1. Startseite
  2. Rhein-Main

Wirtschaft in Hessen: „Der Fachkräftemangel gefährdet den Wohlstand“

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Peter Hanack, Christoph Manus

Kommentare

Kirsten Schoder-Steinmüller, die neue Präsidentin des Hessischen Industrie- und Handelskammertages, in ihrem Langener Betrieb. Das Familienunternehmen Schoder ist in der Metallverarbeitung tätig.
Kirsten Schoder-Steinmüller, die neue Präsidentin des Hessischen Industrie- und Handelskammertags, in ihrem Langener Betrieb. Das Familienunternehmen Schoder ist in der Metallverarbeitung tätig. © Renate Hoyer

Die neue Präsidentin des Hessischen Industrie- und Handelskammertags spricht im FR-Interview über den demografischen Wandel, Zuwanderung und Corona im eigenen Unternehmen.

Frau Schoder-Steinmüller, die Infektionszahlen steigen von Tag zu Tag stark an. Wie sehr leiden die Unternehmen in Hessen schon unter der Omikron-Welle?

Mir sind aus meinem Umkreis noch keine großen Ausfälle bekannt. Die Unternehmen sind froh darüber, dass wir jetzt mit der neuen Corona-Schutzverordnung kürzere Quarantäne-Zeiten haben, also die Möglichkeit, dass sich Beschäftigte nach sieben Tagen freitesten können.

Dann dürfte es in Ihrem Sinne sein, dass frisch geimpfte oder geboosterte Kontaktpersonen von Infizierten nun weiter zur Arbeit gehen können ...

Absolut. Gut ist, dass dabei nicht unterschieden wird zwischen „notwendigen“ und anderen Unternehmen. Die Lieferketten sind mittlerweile so miteinander verwoben, dass man kaum noch unterscheiden kann, welche Bereiche relevant und welche weniger relevant sind.

Sie leiten einen Betrieb in der Metallbranche mit 70 Beschäftigten. Wie viele davon sind nicht geimpft?

Mein letzter Stand ist, dass acht nicht geimpft sind, von denen sich zwei im Spätherbst infizierten und dann in Isolation waren.

Was bedeutet es für die Abläufe im Betrieb, wenn dort ungeimpfte Beschäftigte arbeiten?

Alle Beschäftigten, von denen wir wissen, dass sie nicht geimpft sind, müssen sich jeden Tag im Betrieb von einer dafür geschulten Kollegin testen lassen. Sonntags nutzen viele die Bürgertests.

Wie groß ist die Gefahr, dass es bei einem weiteren Anstieg der Fälle zu Produktionsstillständen und großen Problemen mit den Lieferketten kommt, weil viele Menschen gleichzeitig krankheitsbedingt ausfallen?

Die Gefahr gibt es in vielen Unternehmen. Wir selbst haben zwei getrennte Betriebshallen, zwischen denen es so gut wie keinen Kontakt gibt. Dadurch könnten wir auch bei einem Ausbruch die Produktion zumindest zum Teil weiterlaufen lassen.

Wie sehr machen Lieferengpässe der hessischen Wirtschaft zu schaffen?

Sie sind ein sehr großes Thema. Wir haben eine Halle mit einem Flachdach, das neu gedeckt werden musste. Das mussten wir in zwei Etappen angehen, weil wir dafür nicht genug Material bekommen haben. Wir selbst arbeiten mit Stahl und Aluminium und spüren sehr, wie die Preise davongaloppieren. Das sind prozentuale Steigerungen im zweistelligen Bereich. Wir haben schon im Oktober unsere Preise erhöht – und müssen das spätestens im März erneut tun. Noch schlimmer ist es bei Kupfer. Das benötigen wir für einen Batteriehersteller. Doch Kupfer ist zurzeit kaum noch zu bekommen.

Wie gehen Sie mit diesen Engpässen um?

Wir haben unseren Lagerbestand ziemlich stark ausgebaut.

Lässt sich das beziffern?

Etwa 30 Prozent mehr Material als in früheren Jahren liegt inzwischen bei uns. 2020 und 2021 waren für uns gute Jahre. Dadurch hatten wir die Liquidität, das Material vorzufinanzieren.

Ist das ein allgemeiner Trend, dass Unternehmen mehr Material vorrätig halten?

Es versuchen schon viele derzeit, sich die Materialien rechtzeitig zu sichern. Es wäre auch gut, wenn die Produktion in Deutschland etwas weniger abhängig von Lieferungen aus dem Ausland wäre. Doch das ist ein hehres Ziel. Ein schönes Beispiel ist Roh-Aluminium. Nicht mal ein Prozent wird noch in Deutschland produziert. Das lässt sich nicht so schnell ändern.

