im Nachhinein, gerade auch bei einigen Besichtigungen von Forschungseinrichtungen, aber auch Ingenieurwissenschaften vorstellen können, zum Beispiel Umwelttechnologie. Mal sehen, was in meinem Leben noch so kommt. Weiterbildung ist übrigens auch ein wichtiges Thema für das Wissenschaftsministerium.

Haben Sie Bafög bezogen?
Nein. Ich wäre Bafög-berechtigt gewesen. Aber das wäre sehr wenig Geld gewesen. Ich habe mir das zusätzliche Geld mit Arbeit verdient, als Nachtbereitschaftsdienst bei einer Klinik für psychisch Kranke und als wissenschaftliche Hilfskraft. Und ich hatte eine Menge kleinerer Jobs – bei Festen kellnern und so etwas.

Interview: Pitt von Bebenburg und Franziska Schubert

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare