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Wirbelnde Körperpuzzles

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„50 Shades of Shame“ ist vom 17. bis 19. November im Künstlerhaus Mousonturm zu sehen.
„50 Shades of Shame“ ist vom 17. bis 19. November im Künstlerhaus Mousonturm zu sehen. © Doro Tuch

Das Theaterkollektiv She She Pop fragt in seinem Stück „50 Shades of Shame“ im Frankfurter Mousonturm mit komplexen Collagen aus Brüsten, Bäuchen und Beinen nach finsteren Begierden.

Von Ulrike Krickau

Vom Bonobo aus betrachtet ist „50 Grades of Shame“ eine völlig überflüssige Theaterproduktion, denn für den Bonobo ist klar: Zum Sex braucht es zwei Primaten, notfalls tut’s auch einer, und dann kann es losgehen.

Beim Menschen ist es komplizierter. Nun ja, eigentlich nicht so viel komplizierter, aber meist meint der Mensch, es brauche zum Sex ziemlich viel an Reflektion (sagt die Psychologie), an Welterkenntnis (sagt der Philosoph) oder zumindest an Duftstoffen (rät die Parfümeriefachverkäuferin).

Nichts da, sagt She She Pop. Das Theaterkollektiv nahm in den 90ern am Gießener Institut für Angewandte Theaterwissenschaften seinen Anfang und verbindet seither in seinen aufregenden, spannenden Produktionen wildes Theater mit einem mindestens genauso wilden Durchdenken der autobiografischen Verwicklungen mit dem zu betrachtenden Thema.

Für ihr Stück „Testament“ behandelten sie mit ihren eigenen Vätern den Generationenkonflikt à la König Lear. Dafür wurden sie mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Preis des Goethe-Instituts. In einer neuen Produktion versuchen sie, dem weiblichen Verzicht mit ihren eigenen Müttern auf die Spur zu kommen.

„50 Grades of Shame“ ist ein Bilderreigen, sagt She She Pop und schafft auf der Bühne einen wüsten Atlas der Möglichkeiten. Der Titel des Stücks führt auf die richtige Spur, doch neben dem Sado-Maso-Liebe-Beststeller „Shades of Grey“ von E. L. James liegt der Produktion von She She Pop auch Frank Wedekinds „Frühlings Erwachen“ zugrunde.

Theoretisch. Praktisch geht es ganz anders zur Sache. Denn auf der Bühne machen sich die Akteure abwechselnd nackig. Teilweise. Nackte und bekleidete Körperteile werden von Kameras aufgenommen und wie in einem Umklappbuch, mit dem sich Kinder lustige Leute oder Tiere zusammenbasteln, auf zwei Leinwänden neu zusammengefügt. Die Variationsmöglichkeiten sind unendlich, denn auf der Bühne stehen Männer und Frauen in verschiedenem Alter und Format. Sie alle liefern die Beine, Bäuche, Brüste und Büsten für die Leinwände. Untenrum steht dann die Figur auf dünnen Beinchen, die tragen einen Kugelbauch mit dicken Brüsten und der darauf sitzende Männerkopf hat einen langen Bart. Und zack, schon ist wieder alles ganz anders. Dann schwebt die Brust als Mondkopf über dem Torso und so fort…

„Lektionen“ nennen She She Pop die einzelnen Szenen, sie lesen darin Texte von Wedekind und James, sprechen von eigenen Erfahrungen, aber viel mehr Aufmerksamkeit fällt auf die wirbelnden Körperpuzzles der Leinwände. In den besonders poetischen Momenten begegnen sich die entstehenden Bilder auf der Leinwand, sie küssen sich innig und wild, aber eben nur die Bilder, die Menschen begegnen sich nicht. Diese Lektion landet dann mitten im Rezeptionszentrum der Zuschauer.

Denn anders als der Bonobo hat sich der Mensch, so glaubt er, durch Reflektion, Wissen und Duftwässerchen, vielleicht aber auch durch eine Diät oder als Besserverdiener, seine Sexualpartnerberechtigung erwirtschaftet. Möglicherweise sitzt er mit dieser Ansicht aber auch, frei nach Platon, nur in einem Schattengewölbe und hat keine Ahnung, worum es beim Sex eigentlich geht. Triste Erkenntnis, gutes Theaterstück.

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