Zur Person

Kirsten Schoder-Steinmüller (59) ist seit November 2021 Präsidentin des Hessischen Industrie- und Handelskammertags. Dieser vertritt als Dachorganisation der zehn Industrie- und Handelskammern in Hessen rund 400 000 Mitgliedsunternehmen.

Die Diplom-Betriebswirtin leitet den metallverarbeitenden Betrieb Schoder in Langen (Kreis Offenbach). cm

Viele Unternehmen nennen den Fachkräftemangel als größte Sorge. Wieso spitzt sich dieser so zu?

Die Unternehmen haben zunehmend Schwierigkeiten, ihre Ausbildungsplätze zu besetzen. Dieses Problem hat sich in der Pandemie verschärft. Es gibt weniger Praktika, wir können weniger in die Schulen hinein. 3000 Lehrstellen sind allein im IHK-Bereich im Herbst unbesetzt geblieben. Der Hauptgrund ist aber die demografische Entwicklung: Die geburtenstarken Jahrgänge gehen in den Ruhestand, manche bereits mit 63. In dieser Anzahl und Geschwindigkeit können Sie kaum ausbilden oder nachbesetzen.

Was heißt das für die hessische Wirtschaft?

Die Folgen sind eklatant. Wir rechnen damit, dass bis 2035 etwa 495 000 qualifizierte Fachkräfte in Hessen fehlen werden.

Zumindest die demografische Entwicklung kommt ja nicht überraschend. Was tun Sie, was tun die hessischen Unternehmen, um dennoch genug Fachkräfte zu finden?

Wir setzen auf viele kleine Maßnahmen, wir haben etwa Ausbildungsbotschafter, junge Auszubildende, die in die Schulen gehen. Wir müssen als Gesellschaft aufhören, so zu tun, als wäre ein Studium das allein Seligmachende. Wir müssen es schaffen, dass eine duale Ausbildung ein höheres Ansehen genießt.

Die Kampagnen laufen ja nun schon einige Jahre, die Appelle klingen seit Jahren gleich, so richtig geholfen hat das bislang doch nicht, oder?

Wir dürfen nicht nachlassen. Wir müssen die Eltern, die Großeltern ansprechen. Es muss noch viel bekannter werden, welche Möglichkeiten eine duale Ausbildung bietet, dass man dort von Anfang an ganz gut verdient und ja immer noch studieren kann, wenn man denn noch möchte.

Ist der Fachkräftebedarf ohne Zuwanderung überhaupt zu decken?

Wir werben als hessische Wirtschaft für eine qualifizierte Zuwanderung. Als Unternehmen haben wir uns an der Einstiegsqualifizierung beteiligt, haben zwei Geflüchtete im Betrieb aufgenommen, die parallel in der Schule Sprachunterricht und Mathematik hatten. Zumindest einer hat es erfolgreich geschafft und ist jetzt hier Geselle. In solchen Fällen muss es einfacher werden, beispielsweise Aufenthaltsgenehmigungen zu bekommen. Das ist oft sehr zäh.

Zuwanderung ist ein etwas billiger Weg, Fachkräfte zu bekommen. Was ist denn mit der steigenden Zahl Jugendlicher, die die Schule ohne Abschluss verlassen?

Die Arbeitsagenturen sind da schon hinterher. Ein anderes Potenzial wäre, Teilzeitkräfte zu Vollzeitkräften zu machen, wenn die Vereinbarkeit von Familie und Beruf durch den geplanten weiteren Ausbau der Kinderbetreuung einfacher wird.

Was ist mit jenen Betrieben, die Schwierigkeiten haben, einen Betriebsnachfolger zu finden? Gerade erst hat das Handwerk von 8000 solcher Betriebe gesprochen, die dadurch in ihrem Fortbestehen gefährdet sind.

Im Bereich der hessischen Industrie- und Handelskammern ist ein Fünftel der Unternehmerinnen und Unternehmer 55 Jahre oder älter. Rund 12 000 Betriebe müssen in den nächsten vier Jahren übergeben werden. Ein Drittel sucht außerhalb der eigenen Familie beziehungsweise des eigenen Unternehmens.

Wie geht es mit der Firma Schoder weiter?

Ich selbst bin 1984 in den Betrieb eingestiegen, und ich glaube, ich hatte auch nicht allzu viele Wahlmöglichkeiten. Aber ich mache meinen Job wirklich sehr gerne. Ich habe drei Töchter, von denen eine vor fünf Jahren in die Firma eingetreten ist. Es sieht also so aus, als könnte Schoder auch in der nächsten Generation ein Familienunternehmen bleiben.

Ist der Wohlstand in Hessen durch den Fachkräftemangel und das Fehlen von Betriebsnachfolgern gefährdet?

Ja, der ist sicher gefährdet, wenn es uns nicht gelingt, da gegenzusteuern.

Interview: Peter Hanack und Christoph Manus

Auch interessant

Kommentare