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Aus dem Bauch - Matthew Wild inszenierte auch "Don Giovanni" in Kapstadt.

Oper

Katja gegen den Rest der Welt

Liebe und Tod sind die Kernelemente vieler Opern. "Katja Kabanowa" von Leo? Janácek zeigt, wie eine Frau an gesellschaftlichen Zwängen und Repressionen zugrunde geht. Der südafrikanische Regisseur Matthew Wild inszeniert das Werk in Wiesbaden.

Von Stefan Schickhaus

Es ist gar nicht lange her, dass der Darmstädter Generalmusikdirektor Will Humburg eine ganze Reihe von Janácek-Opern für den Spielplan seines Staatstheaters angekündigt und mit „Das schlaue Füchslein“ auch gleich die erste herausgebracht hat. Doch das zweite Hessische Staatstheater, das in Wiesbaden, findet ebenfalls Gefallen am tschechischen Komponisten Leo? Janácek und seinem Musiktheater. Hier hat Mitte Januar nun „Katja Kabanowa“ Premiere, die der Komponist als „die allerzarteste meiner Opern“ bezeichnet hat. Es geht um eine Frau, die unglücklich verheiratet ist und in einer Affäre emotionale Erfüllung und moralische Irritation zugleich findet. Ihr Leben endet, opernwirkungsvoll, in den Fluten der Wolga.

Diese Wolga ist denkbar weit weg von Kapstadt, wo der Regisseur Matthew Wild Artistic Director der Cape Town Opera ist. Doch von Kapstadt, sagt der Südafrikaner, ist alles gleichermaßen weit weg. „Südafrikanische Opernmacher sind wie die aus Australien, Neuseeland, Korea oder den USA nicht in einer nationalen Schule gefangen – und damit umso offener für all die schönen Stücke, die ihnen alle ja gleichermaßen fremd sind in Sprache und Kultur, ob nun komponiert von italienischen, deutschen, französischen, tschechischen, russischen oder britischen Komponisten“, sagt Wild. Und eine Geschichte wie die der unglücklichen Katja aus Kalinow könne, ja müsse „in allen Kulturen immer wieder neu erzählt werden“.

Matthew Wild besorgt die Neuinszenierung der Janácek-Oper, und er hat angekündigt, dass man auf der Wiesbadener Bühne nicht das Russland des 19. Jahrhunderts zu sehen bekommen wird, sondern das von heute. „Katja Kabanowa“ sei wie „Wozzeck“ oder „Peter Grimes“ ein Meisterwerk des 20. Jahrhunderts, „das die erschreckende Wirkung untersucht, die eine repressive Gesellschaft auf eine Person ausübt“, so Wild. Da interessierte es ihn, „welche Resonanzen die Geschichte in der modernen Welt haben kann“.

Deutschland-Debut

Matthew Wild, der an der Cape Town Opera vor allem Klassiker wie Rossinis „Il Viaggio a Reims“, Puccinis „Suor Angelica“, Mozarts „Don Giovanni“ oder Strawinskys „The Rake’s Progress“ inszeniert hat, ist glücklich darüber, zum ersten Mal an einem Theater mit Repertoire-Betrieb arbeiten zu können. „Ob in Südafrika, Schweden oder Australien: Immer habe ich nur an Häusern mit Stagione-Prinzip inszeniert. Dass an einem Haus so viele verschiedene Produktionen auf verschiedenen Bühnen vorbereitet und gespielt werden, jeden Abend ein anderes Stück, ist für mich neu – aber ich liebe es! Überall sind Sänger und Musiker unterwegs, Schauspieler und Techniker, wie in einem Bienenstock.“

Für den Opernmann aus Kapstadt ist sein Wiesbaden-Gastspiel gleichzeitig auch seine Deutschland-Premiere - wobei er gesteht, „die Innovation und konzeptionelle Kühnheit deutscher Theaterproduktionen immer bewundert“ zu haben. Als Regisseur aus Südafrika habe er hier nun die Möglichkeit gefunden, „europäische Einflüsse mit Merkmalen des südafrikanischen Theaters zu verschmelzen, ein Theater, das generell sehr physisch, sehr energetisch ist.“ Der kühl-intellektuelle Zugang sei nichts für ihn, sagte er: „Ich brauche ein Theater, das sich mehr an den Bauch als den Kopf des Zuschauers richtet.“

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