Tiberius Verman (li.) und seine Frau verkaufen auf dem Wochenmarkt Künstler-Tüten für notleidende Kreative.
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Tiberius Verman (li.) und seine Frau verkaufen auf dem Wochenmarkt Künstler-Tüten für notleidende Kreative.

Neu-Isenburg

Papiertüten mit Mehrwert in Neu-Isenburg

  • Annette Schlegl
    vonAnnette Schlegl
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Papiertüten mit aufgeklebten kleinen Original-Kunstwerken sollen notleidenden Künstlern helfen. Sie werden samstags auf dem Wochenmarkt in Neu-Isenburg verkauft.

Es mutet skurril an: Mittendrin im Marktgeschehen in Neu-Isenburg, dort, wo Erzeuger jeden Samstag Gemüse, Brot, Käse und Wurst verkaufen, steht ein Stand mit kleinen, aber feinen Kunstwerken. Papiertüten mit Original-Aquarellen, -Acrylbildern und -Zeichnungen hängen zum Verkauf an der Zeltplane. Mit dieser verzweifelten Aktion versuchen regionale Künstler, ein bisschen Geld in ihre leeren Kassen zu spülen, um die existenzbedrohende Corona-Krise zu überleben.

Tiberius Verman ist Dreh- und Angelpunkt der Aktion: Seit zwei Wochen stellt er samstags den Marktstand vor seiner Galerie Tiberius in der Fußgängerzone Bahnhofstraße auf und versucht zusammen mit seiner Frau Anna Teufel, die Künstler-Tüten an den Mann oder die Frau zu bringen. Als Galerist hat er nicht nur eine Geschäftsbeziehung mit zahlreichen renommierten Künstlern, sondern hat auch ein Herz für sie.

Die Künstler-Tüten sind Unikate. Sie sind auf ihrer Vorderseite mit handgefertigten Kunstwerken beklebt und auch handsigniert. Künstler, die Verman seit Jahren in seiner Galerie vertritt und in seinen Ausstellungen präsentiert, haben die Bilder gemalt. Kleine Kunstwerke von Hanelore Lott aus Spanien und von Frank Ruffing aus dem Saarland hatte Verman noch auf Lager, Petra Ehrnsperger aus Mainz und Veronika Scherer aus Neu-Isenburg haben zusätzlich eine Woche lang je 30 bis 40 kleine Bilder für die Künstler-Tüten gemalt.

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Die Künstler-Tüten werden in den kommenden Wochen jeweils samstags von 10 und 13 Uhr auf dem Wochenmarkt in der Fußgängerzone Bahnhofstraße in Neu-Isenburg verkauft.

Die Galerie Tiberius in der Bahnhofstraße 3 in Neu-Isenburg ist Dienstag, Donnerstag und Freitag von 11 bis 18 Uhr, sowie Mittwoch und Samstag von 11 bis 14 Uhr geöffnet.

Die Rodgau-Galerie im 1. Stock des Rektor-Geißler-Hauses, Nieuwpoorter Straße 90, in Rodgau-Dudenhofen öffnet am Sonntag, 24. Mai, wieder. In der Ausstellung „unendlich endlich“ zeigen 41 Künstler bis 14. Juni Werke zum Thema Vergänglichkeit, und zwar mittwochs von 18 bis 21 Uhr und sonntags von 14 bis 18 Uhr. Auf der städtischen Homepage gibt es auch einen 25-minütigen Film durch die Ausstellung.

Die Galerie Kunstforum im „Alten Haus“, Frankfurter Straße 13, in Seligenstadt hat wieder auf und zeigt in der Ausstellung „geheimgeheim“ bis 28. Juni anrührende Werke von sechs Darmstädter Künstlerinnen. Die Öffnungszeiten: samstags, sonntags und feiertags von 15 bis 18 Uhr. ann

19,50 Euro kostet jedes Exemplar. „Viel Geld für eine kleine weiße Papiertüte“, mag sich mancher denken. Doch die Aquarelle, Acrylbilder und Zeichnungen lassen sich ganz einfach von der Tüte ablösen und dann einrahmen. „Normalerweise kosten die Werke der Künstler und Künstlerinnen in dieser Größe zwischen 150 und 400 Euro“, sagt Verman. In der Corona-Krise bieten sie ihre Kunstwerke auf den Tüten nun zu Spottpreisen an, um überhaupt malen zu können. „Auch wenn nur 50 Euro zusammenkommen an einem Samstag, ist das genug Geld, um Farben und Material kaufen zu können“, sagt Verman.

Christoph Lauer aus Dreieich-Buchschlag weiß, dass die Künstler-Tüten ein Schnäppchen sind und die Kunstwerke weit unter Wert verkauft werden. „Man bekommt mehr, als man gibt“, sagt er. Gerade hat er am Stand eine Kohlezeichnung von drei Tänzerinnen erstanden, die Hanelore Lott gefertigt hat. „Diesmal was Figürliches“, murmelt er. Dem fragenden Blick begegnet er mit dem Hinweis, dass er in der Vorwoche schon fünf Künstler-Tüten mit abstrakten Motiven gekauft hat. „Wir sammeln Kunst“, erklärt er. Außerdem bräuchten die Künstler Unterstützung. „Es kommt ja nichts rein.“

Ähnlich denkt auch Georg Rettig aus Neu-Isenburg, der kurze Zeit später den Stand belagert, auf den der Bildhauer Rainer Mahr mit Livemusik auf dem Saxophon aufmerksam macht. „Die Gemeinde geht vor die Hunde, wenn es keine Kultur mehr gibt“, sagt er, kauft zwei Künstler-Tüten und gibt statt der 39 Euro glatte 50 Euro. „Kunst unterstütze ich gerne“, erklärt er.

Viel verkaufen Verman und Teufel am Samstag jedoch nicht, obwohl sogar die ortsansässigen Anbieter die Aktion unterstützen: Wer am Künstlertüten-Stand einen Gutschein für 20 Euro kauft, erhält Waren im Wert von 25 Euro. Trotzdem erstehen nur sechs Kunden die Künstler-Tüten. Bei der Premiere eine Woche vorher sah das ganz anders aus. Rund 20 Kunden seien wohl da gewesen, sagt Verman, die 40 bis 50 Exemplare gekauft hätten. „Das war wohl beeinflusst vom Muttertag“, vermutet er.

Für Petra Ehrnsperger hat sich die Idee der Künstler-Tüten schon ausgezahlt: Ein Kunde habe für 500 und 900 Euro spontan zwei großformatige Bilder von ihr gekauft, berichtet Verman. Auch Hanelore Lott hat so einen Mäzen gefunden, der als Soforthilfe für sie eine Anzahlung auf ein großes Bild machte. Verman strebt nun sechsmonatige Patenschaften an, bei denen der Kunde mit Originalkunst belohnt wird.

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