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Dominanz, Unterwerfung, Rassismus und Ausgrenzung sind die Themen in ?Fúria? ? unter anderem.

Frankfurt

„Wut umgibt uns alle“

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Die brasilianische Choreographin Lia Rodrigues arbeitet in einer Favela von Rio de Janeiro. Ihr Stück „Fúria“ wirkt wie ein Kommentar zur aktuellen Lage des größten Landes Südamerikas. Zu den „Frankfurter Positionen“ gastiert sie im Mousonturm.

Wut. Unbändige, zerstörerische aber auch verständliche, kreative Wut. „Fúria“. Der Titel lässt erahnen, dass das neueste Stück der brasilianischen Choreographin Lia Rodrigues tief geht, nicht nur emotional, sondern auch politisch. „Fúria“ ist so etwas wie ein getanzter Kommentar, ein wütendes Statement. Doch wogegen? „Was mich wütend macht, sind Ungleichheit und Rassismus“, sagt Lia Rodrigues der Frankfurter Rundschau. „Der Titel hat sehr viel damit zu tun, was in unserer Umgebung passiert. Wut umgibt uns alle. Aber nicht nur in Brasilien. Man kann das auch in Europa beobachten.“

Vom 24. bis 26. Januar ist das Stück im Frankfurter Künstlerhaus Mousonturm zu erleben. Lia Rodrigues hat es entwickelt als Auftragsarbeit für die „Frankfurter Positionen“, das am Donnerstag beginnende interdisziplinäre „Festival für neue Werke“.

Überall liegt Unrat herum, Plastikplanen, Matratzen, Fetzen. Dazwischen hausen sie, die Menschen, im Müll. Sie steigen aus ihren Lagern, zerren sich gegenseitig an Haaren und Gliedern, formieren sich zu einer Art Protestzug. Mit Lumpen am Leib und dem, was sie vorfinden, geben neun Tänzerinnen und Tänzer der Wut ihren Ausdruck.

„Die Szenen auf der Bühne sind inspiriert von emotional aufgeladenen Situationen in Brasilien, aber auch in anderen Teilen der Welt“, schildert Lia Rodrigues. „Wir haben eine Sammlung von Bildern kreiert, in die wir einzutauchen versuchen, um zu sehen, was daraus entsteht, um choreographische Positionen zu schaffen: Orte, Bewegungen, Farben, Strukturen, Umwelt.“

Sehr bedeutsam für das Stück sei außerdem die afro-brasilianische Schriftstellerin Conceição Evaristo gewesen. „Sie hatte eine Ausstellung im Centro de Artes da Maré, wo wir arbeiten, in Rio de Janeiro“, erzählt Lia Rodrigues. „Ihre Texte haben uns sehr bei unseren Improvisationen geholfen, sie haben Fragen aufgeworfen: Wer kann sprechen, wer hat das Recht zu sprechen? Warum werden manche Stimmen nicht gehört, und was kann man tun, um ihnen Gehör zu verschaffen?“

Maré ist eine Favela, mit gut 130 000 Einwohnern eine der größten von Rio de Janeiro. 2004 begann Lia Rodrigues mit ihrer 1990 gegründeten Companhia de Danças dort zu arbeiten, 2009 renovierte die Gruppe mit Unterstützung der Selbsthilfe-Organisation „Redes da Maré“ ein leerstehendes Lagerhaus am Rande der Favela und richtete darin ihr Ausbildungs- und Probenzentrum ein. Für manche Jugendliche ist die Tanzkompanie der berühmten Choreographin mit der angegliederten Tanzschule zum Sprungbrett in die professionelle Tanzkarriere geworden. Auch die Künstler, die in „Fúria“ tanzen, stammen aus Maré.

Lia Rodrigues wurde 1956 in São Paulo geboren, lernte zunächst klassisches Ballett und studierte Geschichte. Die Favela lehre einen sehr viel: „Die Menschen, die dort leben, haben gelernt, sich tagtäglich neu zu erfinden. ‚Ja‘ zu sagen, obwohl das Leben ständig ‚nein‘ brüllt.“ Es sei außergewöhnlich, welches Potenzial an Gedanken und Ideen es an den Rändern der Stadt gebe, welche Wege, Projekte zu entwickeln, zu bauen, zu leben, zu überleben. „Ich denke, dass die Lösung nur von dort kommen kann, von der Peripherie“, sagt die Choreographin. „Und damit meine ich nicht nur die Peripherie Brasiliens, sondern alle Peripherien: Sie können uns, die wir im Zentrum leben, sehr viel beibringen.“

Aktuell ist allerdings zu befürchten, dass sich die Situation in Brasilien verschlechtern wird, nicht nur in den Armenvierteln. Der im Oktober 2018 neu gewählte, ultrarechte Präsident Jair Bolsonaro, ein Ex-Militär, droht seit seinem Amtsantritt Anfang Januar, das größte Land Südamerikas radikal umzukrempeln. Schon im Wahlkampf hat er gegen Schwarze, Indigene, Frauen, Homosexuelle und Linke gehetzt, den Umwelt- und Klimaschutz für nichtig erklärt und kritischen Künstlern den Kampf angesagt. Was das für Brasilien und speziell auch für ihre Arbeit bedeute, könne sie nicht einfach kurz in Worte fassen. Die Problematik sei „viel zu komplex“, sagt Lia Rodrigues. „Und es ist eine Tragödie! Eine Tragödie nicht nur für Brasilien, sondern auch für den Rest der Welt.“ Mit seinen Hasstiraden sorge Bolsonaro dafür, dass das Schlechteste, die niedersten Instinkte des Menschen angefeuert würden.

Doch obwohl „Fúria“ wie ein direkter Kommentar auf den massiven Rechtsruck Brasiliens wirkt, schildere das Stück eine Situation, die schon sehr lange bestehe. Die Lage in Maré und anderen Favelas sei schließlich seit jeher schrecklich. Auch für ihre Companhia de Danças werde sich mit Bolsonaro wohl gar nicht so viel ändern, da sie ohnehin keine staatlichen Subventionen bekomme, berichtet Lia Rodrigues.

Nach „Fúria“ gehe es für sie daher weiter „wie immer: Widerstand leisten, arbeiten, kooperieren“. Dabei wolle sie nicht nur neue Tanzstücke kreieren, sondern auch Verbindungen knüpfen „zwischen Menschen und Welten“. Was Brasilien betreffe, sei nichts gewiss. „Wir können untergehen, alles kann kollabieren, aber wir müssen einen Weg finden, uns zu wehren, präsent zu bleiben an allen Schauplätzen.“

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