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Probe der Musiker in der Musikhochschule Frankfurt. Peter Jülich

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Musik ohne Grenzen

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Flüchtlinge, Studierende der Frankfurter Musikhochschule sowie der Frankfurt University of Applied Sciences bringen gemeinsam das Werk „Hänsel, Gretel, Du und ich – eine Oper auf der Flucht“ auf die Bühne.

Hänsel und Gretel, Kinder eines armen Holzfällers, verirren sich im Wald und werden von einer bösen Hexe gefangen. Es gelingt ihnen, die Hexe zu überlisten. Sie kehren heim und alles wird gut. Viele Menschen träumen davon, dass sich alles zum Guten wendet. Sie irren durch Europa, auf der Flucht vor Krieg und Terror. Wie es für sie ausgehen wird, ist ungewiss.

Der Frankfurter Kunst- und Kulturverein Art-Q hat das altbekannte Märchen von Hänsel und Gretel mit gesellschaftspolitischem Zeitgeschehen verknüpft. Herausgekommen ist eine ganz besondere Oper, bei der junge Menschen mitwirken, die nach Deutschland geflohen sind. Sie spielen, tanzen und singen gemeinsam mit Studierenden der Frankfurter Hochschule für Musik und Darstellende Kunst (HfMDK) sowie des Studiengangs Soziale Arbeit der Frankfurt University of Applied Sciences. Die insgesamt 50 Frauen und Männer haben nach der Vorlage von Engelbert Humperdincks Oper „Hänsel und Gretel“ ihre eigene Geschichte inszeniert: „Hänsel, Gretel, Du und ich – eine Oper auf der Flucht“.

Die Idee, ein solches Projekt ins Leben zu rufen, hatte Theaterpädagoge Timo Becker von Art-Q bereits vor eineinhalb Jahren: „Wir wollten die ganze Zeit schon ein Stück mit Flüchtlingen machen.“ Im vergangenen Jahr sei das Thema immer brisanter geworden. Gemeinsam mit den beiden anderen Projektleiterinnen Maja Wolff und Charlotte Armah begab sich Becker in die Flüchtlingsunterkünfte im Rhein-Main-Gebiet, um Mitwirkende zu suchen. Sie fanden 17 Frauen und Männer zwischen 17 und 35 Jahren, die mitmachen wollten.

Einer von ihnen ist Edrees Heravi. Der 30-Jährige ist vor zwei Jahren aus Afghanistan nach Deutschland gekommen und lebt in einer Unterkunft in Heusenstamm. Dass er einmal auf einer Bühne in Deutschland stehen wird, hätte er nicht gedacht. „Es war immer mein Traum zu singen.“ In Afghanistan konnte er ihn nicht verwirklichen. Die Taliban haben die Musik verboten, wie er sagt. Musik sei wichtig für ihn. „Sie berührt mich.“ In Kabul hatte er eine Kollektion von CDs. Auch eine mit Musik von Mozart sei dabei gewesen, die er sich gelegentlich anhörte. Die Probe in der HfMDK fällt ihm an diesem Tag nicht leicht, er hat Zahnschmerzen.

Die Gruppe wärmt sich auf, es folgen Atem- und Stimmübungen. Es wird viel gelacht. Der Chor singt „Brüderchen, komm’ tanz mit mir“, erst in der klassischen, dann in einer Rap-Version. Dann folgt der „Abendsegen“, der aus einem arabischen und einem chinesischen Schlaflied besteht.

Geprobt wurde am Anfang in Deutsch und Englisch, doch mittlerweile fast nur noch in Deutsch. „Die Flüchtlinge bestehen darauf“, sagt Timo Becker. In Arbeitsgruppen haben die Teilnehmerinnen und Teilnehmer diskutiert, was zum Beispiel Heimat bedeutet oder für was die Hexe steht. Das alles floss in die Oper mit ein.

Bei der Musik bleibt die Aufführung eng bei Humperdinck. Es gibt eine Märchenerzählerin, es gibt Gefahren. Doch in einem Punkt unterscheidet sich die Frankfurter Aufführung von Humperdinck: Ein Happy End wird es nicht geben.

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