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Im Frankfurter Städel sind die Verluste nach der Auslagerung der Kunstwerke im Zweiten Weltkrieg gut dokumentiert.

Kultur

Zerstört, gestohlen oder unterschlagen

Museen suchen bis heute nach im Krieg verschwundener Kunst.

Der Zweite Weltkrieg war auch für hessische Museen eine Zäsur. In den Wirren der Kriegstage verschwanden zahlreiche Kunstwerke aus öffentlichen Sammlungen. Viele sind bis heute nicht aufgetaucht. Wie gut die Verluste dokumentiert sind, ist von Museum zu Museum unterschiedlich. Einige Kunstwerke haben auch den Weg zurück gefunden.

Wie gut man über die Verluste Bescheid weiß, hängt von alten Aufzeichnungen ab. Dreh- und Angelpunkt ist die kriegsbedingte Auslagerung, mit der Kunstwerke in Sicherheit gebracht werden sollten. „Als das Städel Museum seine Gemäldesammlung auszulagern begann, wurden Listen angefertigt, die heute noch im Archiv in mehreren Abschriften erhalten sind“, sagt Franziska von Plocki, Referentin des Museums in Frankfurt. Die Quellenlage sei somit ausgesprochen dicht. Es existierten 15 erschlossene Akten, die Listen und Korrespondenz enthielten.

Deshalb weiß man, was fehlt: „Nach derzeitigem Kenntnisstand wurden in der Sammlung des Städel Museums ursprünglich 25 Gemälde vermisst, die unmittelbar nach Kriegsende in der amerikanischen Besatzungszeit am Auslagerungsort Amorbach (Bayern) abhandengekommen sind“, erklärt von Plocki. Mittlerweile befänden sich drei dieser Gemälde wieder im Bestand.

Auch der Zufall spielt manchmal eine Rolle: Ursprünglich ging man von 140 verschwundenen Gemälden aus, die an den Auslagerungsorten Amorbach und Bad Wildungen in Nordhessen vermisst gemeldet wurden. Doch bereits 1949 tauchten einige Werke in einem privaten Depot wieder auf. „Die Kisten, in denen sich diese Gemälde befanden, waren in den Wirren der Nachkriegszeit zunächst an einen falschen Ort gebracht worden“, sagt die Städel-Sprecherin.

Verlustliste erstellt

Auch in Kassel wurde nach dem Krieg aufgrund der Auslagerungsunterlagen eine Verlustliste erstellt. „Diese ist jedoch nur als vorläufig zu bezeichnen, da auch die Auslagerungslisten zum Teil lückenhaft beziehungsweise unvollständig sind“, berichtet Lena Pralle, Sprecherin der Museumslandschaft Hessen Kassel (MHK). Was jedoch bekannt sei, werde auf „Lost Art“ gemeldet. Das ist eine Datenbank im Internet für Kulturgüter, die infolge der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft und des Zweiten Weltkriegs verschwunden sind.

Manche Werke tauchen zwar auf, kehren aber trotzdem nicht nach Hessen zurück. 1990 beispielsweise scheiterte die Rückkehr des Gemäldes „Myrrha entflieht dem Nachtlager ihres Vaters“ eines französischen Meisters des 17. Jahrhunderts. Der aktuelle Besitzer in den USA hatte zu hohe Geldforderungen gestellt. Das Gemälde befand sich während der Kriegszeit im Keller der Kasseler Gemäldegalerie und war dann verschwunden.

Theoretisch haben Museen die Möglichkeit, sich Kunst auf dem Rechtsweg zurückzuholen. Versucht wird das selten: „Das ist sehr kostenintensiv und meistens aussichtslos“, erklärt Justus Lange, Leiter der MHK-Sammlungen. Deswegen einige man sich in den meisten Fällen auf eine Entschädigungszahlung an den aktuellen Besitzer von zehn bis 20 Prozent des Schätzpreises.

Ein Vergleich von Listen aus den 1940er und 1950er Jahren zeigt, dass es auch im Landesmuseum Wiesbaden Verluste gab. So wurden 80 bis 90 Bilder zwischen 1941 und 1945 nach Sachsen ausgelagert. 1987 kamen im Zuge des deutsch-deutschen Kulturaustausches 60 zurück. „Der Rest gilt als vermisst, wobei Vorsicht gelten muss, da unterschiedliche Listen existieren und wohl auch Bilder darunter waren, die nicht dem Museum gehörten, sondern aus Privatbesitz stammten“, sagt Peter Forster, Leiter der Provenienzforschung im Museum Wiesbaden.

Das bekannteste dort fehlende Werk ist „Madonna mit Christuskind und Johannesknaben“ des Italieners Francesco „Bacchicca“ Ubertini. Es befinde sich vermutlich in Russland in einem Museum.

Neben den großen Museen und Landesmuseen verschwanden auch aus kleineren Häusern Kulturgüter. „Da ist sicher einiges weggekommen“, mutmaßt Ulrike Adamek vom Hessischen Museumsverband. Dieser berät Museen in allen Bereichen ihrer Arbeit. Doch das Problem, verschwundene Kunst wiederzufinden, sei nie an den Verband herangetragen worden. Offenbar decken viele kleine Häuser lieber den Mantel des Schweigens über die Vergangenheit. Adamek: „Es ist auffällig, dass es immer nur um Neuerwerb und Ausbauleistungen geht.“

Die schwarz-grüne Regierung will laut Koalitionsvertrag ihren Landesmuseen den Ankauf von Kulturgütern mit einem Extrabudget erleichtern. Das könnte auch den Rückkauf verschwundener Werke verbessern. Die Höhe des Budgets steht noch nicht fest. (dpa)

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