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Im Anflug: Pilot Olaf-Rene Hartmann nimmt mit einem Motorsegler Kurs auf den heimatlichen Flugplatz im Erlenbachtal bei Wehrheim.

Hochtaunus

Von Wolke zu Wolke

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Vor sechs Jahrzehnten hat der Luftsportclub Bad Homburg sein Gelände am Erlenbach eingeweiht. Das Jubiläum wird im August mit großem Programm gefeiert.

Es riecht nach frisch gemähtem Gras, der nahe Erlenbach gluckst vernehmlich, träge schlappt ein rotweißer Windsack. Auf der Wand des Towers sind die Ortsnamen „Wehrheim“ und „Neu-Anspach“ zu lesen, vor dem Vereinsheim stehen Kaffeekanne und Bienenstich bereit.

Ein großartiger Ort, den sich der Luftsportclub Bad Homburg (LSC) als Flugplatz erkoren hat. Und erkämpfen musste, damals, Ende der 50er Jahre. Hier, wo sich heute eine 650 Meter lange Start- und Landebahn erstreckt, wo 140 aktive Vereinsmitglieder ihrer luftigen Leidenschaft frönen, war einst Bauernland. Auwiesen, Äcker, sumpfiges Geläuf.

Wenn im August das traditionelle „Flugfest für die ganze Familie“ stattfindet, wird zugleich der idyllische Platz an der Gemarkungsgrenze gefeiert. Am 14. April 1957 haben sich die ersten beiden Segelflugzeuge aus dem hiesigen Bachgrund in höhere Gefilde erhoben.

„Nach unserer Gründung wurde sechs Jahre lang nach einem geeigneten Flugareal gesucht“, sagt der Vereinssprecher und ehemalige Vorsitzende Horst-Walter Schwager. Die Reise führte über Gelnhausen, Harheim, Ockstadt, Egelsbach, Meusfelden, Merzhausen, Kirdorf und Seulberg schließlich an die Gestade des Erlenbachs. „Dem Gründungsmitglied Gerhard Heinecke ist die Entdeckung zu verdanken.“ Was sich mittlerweile als grasbewachsene und begradigte Fläche vollständig im Besitz des LSC befindet, war vordem ein landwirtschaftlich genutzter „Flickenteppich“. Mit 27 Eigentümern und Pächtern mussten die Verhandlungen aufgenommen werden.

Die mit zäher Beharrlichkeit erreichten Ankäufe sind für Schwager „die herausragende Leistung der Vorfahren“. Auch körperlicher Einsatz war gefragt: Weil die Luftsegler beim Einbringen der Ernte halfen, schwand das bäuerliche Misstrauen, entspannten sich die Debatten. Parzellenweise vergrößerte sich fortan der Flugplatz – im Beisein grasender Kühe und einer solide aufstrebenden Kiefer.

Dass dem hinderlichen Baum ein Sprengmeister den Garaus machte, ist in der Chronik nachzulesen. Für sein explosives Tun wurden dem Mann 21,75 Mark ausbezahlt. 21 Euro muss in unseren Tagen hinlegen, wer einen Motorschlepp in Anspruch nimmt. Zum Vergleich: Der Start per Winde kostet 3,50 Euro.

Aktuell dehnt sich der Vereinsplatz auf 1400 mal 70 Meter: Raum genug für Clubhaus, Tower, die Hallen und den Segelverkehr. Nachbargrundstücke werden mittlerweile gerne erworben, um den Betrieb zukunftsfähig zu halten.

Seit den schwierigen Anfängen – in der Nachkriegsnotzeit galt das alliierte Flugverbot – ist das Selbermachen eine Konstante. „Bis heute geschieht hier alles in Eigenleistung und mithilfe unserer Mitgliedsbeiträge“, so Horst-Walter Schwager. Die Gemeinschaft scheint gut aufgestellt: Alle Altersschichten sind vertreten, eine Bandbreite vom Handwerker bis zum Berufspilot. Im Mittelpunkt steht seit jeher der fast geräuschlose Segelflug – „was für jeden LSCler die wahre Fliegerei bedeutet“.

Nicht verwunderlich, dass der im Grenzgebiet zweier Taunusgemeinden liegende Bachgrund auch als „Leistungszentrum“ bezeichnet wird. „Wir bilden junge Menschen zu Langstreckenfliegern aus.“ Schon 14-Jährige dürfen sich in ein Wissensgebiet begeben, in dem die „Luftfahrkarte Deutschland“ maßgebliches Utensil ist. Wer also „auf Strecke gehen“ möchte, muss imstande sein, ausschließlich nach Sicht zu fliegen, im besten Falle „von Wolke zu Wolke“. Als Vorbild darf Club-Fluglehrer Gerd Spiegelberg gelten, der sich vor wenigen Wochen der Thermik anvertraute, innerhalb von neun Stunden etwa 1000 Kilometer zurücklegte und dabei den Luftraum zwischen Erlenbach, Unterweser und Saar durchmessen konnte. Nicht immer funktioniert alles reibungslos. Auch dem Erfahrenen kann es passieren, dass unterwegs die thermischen Gegebenheiten wechseln, das Himmelszelt schleunigst verlassen werden muss. „Außenlandungen gehören zum Trainingsprogramm.“ Überhaupt sei die Fliegerei eine Charakterschule – „Achtsamkeit ist wichtig, Voraussicht“.

Über dem Heimathafen der Homburger Flugsportler befindet sich – eine weitere Besonderheit – der „Deckel“. Sein unbedingt zu beachtendes Dasein ist der Nähe zum Flughafen Frankfurt geschuldet. Horst-Walter Schwager: „Wir dürfen hier eine Höhe von 1300 Metern nicht überschreiten, sonst kommen uns Verkehrsmaschinen in die Quere.“ Immerhin, so Schwager, komme es pro Jahr zu rund 5000 Starts.

Flugschauen und Ausbildungslager

Das Gelände, auf dem Freiheit und Eigenverantwortlichkeit so hoch im Kurs stehen, wird regelmäßig mit publikumswirksamen Veranstaltungen bespielt. Obligatorisch sind die Flugschauen und Ausbildungslager, im kommenden Jahr soll das Landschaftsschutzgebiet wieder Kulisse für einen Meisterschaftswettbewerb sein. „Daneben steht unser Haus auch Wanderern, Radfahrern oder Reitern offen – sogar im Winter wird serviert.“

Obwohl die himmelsnahen „Wetterexperten“ stets nach oben blicken, bleibt das Bodenständige nicht unberücksichtigt. Für den begleitenden Lauf des Erlenbachs wurde die Patenschaft übernommen, das alte Agrarland in gemeinsamer Anstrengung reguliert. Regelmäßig stehen Prüfungen durch das Regierungspräsidium ins Haus. „Der Genehmigungsdruck ist schon hoch.“

Horst-Walter Schwager lässt den Blick schweifen. Von ferne grüßen die Türme des Feldbergs, der zartblaue Himmel darüber ist wolkenlos. „Schwimmbadwetter“ heißt es dazu im Jargon. Nein, in den Segler wird er heute nicht steigen. Zu trocken und warm sei die Luft. „Die Blauthermik ist nichts für uns.“

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