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Zeitzeugen: 100 Jahre das Leben angelacht

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Von: Oliver Teutsch

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Schnappschuss von Zeitzeuge Golik an einem Gymnasium im Odenwald. Foto: Bistum Mainz.
Schnappschuss von Zeitzeuge Golik an einem Gymnasium im Odenwald. © Bistum Mainz.

Der Auschwitz-Überlebende Ignacy Golik feiert am Mittwoch ein rundes Jubiläum. Erst für Fritz Bauer erinnert, dann für Kinder und Jugendliche.

Die Pandemie hat selbst Ignacy Golik ausgebremst. 2019 war der Warschauer noch drei Mal im Bistum Mainz als Zeitzeuge des Holocaust im Einsatz. Doch die Kontaktbeschränkungen und die eingeschränkten Reisemöglichkeiten haben es seitdem verhindert, dass der Mann, der an diesem Mittwoch 100 Jahre alt wird, deutschen Jugendlichen weiter aus seinem bewegten Leben berichten kann.

Über seine älteren Brüder Paul und Vincent kam Ignacy am Anfang des Zweiten Weltkriegs zur polnischen Widerstandsbewegung. Er hat keine Ahnung vom militärischem Kampf und hilft stattdessen bei der Anfertigung von Broschüren und Flugblättern. Als er im Januar 1941 von der Gestapo verhaftet wird, ist er gerade 19 geworden. Die Begründung für die Verhaftung lautet: „nationalbewusster Pole“. Nach kurzer Gefängnishaft wird Golik mit seinen beiden Brüdern nach Auschwitz gebracht. Hier helfen dem 19-Jährigen zunächst seine Deutschkenntnisse. „Ich habe verstanden, was mir gesagt wurde, das hat mir viel Knüppel und Peitschenhiebe erspart“, sagt Golik in der Rückbetrachtung der schrecklichen Ereignisse, die nun schon so viele Jahrzehnte zurückliegen, aber nicht zu vergessen sind.

Auf die Frage, was die deutschen Schülerinnen und Schüler von ihm am häufigsten wissen wollten, muss Golik nicht lange überlegen. „Hassen Sie die Deutschen?“, sei meist die erste Frage. Doch das verneint er. Er könne Menschen hassen, aber keine ganze Nation. Zudem seien viele seiner Leidensgenossen im Konzentrationslager selbst Deutsche gewesen. Mehr als vier Jahre überlebt Golik, der sich als junger Mann selbst als „Schlitzohr aus der Warschauer Vorstadt“ beschreibt, die Grauen der deutschen Konzentrationslager. Fast drei Jahre in Auschwitz, dann noch in Sachsenhausen und in Barth, einem Nebenlager des KZ Ravensbrück. Als er 1945 in der Nähe von Rostock von den sowjetischen Truppen befreit wurde, wog der 23-Jährige noch 42 Kilo. Seine beiden Brüder haben die Konzentrationslager nicht überlebt.

Golik kehrte zurück nach Warschau. Dort musste er zunächst sein Abitur nachholen. „Die ganze Mathematik hatte ich vollkommen vergessen.“ Eigentlich wollte er an eine Technische Hochschule gehen und Elektroingenieur werden. Aber mit den mangelnden mathematischen Kenntnissen war das nicht sinnvoll. „Es kursierte damals das Sprichwort in Polen: ,Ein Journalist ist jemand, der nichts weiß, aber alles erklären kann.‘ Also bin ich Journalist geworden“, sagt Golik selbstironisch. An die Zeit bei der Zeitung in Warschau denkt Golik gerne zurück: „Polen war die lustigste Baracke im sozialistischen Lager, nur die ersten fünf Jahre waren streng.“

Erst wollte er nur vergessen

Aber so lustig war das nicht immer mit dem Erinnern. Als Hermann Langbein, ein Bekannter aus Auschwitz ihn Anfang der 60er Jahre in Warschau besucht, um ihn zu einer Zeugenaussage im Auschwitz-Prozess zu überreden, will Golik zunächst nicht. „Ich wollte das einfach nur vergessen“, gestand Golik 2016 bei einem Besuch in den Redaktionsräumen der FR, jener Zeitung, die der Journalist häufig als Vorbild für seine Arbeit genommen hat. Selbst dem Kollegium bei der polnischen Zeitung hatte er nicht erzählt, dass er in Auschwitz war. Doch Langbein kann seinen früheren Mithäftling überzeugen und so reist Golik Anfang der 60er Jahre nach Frankfurt und schaut sich im Büro von Oberstaatsanwalt Fritz Bauer zwei Tage lang Bilder von SS-Leuten aus Auschwitz an.

Die Episode mit Langbein zeigt, dass es den Zeitzeuginnen und Zeitzeugen des Holocaust nicht hoch genug angerechnet werden kann, wenn sie sich für die Nachwelt an die schreckliche Zeit erinnern. Ähnlich wie die jüngst verstorbene Frankfurterin Trude Simonsohn hat Golik das immer auch mit einer Prise Humor und Selbstironie geschafft. „Mich müssen sie eigentlich ins Museum stellen, ich bin schon ein Museumsstück“, hat Golik seine Vorträge für das Bistum Mainz häufig begonnen und auch sein Motto verraten: Lache das Leben an, dann wird es zurücklachen.

Wenn es die Pandemie zulässt, wird das Bistum Mainz im Mai wieder Zeitzeuginnen und Zeitzeugen einladen. Etwa ein halbes Dutzend soll es noch geben. Golik wird dann wohl nicht dabei sein. Geistig sei er aber immer noch recht fit, verriet eine Mitarbeiterin des Bistums der FR. Auch seiner Frau gehe es gut, aber die ist ja auch erst 90.

Ignacy Golik 2016 im Gespräch mit Chefredakteurin Bascha Mika. Foto: Stephanie Roth.
Ignacy Golik 2016 im Gespräch mit Chefredakteurin Bascha Mika. © Stephanie Roth.
Ignacy Golik freut sich über das Andeken anFritz Bauer vor dem Oberlandesgericht Frankfurt. Foto: Alois Bauer.
Ignacy Golik freut sich über das Andeken anFritz Bauer vor dem Oberlandesgericht Frankfurt. © Alois Bauer.

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